Kultur

Worauf es wirklich ankommt: Chanel, Starbucks, Botox

Von Beat Mazenauer, SFD. Aktualisiert am 04.03.2010

Philipp Tingler bestätigt seinen Ruf als Lifestyle-Chronist. Schönheit, Geld und Klassendünkel rufen im neuen Roman «Doktor Phil» selbst den Teufel auf den Plan. Doch der faustische Pakt misslingt.

Lifestyle über alles: Philipp Tingler

Lifestyle über alles: Philipp Tingler (Bild: Stefan Sulzer)

Das Buch

Philipp Tingler, «Doktor Phil.» Roman, Kein & Aber, Zürich 2010. 352 Seiten, Fr. 31.90

In Tinglers Büchern tummeln sich attraktive Menschen, sei es, dass sie hübsch geboren sind, oder weil sie ihrem Aussehen medikamentös und operativ nachhelfen. Schönheit und Stil sind Gebote, denen auch der Schriftsteller Oskar Canow am liebsten nachlebt.

Oskar schreibt kultivierte Texte, die ihm bisher einige Bekanntheit eingetragen haben. Mit seiner Frau Laura lebt er in luxuriösen Verhältnissen, umgeben von modischen Lifestyle-Gadgets, wie sie in den höhern Sphären der Gesellschaft üblich sind. Und nicht zu vergessen: Laura sieht nicht nur betörend aus, sie ist auch «truuuly Upper Class».

So erstaunt es nicht, dass der Teufel erstmals in Gestalt eines Modeschöpfers bei Oskar anklopft. Zwar vermag er seine mediokren Manieren kaum zu verbergen, sein Angebot ist für Oskar dennoch bedenkenswert. «Ich biete Ihnen: das Angenehme» - lautet der teuflische Wetteinsatz. Sein Preis: Oskar soll erfahren, wann genau er sterben werde.

Probezeit mit dem Teufel

Das klingt verführerisch und ist obendrein mit einer Probezeit versüsst. Laura aber bringt dies fürchterlich in Rage. Für sie klingt das alles nur billig. Auch wenn darüber gar nicht verhandelt wurde, spürt sie instinktiv, dass Oskars Seele mit auf dem Spiel steht. Die Hölle, das sind die anderen. Dafür braucht es doch keinen Teufel!

Vor die Wahl zwischen Geist und Gesellschaft gestellt, würde Oskar Canow immer letztere wählen. Schliesslich geht es im Leben «nicht ums Ausdenken, sondern ums Ausschmücken». Dies lässt letztlich auch den Teufelspakt scheitern. Oskar ist kein wissbegieriger Faust, sondern Mitglied der feinen Kreise. Die Hilfe des Teufels würde hier nur als stillos empfunden.

Moden, Marken, Medikamente

Philipp Tingler präsentiert die Faust-Sage als ironische Farce in Uptown-Zürich. Das Angebot eines angenehmen Lebens wirkt unnötig in einer Gesellschaft, die nichts anderes kennen will. Ihr Lifestyle definiert sich über Moden, Marken und Medikamente. Folgerichtig benennt Tingler konsequent, worum es im Grunde geht: Chanel, Starbucks, Botox.

Das alles klingt hier gewitzt ironisch - und ist das oft auch. Philipp Tingler situiert seine Geschichte derart konsequent in der Welt der Schönen und Reichen, dass ihr mit Ironie allein nicht beizukommen ist. Ein schwerer Hauch von Faszination schwingt darin mit. Jedes Ding ist als Marke etikettiert, weil die Marke erst das Ding ausmacht. Das geschieht mit Kalkül - und tappt zugleich in die eigene Falle.

Seele des Luxus

Stilistisch wirkt Tinglers Roman rhetorisch stark geblümt und überinstrumentiert. Die Vorliebe für Gerundiums-Formen klingt umständlich, in Aufzählungen und Beschreibungen obsiegt stets Kumulation über Exzellenz. Insbesondere die Dispute mit dem Teufel walzen die Argumente förmlich platt.

Trotzdem liest sich das Buch mit Vergnügen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es eine soziale Sphäre beschreibt, deren Auserwähltheit in der Literatur gerne klein geredet wird. Dabei haben auch die Schönen und Reichen eine Seele, deren Verkauf gerade in schwierigen Zeiten zu bedenken wäre. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.03.2010, 16:00 Uhr


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