iPhone: Alles andere als hip und cool
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 16.06.2010 34 Kommentare
«Wer Brüste sehen will, soll das Google-Handy kaufen», betont Apple-Chef Steve Jobs gerne. Und so verhindert er getreu der Losung «No Nipples» nackte Tatsachen auf dem iPhone. Doch Apple (AAPL 493.42 0.05%) hat es nicht nur auf profane Hintern und Brüste abgesehen, die es aus dem App Store zu verbannen gilt, sondern auch auf vermeintlich obszöne Kunst, zum Beispiel das «Kamasutra». 2009 wurde die Entwicklung einer «South Park»-App wegen «anstössiger Sprache» abgebrochen. Und die Band Nine Inch Nails durfte einen 15 Jahre alten und legalen Songtext nicht in ihre App einfügen.
Gänzlich absurd wird es, wenn sich Literaturklassiker Apples Kontrollen unterwerfen müssen – und gar zensuriert werden. Zum Beispiel «Moby Dick». Weil das Wort «sperm» in Apples iBook-Store verboten ist, wurde aus dem berühmten Pottwal (englisch: sperm whale) ein «s***m whale». Oder der Fall James Joyce: Pünktlich zum «Bloomsday» am heutigen 16. Juni sollte eine Comicversion von «Ulysses» als App erscheinen. Doch im interaktiven Cartoon war auch eine entblösste Brust zu sehen – worauf Apple der App die Lizenz verweigerte, respektive verlangte, dass der Cartoon-Zeichner die Brust verhülle.
Wie Wal-Mart
Was als App auf dem iPhone erscheint, unterliegt einer Kontrolle, man kann auch sagen: Zensur, deren Kriterien unklar sind. Der Netzaktivist und Betreiber der berühmten «Boingboing»-Blogs, Cory Doctorow, vergleicht Apples Vorschriften mit jenen des Supermarkts Wal-Mart. Dieser zwingt Musiker eine «Wal-Mart-Version», also eine harmlose Variante ihrer Alben, aufzunehmen, um es in den Verkauf zu schaffen. «Doch als Erwachsener», schreibt Doctorow, «will ich selber entscheiden, was ich kaufe. Ich will nicht, dass Apps nur auf jene Inhalte beschränkt sind, die das Apple-Politbüro als korrekt einstuft.»
Ironie der Geschichte: Vor fast 100 Jahren fiel James Joyces «Ulysses» immer wieder staatlichen Zensoren zum Opfer. 1933 entschied ein US-Gericht in einem bahnbrechenden Urteil, dass «Ulysses» verkauft werden darf. Obszönitäten sind seitdem als Teil eines Kunstwerks nicht mehr verboten. Apples App-Politik erscheint in dieser Hinsicht in höchstem Masse reaktionär. Oder wie es ein «Boingboing»-Leser ausdrückt: «Mal wieder ein Beweis, dass Apple nicht hip, cool, künstlerisch, aufgeschlossen oder kultiviert ist – alle diese Dinge, von dem die Kunden hoffen, es treffe auch für sie zu, sobald sie sich mit Apple-Produkten zeigen.»
Erst der Pulitzer-Preis stimmte Apple gnädig
Im Fall von «Ulysses» ist Apple nach massiver Kritik zurückgekrebst, besagte Brust ist unverhüllt auf dem iPhone zu sehen. Bei anderen Künstlern war man weniger gnädig. In der Comic-Ausgabe von Oscar Wildes «The Importance of Being Ernest» etwa fielen zwei sich küssende Männer der Zensur zum Opfer. Und auch politisch kritische Inhalte haben es auf dem iPhone schwer. So wurde im Dezember eine App von «San Francisco Chronicle»-Karikaturist Mark Fiore abgelehnt, mit der Begründung, seine Zeichnungen würden öffentliche Personen lächerlich machen. Erst als Fiore im April den hochangesehenen Pulitzer-Preis für seine Karikaturen gewann, gab Apple das Programm frei. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 16.06.2010, 13:06 Uhr
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34 Kommentare
Der Erfolg zeigt, das Apple auf dem richtigen Weg ist. Und der Erfolg liegt darin, dass nicht nur das iPhone begehrt ist, sondern dass es einfach möglich ist eine App für die Plattform zur Verfügung zu stellen. Dass sie den Store pflegen hat damit zu tun, dass er eine Goldgrube ist. Für Apple und noch wichtiger, für Entwickler. Und Apple reagiert ja immerhin auf Kritik. Hut ab! Antworten
Ich bin zwar einverstanden, dass die Kriterien für ein Ablehnen von Apps etwas schwammig und zum Teil absurde Auswüchse zulassen, aber grundsätzlich finde ich es ein starkes Zeichen, dass sich eine Firma zu moralischen Grundsätzen bekennt und nicht einfach dem Profit nachrennt. Sie könnten nämlich mit Porno-Apps Stutz wie blöd machen, aber verzichten darauf. Das finde ich cool und hip! Antworten
@Stephan Hug ja, itunes ist ein laden, aber in einem land wo alle anderen läden verboten sind. es gibt keine llegale möglichkeit alternative läden aufzubauen und alternative software anzubieten, die nicht im itunes-appstore ist. dementsprechend hat apple ein monopol, dass sie knallhart ausnützen und unliebsame konkurrenten aussperren. und wie ms wird auch apple sich dem stellen müssen. Antworten
Apple ist auf einem sinkenden Schiff! Die einen lassen sich nicht bevormunden oder in ein System pressen und kaufen das Zeug grundsätzlich nicht, die anderen kaufen es weil es ihrem Style und Coolness entspricht, aber eben genau die geht verloren wenn der Apfel auf dem Gehäuse nicht mehr Nischen- sondern Massenware wird. Wer kaufts' dann noch?? Im Moment funktioniert die iCoolness noch..noch! Antworten
Ausserdem hat apple eine miese Umweltbilanz und grausige Arbeitsbedingungen in den Fabriken in den Entwicklungsländern, das Imperium hat leute genervt, denen der ipod shuffle geschenkt wurde, und verweigert google und adobe den Zugang. Apple reduziert die komplexität der Welt auf "Faschismus ist gut", und wenn steve jobs verkündet dass Apple das ethiste Unternehmem der welt ist, gähnt niemand. Antworten
Der Apple Store ein *Laden*, und da entscheidet eben der Besitzer, was reinkommt. Mit Zensur hat das rein gar nichts zu tun. In fast jedem anderen Bereich wird das *begrüsst*: Wenn ich bei Sprüngli oder in einer edlen Boutique einkaufe, erwarte ich ein bestimmtes Niveau von Personal, Angebot und Einrichtung; bei Aldi erwarte ich Kartonschachteln, damit die Ware billig bleibt. Antworten
.. Apple will politsch/moralisch korrekt sein, man könnte ja sonst nur allzuschnell auf der Klagebank landen! Mit Moral und 'correctness' hat dies eher wenig zu tun, schon eher mit Angst vor finanziellen Forderungen. So macht das US-Rechtssystem aus seinen Bürgern und sonstigen Akteuren politsche und moralische Opportunisten. Antworten
Man muss den technischen Output von Apple zähneknirschend anerkennen. Wenn ich aber Chef Steve Jobs als Heilsverkünder im TV sehe, fällt mir nur die Psychosekte Scientology dazu ein. Viele Apple-Kunden sind absolut unkritisch dem Unternehmen gegenüber - wie Hubbards Jünger eben... Antworten
Es steht jedem frei bei welchem Hersteller er/sie sein Handy kauft. Aber jeder iPhone und iPad nutzer soll scih vor dem Kauf genau überlegen ob er danach immer noch gegen China, Nord Korea und andere Dikaturen wettern möchte. Genau genommen könnte auch Steve Jobs Il in Pjönjang regieren und niemand würde es merken. Antworten
Das ist doch einfach amerikanische Prüderie und hat mit dem Produkt von Apple herzlich wenig zu tun. Dass aber Apple-Produkte nicht mehr besonders hip sind, ist ein anderes Kapitel. Was jeder hat, kann nicht hip sein oder cool. Aber man muss sich ja auch keins anschaffen... Antworten
Früher machte Apple auf "Retter der Menschheit" mit dem 1984 Werbespot (Gegen Big Brother) und dem Slogan "Think Different". Jetzt ist Apple sowas von Mainstream geworden, und will uns freie User kontrollieren und vorschreiben, was wir auf ihrer "Plattform" treiben dürfen. "Think Censorship" wäre passender. Mein "Hard earned cash" geht an andere Firmen. 8 Jahre Apple ist genug. Antworten
Mein Lob für Apple - zumindest in dieser Sache! Was in Europa als "Kunst" verstanden wird, ist doch oft einfach Pornografie. Wer ohne Pornos oder erotischer Bilder und Texte von "fremden" Frauen auf seinem Handy nicht mehr auskommen kann, sollte sich meiner Meinung nach dringend behandeln lassen! Antworten
Hahaha, da lache ich mir einen in den Schranz! Ich habe kein einziges Apple Produkt, weil ich mich einfach nicht bevormunden lasse und schon lange realisiert habe, dass Apple vorallem etwas gut kann: Marketing, aber herausragende Prdoukte stellen sie keine her. Wer auf gute Soundqualität steht, kauft sicherlich kein Ipod. Konkurrenz Produkte sind da besser, sehen halt nicht so "cool" aus.... Antworten
Dass sich ein Hardware- und Betriebssystem-Anbieter in zensuristischer und bevormundender Weise in die Publikation von Inhalten einmischt, finde ich sehr problematisch. Ich komme nicht umhin, dies mit Methoden und Verhalten autoritaerer Regimes zu vergleichen. Ich kaufe ein Geraet und der Hersteller schreibt mir vor, was ich darauf anschauen darf? Hallo??? Frech, undemokratisch und inakzeptabel! Antworten
also irgendwie werde ich das gefühl nicht los, dass die baz irgend etwas gegen apple hat! seit gedenken und bei jedem produkt, artikel und sonst was von apple schreibt die baz nur negatives! kann es sein die journalisten der baz anti-apple sind?? oder gibt es überhaupt was positives?? die glaube die verkaufszahlen zeigen was anderes von apple....nicht so wie die der baz!! ;-)) Antworten








Hans Laschnig
@Laura Bossard, Zitat von ihnen: ...nicht einfach dem Profit nachrennt... Sie irren sich gewaltig, Apple versucht mit allen Mitteln* ein Marktmonopol zu erlangen und dank der besten PR der Welt verkauft ihnen Apple dies als Pluspunkt. (*Itunes und Kopierschutz, in sich geschlossenen Systeme etc.) Haben sie das Monopol, versuchen sie auch eigene (moralische, religiöse) Interesse durchzusetzen... Antworten