Kultur

Linus Schöpfer
Redaktor Kultur


Wie gutes Bier oder eine gerauchte Banane

Aktualisiert am 23.04.2012 9 Kommentare

Heute ist der Welttag des Buches, und es fragt sich: Wenn Bücher Drogen wären – wie würden sie wohl wirken? Ein Gedankenspiel.

1/9 Ein Verfechter des gezielten Drogenkonsums: Schriftsteller Aldous Huxley («Brave New World», «The Doors of Perception»).
Russelldavies.typepad.com

   

Werke wie Drogen: Schriftsteller und Rauschmittel. (Collage Boris Müller)

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Bücher verändern unser Leben. Mal überwältigend und quasi über Nacht, mal heimlich, still und infiltrierend. Sie wirken auf unser Denken und verändern unseren Blick auf die Menschen und die Welt – Bücher sind ein bisschen wie Drogen (oder, wahrscheinlich eher: Drogen sind ein bisschen wie Bücher). Eine kleine waghalsige Bücher-Auswahl mit gemutmassten Drogen-Äquivalenten.

Crack: Rowlings «Harry Potter»
Hunderte Millionen wurden angefixt mit diesem Stoff, Abertausende kamen nicht mehr los davon, unzählige Nächte wurden unter schummrigem Lampenlicht durchgefiebert, abseits der rowlingschen Zaubergeschichten wirkte für die Potter-Junkies alles ein wenig fad und abgestanden: «Harry Potter» ist das Crack der Gegenwartsliteratur. Noch immer können sich die Süchtigen nur schwer mit dem harten Entzug arrangieren, der ihnen seit fünf Jahren verordnet wird.

Rotwein: Goethes «Lehrjahre»
«Wilhelm Meisters Lehrjahre» ist ein schwerer Tropfen, der erst mit der Zeit an Geschmack gewinnt; der Leser selber reift während der Lektüre dieses Bildungsromans über Künstlertum, Religion, Reichtum und Armut. Je länger er sich vertieft, desto mehr Nuancen entdeckt er und es wird ihm erst schwindlig, dann klar, dass hier nicht bloss ein, sondern das Leben verhandelt werden soll.

Bockbier: Nietzsches «Zarathustra»
Zugegeben, zu Beginn schmeckts etwas irritierend. Doch langsam weicht das Missgefühl einer Hochstimmung, der Erkenntnis nämlich, dass hier Malz und Hopfen, Weisheitslehre und Kunst eine ganz eigene Verbindung eingehen. Vielleicht klang Philosophie vor und nach «Also sprach Zarathustra» nie schöner. Doch irgendwann – das Kamel verwandelt sich in einen Löwen – beginnts zu surren und drehen ob all der verwinkelten Gedankengänge, der hochgespannten Vorstellungen, der aberwitzigen Visionen. Mit einem Brummschädel legt der Leser dieses «Buch für Alle und Keinen» (so der Untertitel) wieder zur Seite.

LSD: Schmidts «ZETTEL'S TRAUM»
Alles wirkt plötzlich so komplett anders, so absolut fremd – als wäre man in einen Parallelweltspalt gefallen (gar kein Zufall, dass Arno Schmidts «ZETTEL'S TRAUM» gleich drei Lesespalten hat). In jener Welt bleibt man gefangen, bezaubert von einer exotischen Intensität. Oder man will so rasch wie möglich wieder raus, und einem bleibt nur der Ausruf gegen diesen vielleicht sonderbarsten aller deutschsprachigen Literaten: «Hock doch ein in Dein verwünschtes FrazznHaus, Spinner ! : MondscheinMensch !»

Gerauchte Banane: Coelhos «Aleph»
Voller Bewunderung nähert sich der Leser dem Buch – er beginnt die Lektüre in der sicheren Annahme, die Wahrheit, die von niemandem anderem als von dem kleinen Brasilianer entdeckte Wahrheit, vorzufinden. Ein, zwei Züge von dieser heissen Luft, dann beginnt er bereits zu husten, und der Kopf schmerzt plötzlich höllisch.

Valium: Stifters «Nachsommer»
Beim Lesen des «Nachsommers» gewöhnt man sich allmählich daran, dass eigentlich gar nichts passiert. Der Held des Romans betreibt geologische Studien, züchtet Blumen, verliebt sich ein bisschen, wandert durchs Gebirge. Langsam und unbewusst driftet der Leser weg vom Alltag, der Idylle entgegen.

Ecstasy: Goetz' «Rave»
Mit dieser Erzählung wollte Dringlichkeits-Fanatiker Rainald Goetz das nokturne Wummern und Treiben der Techno-Zeit dokumentieren – und es gelang ihm auf grandiose Weise. Ein eigener Stakkato-Stil schafft das eigentlich Unmögliche: Technomusik lesend erfahrbar machen. Nach unzähligen Euphorie-Flashs stolpert der Leser am Ende zurück ins Tageslicht. Um was es im Buch gegangen ist, hat er schon vergessen.

Aspirin: Kants «Praktische Vernunft»
Gestern Sonntag hatte er Geburtstag, heute liefert er das finale Aspirin. In seiner «Kritik der praktischen Vernunft» präsentiert sich der Philosoph als genialischer Oberlehrer. Der Leser müht sich durch Schachtelsätze und moralische Exkurse. Die Ernüchterung ist garantiert.

Beinahe psychedelisch heisst es im diesjährigen Unesco-Grusswort, der heutige Welttag des Buchs feiere die Aufnahme des «interaktiven Dialogs mit dem vom Autor eines Textes geschaffenen virtuellen Universum» – der Festtag bekräftigt die Erkenntnis, dass das Lesen die beste aller möglichen Horizonterweiterungen ist und bleibt. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.04.2012, 15:00 Uhr

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9 Kommentare

Liselotte Weber

24.04.2012, 11:53 Uhr
Melden 3 Empfehlung 0

Wenn Bücher Drogen wären – wie würden sie wohl wirken? Bücher, das heisst l e s e n ist eine Droge. Genau wie Alkohol und sonst. Drogen kann sie einem in eine andere Welt führen, weg aus dem Alltag. Diese Flucht vor der Realität ist "billiger" und weniger gesundheitsschädlich als die anderen Drogen, kann aber genau so gefährlich sein - ich weiss wovon ich spreche! Antworten


ralph kocher

24.04.2012, 11:52 Uhr
Melden 1 Empfehlung 0

TV ist hektisch und lässt sich nicht eingehender zurückblättern. Das Buch bzw. ART-Comic selbst bleibt eine psychomentale Droge. Man liest sich rein und geht dort drin spazieren...! Antworten



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