«Kapitulation der Vorurteile»

Der Schweizer Grand Prix Literatur 2017 geht an die 55-jährige Westschweizer Schriftstellerin Pascale Kramer. Auch der Literaturhistoriker Charles Linsmayer wird geehrt.

Schreiben über Tod und Verhängnis: Kutlurminister Alain Berset und die Preisträgerin Pascale Kramer.

Schreiben über Tod und Verhängnis: Kutlurminister Alain Berset und die Preisträgerin Pascale Kramer. Bild: Adrian Moser

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In einer Solothurner Buchhandlung klingelt das Telefon. Ein älterer Mann meldet sich und sagt, er müsse etwas Dringendes mitteilen. Jahrelang sei er ein Nachbar gewesen dieses Autors. «Und ich habe nie gesehen, dass der Ernst Burren einer Kuh die Klauen geputzt habe.» Ihn dünke es wichtig, dass die Buchhandlung davon erfahre.

Ja, bei der Unterscheidung zwischen dem «Literaten und der von ihm geschriebenen Literatur» hätten manche Menschen so ihre Schwierigkeiten, konstatierte der 67-jährige Mundartdichter Ernst Burren lakonisch, nachdem ihm am Donnerstagabend im Lesesaal der Nationalbibliothek einer der sieben Schweizer Literaturpreise für seinen ersten Roman «Dr Chlaueputzer trinkt nume Orangschina» überreicht worden war.

Im Brotberuf ist sie Werberin

Die vom Bundesamt für Kultur (BAK) verliehenen Schweizer Literaturpreise feierten in Anwesenheit von Bundesrat Alain Berset ein erstes kleines Jubiläum: Sie wurden fünf Jahre alt. Es war dem Kulturminister vorbehalten, die Preisträgerin des diesjährigen mit 40'000 Franken dotierten Grand Prix Literatur zu enthüllen. Ehe er aber ihren Namen preisgab, stellte er fest, dass vor ihr und ihrer Empathie «die Vorurteile kapitulierten».

Ein Vorurteil sei auch, dass eine Schriftstellerin, die immer wieder «düstere Stoffe» wie den Tod naher Angehöriger, Pädophilie, zerrüttete Familien oder soziale Ausgrenzung in ihren bislang zehn Romanen verarbeite und durch deren Werk sich «Leidmotive» zögen, «gramgebeugt» durchs Leben gehen müsse. «Dabei ist Pascale Kramer ein fröhliches, geselliges Naturell.» Jede ihrer Figuren, und sei sie noch so widersprüchlich oder bösartig, werde von ihr ohne zu urteilen in allen hellen und dunklen Schattierungen gezeigt.

Kramer nannte dies später in ihrer Rede das Bemühen, «ihren Figuren in allen Feinheiten und Ambivalenzen nahezukommen». Und da gebe es noch ein zweites Vorurteil, so Berset: Wer in der Werbung arbeite, der müsse dem Plakativen und Schrillen zugeneigt sein. Die 55-jährige Westschweizerin Kramer, die seit fast 30 Jahren in Paris lebt und dort im Brotberuf als Werberin arbeitet, sei jedoch als Romanautorin eine «Meisterin der Zwischentöne, des beredten Schweigens, welche die Zeichen der Zeit virtuos zu dechiffrieren versteht».

Auf Deutsch sind von Pascale Kramer unter anderem «Die Lebenden» (2004) und «Die unerbittliche Brutalität des Erwachens» (2013, Rotpunkt) erschienen. Kramer fing sehr früh mit dem Schreiben an, bereits im Alter von 21 Jahren legte sie ihren ersten Roman vor: «Variations sur une même scène». Zuletzt veröffentlichte sie 2016 «Autopsie d’un père» (Edition Flammarion) über eine ehemals linken 68er-Journalisten, der auf die rechtsextreme Seite wechselt, den Multikulturalismus geisselt und junge Leute in seinem Dorf verteidigt, die eine Schwarzen getötet haben. Nachdem er sich, isoliert und medial gelyncht, das Leben genommen hat, versucht seine ihm entfremdete Tochter in ihrer Trauer den schockierenden «Rechtsruck» ihres Vaters zu verstehen.

Die Gesellschaft sei nicht mehr entlang der Links-Rechts-Achse getrennt, so Kramer, sondern vielmehr entlang derjenigen von Öffnung und Abschottung. Wie bei all ihren Büchern hat sie auch an ihrem jüngsten Werk über mehrere Jahre gearbeitet. «Meine Bücher reifen sehr langsam», sagte sie und zeigte sich auch erfreut darüber, «dass die Jury diesen Preis für ein Lebenswerk offenbar auch Autorinnen und Autoren zuspricht, die noch etwas vorhaben und deren literarischer Parcours noch nicht abgeschlossen ist». Die Schweiz ist in den Romanen Kramers kaum Schauplatz, nur in «Retour d’Uruguay» (auf Deutsch: «Zurück», 2004, Arche) verweisen Stadt, See und Gebirge vage auf die Leman-Gegend.

Berset sprach von «universellen Themen», die Pascale Kramer in ihren Büchern literarisch bearbeite und erinnerte mit feinem Lächeln daran, «dass die Erwähnung der Schweiz kein Kriterium für die Verleihung des Preises sei». Auf mitreissende Weise gegen Vorurteile und vorgefasste Meinungen spielte in den musikalischen Intermezzi auch das Duo Nadja Räss und Markus Flückiger an; sie warteten mit Melodien auf, die aus der traditionellen Form des Jodelns fallen, Anleihen bei der Klassik oder dem Tango machen und dennoch unüberhörbar mit dem Jodeln verbunden bleiben. (Der Bund)

Erstellt: 16.02.2017, 22:10 Uhr

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