Er tut Dinge, die sich nicht gehören

Der 74-jährige Peter Beutler hat einen Roman über den ungeklärten Mord von Kehrsatz geschrieben und sagt: «Ich will nicht nur unterhalten, sondern auch aufklären.»

Krimiautor und SP-Gemeinderat: Peter Beutlers Bücher orientieren sich an realen Ereignissen, auf die andere gerne den Deckel draufhalten möchten.

Krimiautor und SP-Gemeinderat: Peter Beutlers Bücher orientieren sich an realen Ereignissen, auf die andere gerne den Deckel draufhalten möchten. Bild: Adrian Moser

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Er ist ihm einmal persönlich begegnet, das war noch vor dem Mord in Kehrsatz im Juli 1985. Sie sassen in einer Gruppe zusammen beim Mittagessen, alles Dienstchefs im Zivilschutz. «Ich hatte meinen Platz nicht direkt neben ihm», erinnert sich Peter Beutler, «und habe mit B. Z. deshalb nicht gross geredet.»

Jetzt hat der 74-jährige Berner Oberländer einen Kriminalroman geschrieben mit dem Titel «Kehrsatz» über den Mord und über diesen B. Z., der im Buch Micha Witschi heisst. Wieder hat sich der pensionierte Gymnasiallehrer für Physik und Chemie ein «True Crime» vorgenommen, wieder hat er keinen Rechercheaufwand gescheut und reale Ereignisse mit kriminalistischer Fiktion verbunden.

Nach seiner Pensionierung ist der Schriftsteller Peter Beutler schier explodiert vor Produktivität. Nahezu im Jahrestakt legt er seit 2007 bei Kritik und Publikum höchst erfolgreiche Kriminalromane vor mit brisantem Inhalt: seien es ungelöste Fälle wie in «Kristallhöhle» über den Tod zweier Mädchen, deren Leichen 1982 hoch über dem Rheintal gefunden wurden; seien es Fälle mit einer politischen Dimension wie in «Weissenau» über einen Mord im rechtsradikalen Milieu oder in «Berner Münstersturz», in dem der Autor die «Sündenbock»-Funktion des vermeintlichen Jahrhundertverräters Jean-Louis Jeanmaire freilegt.

Für Beutler ist klar, dass der Brigadier postum vom Parlament rehabilitiert werden muss – «so wie das bei Flüchtlingshelfer Paul Grüninger auch geschehen ist».

Der immense Ausstoss scheint den Autor selber nicht besonders zu beeindrucken. Er steckt bereits mitten in seinem nächsten Roman; im Zentrum steht der Zürcher Polizist und Whistleblower «Meier 19», der jahrzehntelang vergeblich um seine Rehabilitierung kämpfte. Seine Lektorin habe ihn auch schon gefragt, ob er einen Ghostwriter beschäftige. Wenn schon, sei er ein Ghostwriter gewesen, für SP-Nationalräte hat er früher Reden geschrieben.

Peter Beutler ist nämlich auch noch Politiker. Als Gemeinderat in Beatenberg ist er zuständig für Kultur, Wirtschaft und Tourismus. Kürzlich gab es gerade eine «gute Nachricht» für Beatenberg. Die Gemeinde nimmt zeitlich begrenzt 50 UMA (Unbegleitete minderjährige Asylsuchende) auf. Für die Gemeinde sei es eine positive Situation: «Wir machen etwas für die Integration von Flüchtlingen. Gleichzeitig können wir ein leer stehendes Schulhaus für gutes Geld vermieten und uns überlegen, was wir damit machen werden.»

Polizeikommandant gestürzt

Früher sass Beutler, der von sich sagt, er sei immer viel zu unverblümt in seinen Äusserungen gewesen, um Karriere in der Politik zu machen, für die SP im luzernischen Kantonsrat. Der Parlamentarier Beutler hat dem Schriftsteller Beutler auch erstklassiges Material für einen Kriminalroman geliefert. In «Hohle Gasse» verarbeitete er den «Fall Luchs».

Beim Einsatz einer Spezialeinheit der Luzerner Kantonspolizei wurden 2005 zwei unschuldige Männer brutal verhaftet. Passagen aus dem Verhaftungsvideo waren plötzlich nicht mehr auffindbar. In einem Vorstoss verlangte Beutler Antworten zum Einsatz der Sondereinheit Luchs. Später musste der zuständige Polizeikommandant zurücktreten. Der Fall liess ihn auch nach seiner politischen Aufarbeitung nicht mehr los. Mit seinem Krimi wollte er aufzeigen, was dieser Fehltritt bei der Polizei für Folgen gehabt haben könnte.

Seither sieht sich Beutler nicht nur regelmässig mit anonymen Drohungen und Beschimpfungen konfrontiert, er muss sich auch immer wieder den Vorwurf anhören, es sei nicht statthaft, wenn Kriminalgeschichten einen realen Hintergrund aufwiesen. Dieser Peter Beutler tut als Krimiautor Dinge, die sich nicht gehören. Er kontert ungerührt: «Ich will nicht nur unterhalten, ich will auch aufklären und etwas bewirken. Sonst müsste ich ja nicht schreiben.»

Es schien ein klarer Fall zu sein

Und jetzt also der Mord in Kehrsatz, den Beutler als Stoff schon lange auf seiner «Liste» hatte. «Für mich war es immer sonderbar», sagt Beutler und blickt einen hinter seiner randlosen Brille mit wachen Augen an, «dass jemand seine Frau tötet, sie in der Tiefkühltruhe des eigenen Hauses versteckt, wenn im Haus nebenan die Schwiegereltern einen Schlüssel haben, und dann geht er erst noch zur Freundin und übernachtet dort. Das ist komisch.»

Über 30 Jahre später ist der Mordfall von Kehrsatz verjährt – einer der berühmtesten Fälle der Schweizer Kriminalgeschichte, über den mehrere Bücher geschrieben wurden und der als Vorlage für zwei Spielfilme diente. Wer die damals 24-jährige C. Z. umgebracht und anschliessend gefesselt in die Tiefkühltruhe ihres Hauses gelegt hat, ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt.

Dabei schien es ein klarer Fall zu sein: Ihr Ehemann B. Z. galt rasch als der Hauptverdächtige, stritt die Tat jedoch ab und wurde im Dezember 1987 in einem Indizienprozess zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt. Ermittlungspannen und Fehlleistungen der Justiz führten zu einer Wiederaufnahme des Verfahrens. 1993 nach sechs Jahren auf dem Thorberg wurde B. Z. aus Mangel an Beweisen im Revisionsprozess freigesprochen und erhielt eine Entschädigung von fast einer halben Million Franken.

Der «Club» der Ex-Frauen

«Ich hätte auch ein Sachbuch schreiben können über den Fall», sagt Peter Beutler. Was er damit meint, wird im Gespräch bald klar. Peter Beutler hat nicht nur mit diversen Geliebten und Ex-Ehefrauen von B. Z. gesprochen, er hat auch dessen Brüder getroffen. Die ehemaligen Partnerinnen von B. Z. hätten nämlich untereinander Kontakt, es sei fast ein wenig ein «Club der geschädigten Ex-Geliebten». Unglaubliche Geschichten hätten sie ihm über B. Z. erzählt.

Im Buch ist das «Stündeler»-Kind Mischa Witschi, der stets eine Taschenbibel bei sich trägt («In meinem Körper wohnt nichts Gutes. Wenn ich ihm gehorche, sündige ich»), ein pathologischer Schürzenjäger und Hochstapler mit charmanter Maske.

Als eine seiner Geliebten aus der Zeitung erfuhr, dass B. Z. wieder heiratet – notabene die Freundin aus guter Berner Familie, mit der er bereits zum Zeitpunkt des Mordes an seiner Ehefrau liiert war –, machte sie ihm eine Szene. Er nahm sie an der Hand, führte sie ins Bad, stellte die Dusche an und eröffnete ihr im Flüsterton, die ganze Wohnung sei verwanzt. Im Auftrag der Bundespolizei müsse er die Nähe dieser Frau suchen, weil er auf deren Vater wegen dessen Mafia-Kontakten angesetzt sei. «Er war offenbar so überzeugend, dass sie ihm geglaubt hat», sagt Beutler.

Der erste Studierte im Dorf

Und B. Z. selber? Kam es zu einem Wiedersehen? Beutler schüttelt den Kopf. Dessen Brüder hätten ihm davon abgeraten, Kontakt mit B. Z. aufzunehmen. Er wohnt heute im Kanton Zürich. Wechselnde Partnerinnen und finanzielle Probleme zögen sich wie ein roter Faden durch sein Leben seit seiner Entlassung. «Er hätte wahrscheinlich keine Lust gehabt, mit mir über den Fall zu sprechen, und vielleicht sogar versucht, das Buch zu verhindern.» Beutler verhehlt nicht, dass er B. Z. für dessen Unbeugsamkeit bis zu einem gewissen Grad bewundert. «Was gab ihm die Kraft, über all die Jahre so vehement seine Unschuld zu beteuern? Das habe ich mich während meiner Recherchen immer gefragt.»

Es gibt auch eine biografische Parallele zwischen den beiden: Peter Beutler stammt ebenfalls aus einer Familie mit freikirchlichem Hintergrund und hat sich, wenn auch in eine andere Richtung, davon emanzipiert. Aufgewachsen ist er in einfachen Verhältnissen im Dorf Zwieselberg zwischen Thun und Spiez: «Ich war dort der erste im Dorf, der studiert hat.» An der Uni Bern schloss er sich in der 68er-Zeit der sozialdemokratischen Hochschulgruppe an.

Weiss er, wer es getan hat?

Beutler wägt in seinem dichten, vor lauter Materialfülle streckenweise etwas überfrachtet wirkenden Krimi alle Tathypothesen ab und entscheidet sich für die These, dass B. Z. seine Frau zwar nicht selber ermordet hat, aber weiss, wer es getan hat – ob billigend oder nicht, bleibt offen.

Beutler nimmt sein Handy und zeigt dem Gesprächspartner einige Mails, die er erhalten hat. Absender ist ein ehemaliger Mithäftling von B. Z. in der Untersuchungshaft 1985 im Schloss Belp. B. Z. habe nie über die Tat geredet, nur einmal sei er schwach geworden. Was er gemacht habe, das wüssten die Ermittler nicht; und was er nicht getan habe, dafür werde er angeklagt. Da ist die Rede von Erpressungen und von Waffenhandel, in die B. Z. angeblich verwickelt gewesen sei und davon, dass der Mord an seiner Frau eine Warnung an ihn gewesen sei.

In seinem Krimi geht der Protagonist, von Finanzsorgen geplagt, kurz nach dem Verjährungs-«Stichdatum» zu den Medien und will sich seine «Wahrheit» bezahlen lassen. Dabei baut Beutler in seinem Buch B. Z. eine «Brücke», wie er sich ausdrückt. «Ich spreche ihn vom schlimmsten Vorwurf frei, dass er ein kaltblütiger Mörder sei.» Jetzt könnte er eigentlich hervortreten und sagen, wie es wirklich gewesen ist, findet Beutler. Juristisch würde er nicht mehr zur Rechenschaft gezogen. Hat B. Z. das Buch gelesen? Peter Beutler schüttelt den Kopf: «Ich weiss es nicht.»

Peter Beutler: Kehrsatz. Kriminalroman. Emons Verlag, Köln, 2016. 330 S., 17.90 Fr. Buchvernissage: 27. 10., 20 Uhr, Ökumenisches Zentrum Andreaskirche, Kehrsatz. (Der Bund)

Erstellt: 06.10.2016, 07:36 Uhr

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