Wie ein Bruder des bekifften Dude
Von Florian Keller. Aktualisiert am 02.02.2011 3 Kommentare
Jaron Lanier
Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht. Suhrkamp, Frankfurt 2010. 247 S., ca. 30 Fr.
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Bin ich bloss ein Profil mit wechselnder Statusmeldung? Oder ist da noch eine reale Person dahinter? Das sind nicht die Fragen eines alten analogen Humanisten, der beklommen auf soziale Netzwerke wie Facebook geschaut hat und auf die Entfremdung, die sie zwischen den wirklichen Menschen anrichten. Es sind auch nicht die Fragen eines Frank Schirrmacher, der in seinem Buch «Payback» das Internet für die galoppierende Zerstreutheit unserer Zeit verantwortlich machte. Nein, der Mann, der solche und ähnliche Fragen stellt, ist Jaron Lanier, ein Software-Guru und Pionier der digitalen Revolution, dem wir unter anderem den Begriff der virtuellen Realität verdanken.
Digitaler Hippie
Dieser Ureinwohner der digitalen Welt hat nun ein Buch geschrieben, sogar ein gebundenes aus Papier: Es heisst «Gadget» und will als humanistisches Manifest für unsere hypervernetzte Gegenwart gelesen werden. Laniers Befund: Wir leben immer weniger als Personen, sondern funktionieren wie die Computer, die wir zu benutzen glauben. Der Mensch lässt zu, dass sein Leben mehr und mehr in einen Datenbestand verwandelt wird. Und eben nicht durch eine repressive Behörde, die ihn gewaltsam auf ein Set von Daten reduzieren würde. Sondern freiwillig, indem wir unser Denken den Beschränkungen der Software und ihrer sogenannt benutzerfreundlichen Oberfläche anpassen. Oder wer von uns kann sich noch einen Computer vorstellen, der nicht in Dateien organisiert ist?
In seiner Diagnose ist Lanier damit nicht weit entfernt von Schirrmachers Kulturkritik. Der fundamentale Unterschied liegt in der digitalen Kompetenz und der Haltung, aus der heraus er seine Mahnschrift für uns gedankenlose User formuliert: Jaron Lanier ist ein digitaler Hippie. Und genau so, nebenbei gesagt, schreibt er auch: Sein Buch ist fahrig, sprunghaft, manchmal unscharf wie das Denken eines Kiffers, dann wieder von grosser Klarsicht. «Gadget» beschreibt also keineswegs die Kehrtwende eines digitalen Zauberlehrlings, der plötzlich die Geister, die er rief, wieder loswerden möchte und nun eine Rückbesinnung auf die Segnungen der analogen Kultur predigt. Im Gegenteil: Als guter Amerikaner will Jaron Lanier immer noch weiter vorwärts, nicht zurück. Und als alten Hippie stimmt es ihn traurig, wenn Erfahrungsräume zubetoniert statt erweitert werden.
Wo bleibt der Pioniergeist?
Die Grenze der Zivilisation immer weiter verschieben! Es ist dieser amerikanische Frontiergeist, den Lanier bei den Ingenieuren unserer digitalen Gegenwart vermisst. Lanier gehört zur Generation der Pioniere, die von den unbegrenzten Möglichkeiten träumte, welche sich in der virtuellen Welt eröffneten. Und was ist daraus geworden?
Das Leben im Netz gibt sich mit flachen, stereotypen Schablonen wie Facebook zufrieden. Nicht kreative Fantasie ist die Religion der offenen Netzwerke der Gegenwart, sondern Schwarmintelligenz. Hinter diesem Kult um die Weisheit des Kollektivs, in dem die einzelne Stimme zum Verschwinden gebracht werde, sieht Lanier einen neuen Totalitarismus aufziehen. Die neuere digitale Kultur sei darauf ausgerichtet, Netzwerke von Individuen so fein zu zergliedern, bis am Ende nur noch ein anonymer Brei übrig bleibe. Lanier nennt das «digitalen Maoismus».
Warnung vor der Zukunft
Sein Plädoyer für einen digitalen Humanismus findet dieser Tage ein hysterisches Echo im Kino: «Ich bin kein Programm!», wehrt sich da ein junger Mann, als er in den Cyberspace eingesaugt und dort prompt vom uniformierten Sicherheitspersonal aufgegriffen wird. Der arme User wird für eine Software gehalten!
Das klingt wie eine digitale Verwechslungskomödie, ist aber bitterer Ernst im Film «Tron: Legacy». Die Zukunft, vor der Jaron Lanier in seinem Buch warnt, ist hier bereits wahr geworden: Der Mensch ist einer Software ausgeliefert, die er selbst erschaffen hat.
Schon der ursprüngliche «Tron» (1982), kommerziell ein Flop, aber ein Markstein in der Geschichte des computergenerierten Kinos, hatte den Cyberspace zum Schauplatz für den Kampf gegen ein totalitäres Zentralprogramm gemacht. Dabei wurden erstmals in einem Spielfilm ganze Sequenzen vollständig am Computer erschaffen. In der visuellen Abstraktion, die dem damaligen Stand der Technik geschuldet war, hatte das durchaus seinen rudimentären Reiz. Und die Story vom Freiheitskampf gegen die böse Software? Die war nicht einmal rudimentär, sondern nur einfältig.
Bloss die Auflösung ist besser
Mehr noch als jener erste Film ist nun auch die Fortsetzung über weite Strecken in einer virtuellen Welt angesiedelt, wo Computerprogramme in Menschengestalt herumlaufen. Jaron Lanier würde hier genau jenen rasenden Stillstand bestätigt sehen, den er in seinem Buch an der digitalen Kultur der Gegenwart beklagt: Die Zukunft im neuen «Tron» sieht immer noch aus wie damals, bloss in viel besserer Auflösung. Da ist zwar dauernd von einer digitalen Frontier die Rede, aber in den Schauwerten – wie auch in der Musik von Daft Punk – spekuliert der Film auf den Nostalgiewert der Zukunft von gestern. Dabei sind die fluoreszierenden Lichtspiele, die Regisseur Joseph Kosinski in den digitalen Raum wirft, durchaus grandios. Als abstrakter Reigen aus Bewegung und Neonfarben ist dieses Upgrade in 3-D von einer grafischen Brillanz sondergleichen. Das Problem ist, dass dabei auch geredet wird.
Hacker sucht Papa
Zwar wohnt auch in «Tron: Legacy» ein Unbehagen vor einem totalitären Umschlag der digitalen Revolution. Aber Denkanstösse zum prekären Verhältnis zwischen Mensch und Technologie sucht man in diesem Blockbuster vergebens. Die entsprechenden halbphilosophischen Phrasen, die durch den Film wabern, klingen mehr wie Hintergrundmusik für die archaische Geschichte, welche diese Disney-Produktion in Wirklichkeit antreibt: die Suche eines jungen Hackers nach seinem verschwundenen Vater.
Der gesuchte Papa, das ist Jeff Bridges, der als rebellischer Informatiker im ersten «Tron» einst die totalitäre Supersoftware ausschaltete. Der Held von einst ist jetzt ein angejahrter Guru, der sich unfreiwillig ins virtuelle Exil verabschiedet hat. Als Geisel seiner eigenen Schöpfung sitzt der digitale Prophet von damals im Cyberspace fest und altert vor sich hin. Bridges spielt diesen müden Rebellen wie einen Bruder seines bekifften Dude aus «The Big Lebowski». Das ist ein digitaler Romantiker, der im Cyberspace die blaue Blume sucht, und als er sie gefunden hat, fasst er sein Glück in diese Worte: «Das ist biodigitaler Jazz, Mann!» Da klingt er schon fast wie ein Gesinnungsgenosse von Jaron Lanier.
«Tron: Legacy» läuft in Zürichin den Kinos Abaton, Arena, Corso und Metropol. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.02.2011, 09:03 Uhr
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3 Kommentare
Falls die Frage erlaubt ist: hat ein Mensch kaum noch die Möglichkeit am sozialen Leben teilzunehmen (was vielleicht immer öfter vorkommen wird), ist es durchaus eine Alternative. Wobei ich persönlich vorher im Wald landen wollte, als bspw. bei Facebook. Das Internet "gut" zu nutzen gerät glücklicherweise immer mehr in den Fokus. Es bringt Hebelziehern durchaus was, wenn Menschen "weg" sind, oder? Antworten
Der Film "Matrix" und das Buch "Simulacron-3" waren wegweisend. Galouye und die Gebrüder Wachowski sagten gewissermassen die Zukunft voraus. Nur, die Gesellschaft im Netz ist das Prekariat vor dem Screen, das nur noch die digitalen Früchte seines Daseins geniesst. Von der realen Welt, die unbezahlbar wurde, ausgeschlossen. Der Fortschritt also ökonomisch, nicht technisch. Brave New World! Antworten








