Kultur

Zu Gast beim mutmasslichen Kriegsverbrecher

Von Martin Ebel. Aktualisiert am 05.11.2010 3 Kommentare

1996 besuchte der österreichische Schriftsteller Peter Handke den wegen Kriegsverbrechen angeklagten Radovan Karadzic. Jetzt kommen neue Einzelheiten über das Treffen ans Licht.

Einsatz fürs serbische Volk: Peter Handke beim Besuch einer serbisch-orthodoxen Kirche im Kosovo 2007. (Bild: Keystone )

Es ist schon 14 Jahre her, aber die deutschen Feuilletons beschäftigt es in diesen Tagen intensiv. Am 20. Dezember 1996 besuchte Peter Handke den bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic in seiner «Hauptstadt» Pale. Im Juli desselben Jahres hatte das UNO-Kriegsverbrechertribunal einen internationalen Haftbefehl gegen Karadzic erlassen: wegen der Bombardierung von Sarajevo und des Massakers von Srebrenica, bei dem 8000 Bosnier ermordet wurden.

Hoher serbischer Orden

Handke, der in dem Jahr seine umstrittene «Winterliche Reise» veröffentlicht hatte, die den Untertitel «Gerechtigkeit für Serbien» trägt, überreichte Karadzic bei seinem Besuch nicht nur dieses Buch (und erhielt von seinem Gastgeber und Gelegenheitsdichter einen Gedichtband), sondern fragte auch nach dem Verbleib verschwundener Bosnier. Karadzic versprach, sich zu «kümmern», aber Handke hörte nie wieder etwas in der Angelegenheit. Der als Völkermörder Gesuchte tauchte kurz danach unter, nahm die Identität eines Dr. Dabic an und wurde erst 2008 verhaftet und nach Den Haag gebracht, wo er derzeit vor Gericht steht.

Dass dieser Besuch stattfand, hat der österreichische Schriftsteller Norbert Gstrein schon 2008 in einem Interview öffentlich gemacht. Er selbst hatte es vom Suhrkamp-Lektor Raimund Fellinger erfahren. Die Details sind der Handke-Biografie von Malte Herwig zu entnehmen, die in Kürze bei der DVA erscheint; die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» hat das entsprechende Kapitel vorabgedruckt. Herwig hat mit Handke und Karadzic gesprochen; dass Sliwowitz getrunken wurde, steht auch bei ihm; dass Handke und sein Begleiter, eben Suhrkamp-Lektor Fellinger, einen hohen serbischen Orden erhalten hätten, wie Gstrein behauptete, dagegen nicht. Der Suhrkamp-Verlag bestätigt auf Anfrage den Besuch, weigert sich aber, sich zu der «gezielt diffamierenden» Darstellung Gstreins zu äussern. Von Lektor Fellinger ist zum ganzen Besuch keine Stellungnahme zu erhalten.

Der Weg in die «Baracke»

Für nacheilende Erregung ist die Sache zu lange her, Handke ist für seine fürsorgliche Behandlung Serbiens, Milosevics (dessen Begräbnis er mit seiner Anwesenheit beehrte) und Karadzics zur Genüge gescholten worden. Seinen Einsatz für verschwundene Bosnier bei dem, der mutmasslich für ihr Verschwinden verantwortlich war, kann man humanitär gut gemeint oder bloss naiv nennen. Was ein Suhrkamp-Lektor bei einem per Haftbefehl gesuchten Kriegsverbrecher verloren hat, ist vollends schleierhaft. Interessant wäre allerdings, auf welchem Weg die Besucher Zugang zu Karadzics «Baracke» (so die Biografie) erlangten, und warum dieser Weg den Strafverfolgern nicht ebenfalls offen stand. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.11.2010, 14:33 Uhr

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3 Kommentare

Mirko Babic

05.11.2010, 16:40 Uhr
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Die einseitige Berichterstattung durch organisierte Medien wurde Peter Handke nachdenklich und entschloss sich gegen die neue Weltordnung vorzugehen mit seinen Büchern. Er ist ein grosser Freund Serbiens und der Republka Srpska, es gibt nur noch wennige Völker in Europa die sich nicht in die Knie zwingen durch das Diktat der USA und EU. Peter Handke ist ein grosser Schriftsteller! Antworten


Robert Marek

05.11.2010, 17:05 Uhr
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Die Verurteilung Serbiens als einziger Agressor war einseitig und hält einer präzisen Geschichtsschreibung nicht stand. So gesehen sind die Aktionen Handkes zumindest legitim, wenn vielleicht auch etwas naiv (das Recht grosser Künstler). Schade, dass Gstrein meint, seinem grossen und unerreichten Landsmann auf diese Weise ans Bein pinkeln zu müssen. Antworten




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