Der Eigenbrötler ist zurück

Im zweiten Thriller des Berner Autors Peter Beck ermittelt Tom Winter im Sog eines Familiendramas und gefällt erneut durch unkonventionelle Methoden und schwarzen Humor.

Gibt dem Karussell der Verdächtigen Schwung: Autor Peter Beck.

Gibt dem Karussell der Verdächtigen Schwung: Autor Peter Beck. Bild: zvg

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Wahrheit ist dehnbar. Wie stark sie sich dehnen lässt, hängt jeweils von der Perspektive ab. Die Dehnbarkeit von Wahrheiten und deren Folgen veranschaulicht der Berner Krimiautor Peter Beck in seinem neuen Thriller «Korrosion», dem zweiten Abenteuer Tom Winters.

Nachdem der wortkarge Sicherheitschef einer Schweizer Privatbank in Becks erstem Werk «Söldner des Geldes» (2013) internationale Kapitalgangster jagte, beschäftigt er sich nun mit dem verzwickten Testament einer ermordeten Kundin. Dieses kann nämlich erst vollstreckt werden, wenn geklärt ist, wer von den drei Nachkommen den eigenen Vater auf dem Gewissen hat. 1971 wurde dieser im Ofen der familieneigenen Bäckerei von einem seiner Kinder bei lebendigem Leibe gebraten und karamellisiert.

Winter merkt schnell, dass zwischen dem Mord an Bernadette Berger und dem Mord an ihrem zweiten Ehemann ein Zusammenhang bestehen muss. Auf der Suche nach der Verbindung zwischen den beiden Mordfällen gerät der ehemalige Einsatzleiter der Polizeisondereinheit Enzian in den Sog eines Familiendramas, geprägt von Lügen, Misstrauen und Rache. Das Überraschungsmoment ist dabei stets auf der Seite des Autors – gekonnt gibt Beck dem Karussell der Verdächtigen immer wieder neuen Schwung.

Gelungene Charakterzeichnung

Becks Stärke liegt aber nicht nur im Kreieren von Überraschungsmomenten und Cliffhangern, sondern auch in der trocken-humoristischen Charakterzeichnung der Hauptfigur. Der ledige Winter versteht seinen Beruf als Berufung, ihr wird alles untergeordnet. Ein Privatleben hat der Sicherheitschef nicht. Stattdessen ist Winter ein idealistischer Eigenbrötler, der sich mit seinen unkonventionellen Methoden der Wahrheitsfindung oft in rechtlichen Grauzonen austobt.

Dem analytisch-nüchternen Gedankengang Winters zu folgen, ist faszinierend und unterhaltsam zugleich – denn so sehr Winter seine sozialen und zwischenmenschlichen Aktivitäten auch vernachlässigt, er weiss sein Gegenüber immer genauestens einzuschätzen.

Störend ist einzig das ihm hie und da anhaftende Antlitz der Unzerstörbarkeit. Obwohl sich Winter zu Beginn der Geschichte einen komplizierten Trümmerbruch im rechten Arm zuzieht, hat er in den Verfolgungsjagden und im Nahkampf zumeist die Oberhand – das wirkt trotz eines schwarzen Gürtels im Judo bisweilen etwas unrealistisch.

Etwas vollmundig wirkt auch der Vergleich von Becks Verlag, der den Berner Autor als europäische Antwort auf John Grisham ankündigt. Schade eigentlich – Becks Werke haben den Vergleich gar nicht nötig, zumal man bei einem solchen eigentlich nur verlieren kann.

Unnötiger Handlungsstrang

Mit dem Tempo von Grishams besten Thrillern kann «Korrosion» nicht mithalten. Beck unterbricht den Ermittlungsfluss Winters immer wieder mit einem zweiten Handlungsstrang. Dieser erzählt die Fluchtgeschichte des Sudanesen Tijo Obado, der sich nach dem Verlust von Frau und Kindern nach Europa durchgeschlagen hat. So richtig warm wird man mit dieser Figur nicht, stattdessen stellt sich die Frage, warum Beck zwei separate Handlungsstränge konstruiert hat, würde sich die Story doch genauso gut nur aus dem Blickwinkel der Hauptfigur erzählen lassen. Denn gerade Winters Perspektive zeigt, wie relativ die Wahrheit bisweilen sein kann.

Peter Beck: Korrosion. Emons-Verlag, 2017. 352 S., ca. 17.90 Fr. (Der Bund)

Erstellt: 01.03.2017, 06:35 Uhr

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