Zu Besuch in Nabokovs Suite
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An den hohen Bücherschränken in einem der vielen Flure des Hotel Palace in Montreux ging Vladimir Nabokov gewiss nicht achtlos vorbei. Vielleicht stammen einzelne Kratzer im rötlichen Holz gar von seinen Fingernägeln, als er den Schlüssel an der Schranktüre drehte, um unter den in Kalbsleder gebundenen Schätzen der Hotelbibliothek eine passende Lektüre zu finden. Zum Beispiel ein Werk aus der Reihe «Bibliothèque Universelle», die von 1890 bis Ende der 1920er-Jahre vollständig erhalten ist. Oder «La Vie Parisienne» von 1888, das Frivolitäten jener Zeit grossformatig ausbreitet.
Die schweren Teppiche, der Stuck an der Decke, die Fenster und Kuppeln aus Tiffany-Glas im Palace schienen dem Geschäftsführer des Stroemfeld-Verlags, Karl D. Wolff, der geeignete Rahmen zu sein, um die deutsche Erstausgabe von Vladimir Nabokovs Kommentar zu Puschkins Versroman «Eugen Onegin» vorzustellen. Der Anlass war bereits im vorigen Jahr geplant. Aber nachdem Wolff die Lizenz vom Rowohlt-Verlag erhalten hatte, stellte sich heraus, dass er zusätzlich das Recht zur Übertragung des in Englisch verfassten Kommentars von der Erbengemeinschaft Nabokov erwerben musste.
Am Genfersee dank «Lolita»
Dmitri Nabokov, der Sohn des Schriftstellers, Literaturwissenschaftlers und Übersetzers, hätte der Präsentation der deutschen Erstausgabe gern beigewohnt. Aber der 75-jährige Opernsänger, der in Montreux wohnt, war nach einer Krankheit zu schwach auf den Beinen. Wegen Dmitris Sängerkarriere in Europa waren Vladimir und Vera Nabokov übrigens 1961 an den Genfersee umgezogen. Der Grosserfolg des skandalumwitterten Romans «Lolita» hatte es Nabokov finanziell ermöglicht, seine Lehrtätigkeit in den USA aufzugeben.
Ursprünglich hatten Vladimir und Vera Nabokov am Genfersee ein Haus kaufen wollen. Aber dann überzeugte sie der Schauspieler Peter Ustinov, sie würden besser in dem Grandhotel aus der Belle Epoque wohnen. Nabokov hatte die Urfassung seiner Übersetzung von «Eugen Onegin» und den Kommentar bereits geschrieben, als er nach Montreux umzog. Aber hier, in der Suite Nummer 65, korrigierte er das Manuskript, bevor die Erstausgabe 1964 erschien.
Puschkin liess ihm keine Ruhe
Das Werk löste einen literarischen «Sturm am Genfersee» aus. Der amerikanische Literaturkritiker Edmund Wilson machte Nabokov schwere Vorwürfe, weil er die Verse von Puschkins Original in Prosaform übersetzt hatte. Ihre Freundschaft ging darob zu Bruch. Onegin und sein Schöpfer Puschkin liessen Nabokov jedoch nicht in Ruhe. Im Palace nahm er seine Übersetzung und den Kommentar immer wieder hervor, bis 1975 eine überarbeitete Fassung erschien.
Die Suite, die Nabokov bis zu seinem Tod am 2. Juli 1977 bewohnte, befindet sich im 6. Stock des Hotelpalastes. Eine Gedenktafel und Schwarzweissfotografien erinnern an den berühmten Dauergast. Bis auf einen Tisch mit einer gedrechselten Umfassung, an dem Nabokov schrieb, und eine Vitrine mit einem Teeservice aus jener Zeit ist das Mobiliar neu.
«Was für ein Schwachsinn, dass man das Interieur erneuert hat», schimpfte ein Nabokov-Verehrer bei der Besichtigung. Wer heute allerdings 1200 Franken für eine Nacht in dieser Suite hinblättert, will kaum in Betten schlafen, die Vera und Vladimir Nabokov in 16 Jahren durchgelegen haben. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.11.2009, 14:18 Uhr
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