«Kinder sind Überlebenskünstler»

Die Historikerin Christine Luchsinger sagt, Kinderheime hätten früher versucht, die Familien zu kopieren. Heute sei alles professionell geregelt – mit neuen Nachteilen.

«Der Staat hat sicher versagt»: Christine Luchsinger auf ihrem Bürobalkon in Hottingen. Foto: Thomas Egli

«Der Staat hat sicher versagt»: Christine Luchsinger auf ihrem Bürobalkon in Hottingen. Foto: Thomas Egli

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Sie haben die Erziehung in den Kinderheimen der Stiftung «Gott hilft» zwischen 1916 und 2016 erforscht. Was hat Sie dabei am meisten überrascht?
Die Kinder. Sie haben sich über die letzten hundert Jahre erstaunlicherweise nur wenig verändert. Sie verfügen über äusserst spannende Strategien, um sich zu wehren oder anzupassen. Ihre Überlebenskünste über die ganze Zeitspanne haben mich sehr beeindruckt.

Haben sich die Erwachsenen auch so wenig verändert?
Das ist das Zweite, was mich überrascht hat. Während die Kinder sehr ähnlich geblieben sind, haben sich die Erwachsenen extrem gewandelt. Und mit ihnen ihr Bild von Erziehung und Kindheit überhaupt. Vor hundert Jahren hatte man noch das Ziel, es im Heim genau so zu machen wie in der Familie. Man sprach vom sogenannten Familiensystem.

Was versteht man darunter?
Man versuchte, die Familie zu kopieren. Das hatte zwei grosse Auswirkungen: Zum einen setzte es die Erzieher und insbesondere die Erzieherinnen stark unter Druck. Man glaubte, die Heimmütter wüssten rein biologisch, wie sie erziehen müssten. Sie könnten das einfach, sie hätten unendliche Geduld, Liebe und Fürsorge – und das trotz fehlender Ausbildung und 20 schwierigster Kinder. Die Heimmütter forderten das alles auch von sich selber. Die Überforderung war katastrophal.

Welche Rolle spielte dabei der Glaube?
Zwar half den Erzieherinnen der Glaube, der für die «Gott hilft»-Stiftung sehr wichtig war und ist. Doch er stand ihnen auch im Weg. Es gab blinde Flecken, gerade im Hinblick auf das christlich-bürgerliche Familienbild.

Es war entgegen dem Mythos so, dass die meisten Kinder Herkunftsfamilien hatten. Die Minderheit waren Waisen.

Was war die zweite Auswirkung des Familiensystems?
Es brachte die Kinder und Jugendlichen in grosse Loyalitätskonflikte. Wenn die Erwachsenen im Heim das «Müeterli» und der «Vatti» sind – wer sind dann die leiblichen Eltern? Es war entgegen dem Mythos so, dass die meisten Kinder Herkunftsfamilien hatten. Die Minderheit waren Waisen.

Wie erzieht man die Kinder heute?
Es ist wirklich anders geworden. Die ausgebildeten Erzieher erziehen Kinder nicht mehr wie in der Familie – weil sie wissen, dass sie dann in Konkurrenz zu den Eltern stünden. Sie sprechen stattdessen vom sogenannten Gruppensystem. Der Alltag ist so konstruiert, dass jedes Kind seine Bezugsperson hat, das schon. Aber es gibt Schichten, also auch andere Betreuer, und geregelte Arbeitszeiten. Das wäre früher undenkbar gewesen. Ich würde heute von einem herzlichen Arbeitsverhältnis sprechen.

Können Sie noch konkreter werden?
Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass heutige Heimkinder sehr klar über sich selbst reden können. Sie bezeichnen ihre Stärken und Schwächen viel genauer, als ich es aus meinem privaten Umfeld kenne. Mein eigenes Kind hätte das so nie gekonnt.

Worauf führen Sie das zurück?
Die Kinder in den Heimen der Stiftung lernen heute, sich selber zu reflektieren. Die Beziehung zu den Erziehern ist gleichberechtigter geworden. Diese handeln mit den Kindern Ziele aus wie in einem Betrieb. Ein Beispiel: Ein Erzieher stellt fest, dass ein Kind schlecht auf andere Kinder zugehen kann und häufig wütend wird. Er handelt mit ihm für die nächsten vier Monate konkrete, messbare Zwischenziele aus, um dies zu verbessern.

«Besonders schlimm behandelt wurden die Bettnässer.»

Hat die Professionalität auch Nachteile?
Die Kinder, die ganz im Heim leben und wenig Kontakt zur Herkunftsfamilie pflegen können, erleben sicher sehr viel weniger Zärtlichkeiten und überhaupt Berührungen als früher. Das ist heute ein grosses Tabu und in erster Linie eine Folge der Missbrauchsfälle in den Heimen.

Was wissen Sie darüber?
Körperstrafen waren absolut alltäglich. Das ist keine neue Erkenntnis und betrifft auch nicht nur die von mir untersuchte Stiftung. Besonders schlimm behandelt wurden die Bettnässer: Sie wurden geschlagen, gedemütigt – was für die Kinder oft noch schlimmer war als die Körperschläge an sich. Es gab Schläge als Strafe oder auch Schlägereien zwischen Erziehern und Kindern. Obwohl die Stiftung die Körperstrafe 1970 offiziell verbot, ging es unglaublich lange, bis diese auch inoffiziell nicht mehr praktiziert wurde.

Welche anderen Missbräuche gab es?
Ebenfalls an der Tagesordnung war Essensentzug. Ich weiss von einzelnen sadistischen Erziehungspersonen und einem pädophilen Lehrer. Wer auf so jemanden traf, wurde eindeutig traumatisiert. Das war einfach nur schädlich. Es gab innerhalb der Stiftung nur wenige Mechanismen, um diese Personen schnell auszufiltern. Oder es wurde nicht gemacht.

Bis anhin kannte man körperliche und sexuelle Gewalt vor allem aus katholischen Kinderheimen. Die evangelischen scheinen nicht besser zu sein.
Ich vermute, die Unterschiede waren nicht so gross. Die evangelischen Erzieher konnten sich im Gegensatz zu den katholischen zwar freiwillig um die Stellen bewerben – doch auch sie arbeiteten für Gottes Lohn. Beide Gruppen verfolgten das Ziel, tüchtige Menschen aus den Kindern zu machen. Sie bemühten sich, waren aber oft überfordert – mit schlimmen Folgen. Missbräuche gab es bei beiden.

Hat der Staat als Kontrollinstanz versagt?
Das hat er sicher. Erst ab 1959 gab es im Kanton Graubünden, wo sich die meisten «Gott hilft»-Heime befanden, eine Heimaufsicht. Doch sie diente nicht dazu, verlässlich Missbrauchsfälle zu erkennen. Es ging mehr um Dinge wie Sauberkeit und Wohnlichkeit. Das Gleiche gilt übrigens für den Kanton Zürich, wo die Stiftung ebenfalls Heime hatte.

Wie beurteilen Sie die Situation heute?
Man hat das Problem erkannt, doch die Frage nach der Aufsicht bleibt schwierig. Im besten Fall nutzt der Staat die internen Kontrollsysteme der professionell geführten Heime und kombiniert sie mit einer externen Aufsicht. Er darf sich nicht zu schade sein, alles möglichst genau anzuschauen, und er muss sich bewusst sein, dass eine solche Aufsicht viel Zeit und Aufwand erfordert.

Mit der Wahrnehmung der Erwachsenen hat sich auch die Sprache verändert. Heimkinder galten im frühen 20. Jahrhundert als «verstockt», später als «verhaltensgestört». Heute bezeichnet man sie als «traumatisiert».
Wenn man vor hundert Jahren von «verstockten» oder «lügnerischen» Kindern gesprochen hat, würde man heute sagen: «Wir haben Kinder mit gesellschaftlich nicht anerkannten Lösungsstrategien.» Eigentlich meint man das Gleiche, drückt es aber weniger moralisierend aus. Es gibt auch heute Kinder, die stehlen oder lügen – Dinge, die gesellschaftlich nicht anerkannt sind.

Diese Formulierung klingt – genauso wie das heutige «Klienten» für Heimkinder – ziemlich verkopft. Was ist der Grund für die veränderte Wahrnehmung?
Eine grosse Rolle spielt die Psychiatrie. Ihr Einfluss auf die Pädagogik kann fast nicht überschätzt werden. Nehmen wir den Begriff «verhaltensgestört», den man später in «verhaltensauffällig» änderte. Heute spricht man von «verhaltensoriginell». Sie haben recht, es wirkt kopflastig. Die Pädagogik, die daraus resultiert, ist allerdings auch viel transparenter, nachvollziehbarer als früher.

Beinhalten solche Diagnosen nicht die Gefahr des Abgestempeltwerdens?
Doch, natürlich, aber abgestempelt wurden die Kinder auch früher. Die grösste aktuelle Schweizer Studie, die ich kenne, hat 70 Prozent aller fremdplatzierten Kinder als traumatisiert eingestuft. Das ist eine schwierige Aussage, denn sie ist nicht mit früher vergleichbar, als man die Diagnose nicht so stellte. Wichtig scheint es mir, einen pädagogischen Weg zu finden, diesen Kindern einen Alltag zu ermöglichen, in dem sie sich entwickeln können.

Was sind die Gründe für Heimeinweisungen?
Ganz allgemein kann man sagen, dass es oft Kinder sind, bei denen die Erziehung zu Hause nicht machbar ist oder deren Schulprobleme eine Fremdplatzierung verlangen. Trennen lassen sich die beiden Gründe selten. Ein weiterer Faktor kann erstaunlicherweise bis in die heutige Zeit Armut sein. Dann natürlich häusliche Gewalt, Fälle von Missbrauch sowie Vernachlässigung oder Verwahrlosung.

Natürlich ist die Armut im Vergleich zu vor hundert Jahren kein Massenphänomen mehr. Aber es gibt sie noch. Sie versteckt sich nur besser.

Wieso erstaunt es Sie, dass Armut immer noch ein Faktor ist?
Ich habe wohl auf die viel zitierte Chancengleichheit gehofft. Natürlich ist die Armut im Vergleich zu vor hundert Jahren kein Massenphänomen mehr. Aber es gibt sie noch. Sie versteckt sich nur besser.

Wer kommt heute nicht mehr ins Heim?
Zum einen sind das Kinder, deren Eltern man nur aufgrund von Armut die Erziehungsfähigkeit absprach. Das ist nicht das Gleiche wie heute, wenn finanzielle Schwierigkeiten Eltern stark belasten oder überfordern. Weggefallen sind zudem die Kinder von fahrenden Familien, die ebenfalls als erziehungsunfähig galten, sowie die Kinder von unverheirateten Frauen. Sie machten rund 30 Prozent der Kinder in der Stiftung aus.

Armut, Gewalt, Missbrauch: Sind Heimkinder vor allem Opfer?
Sie sind sicher Opfer – weil sie Kinder sind und Schlimmes erlebt haben, zu Hause oder im Heim. Aber man wird ihnen nie und nimmer gerecht, wenn man sie darauf reduziert. Sie sind schlau, sie haben Strategien entwickelt, um das Beste aus ihrer Situation zu machen. Sie passen sich an, sie wehren sich, jedes auf seine Art.

Inwiefern hat sich ihr Alltag verändert?
Bis nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Heime der Stiftung selbstversorgend. Das bedeutete schon für die kleinen Kinder Arbeit – und zwar den ganzen Tag, in der Landwirtschaft, im Gemüsegarten, in der Küche. Schulpflicht bestand, doch so ernst wie bei den Bürgerkindern nahm sie niemand.

Wann änderte sich das?
Mit der Hochkonjunktur nach dem Zweiten Weltkrieg rückte die Schule immer mehr in den Vordergrund. Zu Beginn meiner Forschungsarbeit war ich froh, dass die Heimkinder ab den 50er-Jahren endlich Kinder sein durften. Es gab Zeit zum Spielen. Doch bald merkte ich, dass die Schule für die meisten hart war. Mehrfach sagten mir Ehemalige im Gespräch, bei der Arbeit seien sie noch jemand gewesen. Man habe sie gebraucht. Ich erkannte: Sie haben bei der Arbeit eine Wertschätzung erfahren, die ihnen im Schonraum der Schule fehlte. Als schwache Schüler fehlten ihnen die Erfolgserlebnisse.

Heute werden die Kinder als ebenbürtig betrachtet. Wie kam es dazu?
Das Bild der Kinder begann sich beeinflusst durch die Menschenrechts- und Kinderrechtskonvention und die Folgen des Umbruchjahres 1968 zu ändern. Die professionelle Erziehung hat diesbezüglich einen Vorsprung. Ich stelle die These auf, dass wir als Gesellschaft heute einiges von den professionellen Erziehenden lernen können.

Inwiefern?
Vorausschicken muss ich, dass ich nicht von der Schule rede, sondern von derjenigen Erziehung, die normalerweise die Eltern übernehmen. Also von der informellen Bildung. Ein Beispiel von «Gott hilft» hat mich besonders beeindruckt: Nehmen wir an, ein Erzieher will einem Kind etwas beibringen, das ihm sehr wichtig ist – doch das Kind reagiert nicht, wie sich dieser das vorstellt. Dann muss der Erwachsene sich – so die Annahme – überlegen, ob sich das Kind verändern muss oder aber er selber. Dieser Stopp ist für mich der ebenbürtige Moment.

Der Erwachsene soll nachgeben?
Nein, es geht nicht darum, dem Kind seinen Willen zu lassen. Es geht darum, sich als Erwachsener zu fragen: Könnte es sein, dass mein Ansatz falsch war? Muss ich mich bewegen, damit das Kind einen Ausweg findet? Es hat damit zu tun, das Kind ernst zu nehmen – nicht als gleich, es ist ja ein Kind, und ich bin ein Erwachsener. Aber als gleich viel wert.

Die Heime sollen dann richten, was vorher keiner geschafft hat. Sie haben einen ausserordentlich schwierigen Job.

Heute wartet man mit einer Heimeinweisung sehr viel länger als früher. Ergibt das Sinn?
Es ergibt Sinn, dass es heute vielfältige Unterstützungsformen gibt. Die Heimplatzierung ist ein sehr grosser Eingriff. Aber man muss jeden Fall für sich anschauen. Die kurzzeitigen Platzierungen führen natürlich auch zu hohen Erwartungen: Die Heime sollen dann richten, was vorher keiner geschafft hat. Sie haben einen ausserordentlich schwierigen Job.

Sie haben die Heime einer Stiftung erforscht. Wie steht es generell um die Aufarbeitung der Missstände in Schweizer Heimen?
Es ist etwas in Bewegung geraten. Zwischen den einzelnen Heimen bestehen jedoch grosse Unterschiede: Während die einen wirklich bemüht sind, ihre Geschichte aufzuarbeiten oder aufarbeiten zu lassen, weigern sich die anderen weiterhin. Als Begründung nennen sie unter anderem den Aufwand und die Kosten. Immer wieder höre ich auch: «Das liegt in der Vergangenheit. Es geht uns nichts an.»

Christine Luchsinger: Niemandskinder. Erziehung in den Heimen der Stiftung «Gott hilft» 1916 bis 2016. Quellen und Forschungen zur Bündner Geschichte: Band 33, hrsg. vom Staatsarchiv Graubünden, Kommissionsverlag Desertina 2016.

Die Buchvernissage findet am Freitag, 26. August, um 17.30 Uhr an der Loëstrasse 26 in Chur statt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.08.2016, 18:33 Uhr

Christine Luchsinger (63) ist freischaffende Historikerin. Im Auftrag der Stiftung «Gott hilft» hat sie die Geschichte der Erziehung in den Heimen der Stiftung zwischen 1916 und 2016 untersucht. Bis 2014 war Luchsinger stellvertretende Chefin des Amts für Jugend und Berufsberatung im Kanton Zürich und unter anderem für die Kinder- und Jugendheime zuständig.

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