Kultur

Wie sich die Stasi an Günter Grass die Zähne ausbiss

Kai Schlüter hat die Stasi-Akte des Literaturnobelpreisträgers ausgewertet. Eine trostlose, gleichwohl erhellende Lektüre.

Nicht erpressbarer Gegner: Günter Grass in einer Aufnahme von 1963.

Nicht erpressbarer Gegner: Günter Grass in einer Aufnahme von 1963.

Das Buch

Kai Schlüter: Günter Grass im Visier. Die Stasi-Akte. Ch.-Links-Verlag. 336 Seiten, ca. 43 Fr.

Nachdem herausgekommen war, dass er als 17-Jähriger Mitglied der Waffen-SS war, witzelten böse Zungen, nun bliebe nur noch ein denkbarer medienwirksamer Skandal: Grass müsse sich als IM, als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi outen. Richtig witzig war das nicht. Und weit weg von jeglichem Realitätsbezug, den gute Witze haben müssen. Denn Günter Grass hat zwar eine umfangreiche Stasi-Akte – auf 2200 Seiten kommt er vor –, aber ausschliesslich als Objekt geheimdienstlicher Beobachtung.

Von 1961, dem Jahr des Mauerbaus, bis zum Ende des SED-Regimes 1989 versuchte die Stasi, zu beobachten, zu kontrollieren und zu stören, was der prominente westdeutsche Autor so trieb, wenn er die DDR besuchte. Was er oft tat: als offizieller Gast auf Schriftstellertreffen, als prominenter Gast heimlicher Zusammenkünfte, als Akademiepräsident und, ganz am Schluss, auf Lesereisen.

Aus den publizierten Dokumenten wird deutlich, dass dieser Autor der Stasi unheimlich war. Einer, der den «reaktionären» Westen scharf kritisierte, aber den «fortschrittlichen» Osten noch viel mehr? Der 1961 auf einem deutsch-deutschen Schriftstellerkongress sagte, in der BRD sei die Freiheit des Wortes gefährdet, «hier (in Ost-Berlin) ist sie aber gar nicht vorhanden»: Dem konnte die Stasi nur das Etikett «feindlich-negativ» anheften, seinen kritischen Fragen das hilflose Schmähwort «Provokation». Seit er nach dem Mauerbau in einem offenen Brief an Anna Seghers den SED-Generalsekretär Walter Ulbricht mit einem KZ-Kommandanten verglichen hatte, galt der Sozialdemokrat als Staatsfeind.

Neugierig und bescheiden

Grass war ein schwerer Gegner. Er war populär, nicht erpressbar – und konsequent. Auf keinen Formelkompromiss mit den Schriftstellerfunktionären liess er sich ein. Unbeirrt attackierte er die Zensur, sprach immer wieder die Publikationsverbote für kritische DDR-Autoren wie Uwe Johnson oder Hans-Joachim Schädlich an. Nicht mal in der Friedenseuphorie der 80er-Jahre, als Intellektuelle in Ost und West versuchten, gemeinsam gegen die Nachrüstung Stellung zu nehmen, vergass Grass seine Kontrahenten um den Verbandspräsident Hermann Kant daran zu erinnern, dass die DDR eine Art «Krieg gegen ihre Schriftsteller» führe. Angesichts der realen politischen Teilung hielt er an der Vorstellung einer gemeinsamen Kulturnation fest, was die auf Abgrenzung erpichten DDR-Funktionäre ungeheuer nervte.

Gegenüber seinen ostdeutschen Kollegen zeigte er echte Neugier, blieb – schwer vorstellbar, aber nach glaubhaften Zeugenaussagen – bei Werkstattgesprächen bescheiden und half verbotenen Autoren, im Westen zu publizieren. Mehr als einen nahm er nach der Ausreise vorübergehend bei sich auf. Es hilft nichts: Grass macht in dieser Dokumentensammlung eine glänzende Figur.

Eine trostlose Lektüre ist sie dennoch. Wie das bunte und schwierige Leben der Dissidenten in der dürren Spitzelsprache zu Formeln verkümmert, wie Unbeholfenheit, Unwissenheit und Borniertheit («Grass und seine Ehefrau waren im Berichtszeitraum sauber und ordentlich gekleidet») den Stasi-Helfern und -Offizieren die Feder führt, wie sie oft gar nicht begreifen, was sie sehen und hören: Das ist deprimierend zu lesen. Erfreulich wiederum, dass in den engsten Kreis der Schriftsteller, die sich in den 70er-Jahren in wechselnden Privatwohnungen trafen, kein Spitzel eingedrungen ist, auch nicht Karl-Heinz Schädlich, der Bruder des Schriftstellers, der sich 2007 das Leben nahm.

Kai Schlüters Edition ist ein vorzüglicher Beitrag zur jüngsten Zeitgeschichte. Vor allem lässt er die Stasi-Berichte nicht einfach stehen – so als handelte es sich bei ihnen um die reine Wahrheit –, sondern von den Betroffenen kommentieren. Dabei zeigt sich das Eigeninteresse der Spitzel: Mal wollte man sich gegenüber dem Führungsoffizier aufspielen, mal die Brisanz des Beobachteten abschwächen nach dem Motto: «Wir haben alles im Griff.»

Grass war Chefsache

Die Einleitungen zu jedem Kapitel, die man auch allein lesen kann, zeigen, wie sich die Haltung der SED zu Grass je nach der herrschenden politischen Strategie veränderte. Und wie sich die Stellen widersprachen: 1983 riet die zuständige Hauptabteilung dazu, einen Einreiseantrag Grass’ abzulehnen. Erich Mielke, der zuständige Minister (Grass war Chefsache), erteilte aber handschriftlich die Einreiseerlaubnis.

Manchmal hatten es auch die ostdeutschen Gastgeber nicht leicht mit dem prominenten Grossschriftsteller. Der forderte einmal die Hausherrin auf, für die 40 Anwesenden eine Suppe zu kochen. Die war von dem Ansinnen völlig überfordert und brachte nur ein wässeriges, ungewürztes Ergebnis zustande – «das blieb von Grass natürlich nicht unkommentiert». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2010, 11:33 Uhr

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