Kultur

Wie Roger de Weck ein Mitarbeitergespräch vergeigt

Von Rico Bandle. Aktualisiert am 26.10.2010 18 Kommentare

Roger de Weck kann von Glück reden, dass Fritz J. Raddatz' «Tagebücher» nach seiner Wahl zum SRG-Generaldirektor erschienen. Darin kommt er schlecht weg – ebenso wie Adolf Muschg und Friedrich Dürrenmatt.

Spielt eine wichtige Rolle im «grossen Gesellschaftsroman»: Roger de Weck, ehemaliger Chefredaktor der «Zeit».

Spielt eine wichtige Rolle im «grossen Gesellschaftsroman»: Roger de Weck, ehemaliger Chefredaktor der «Zeit».
Bild: Keystone

Kulturbetrieb zu Seifenoper gemacht: Fritz J. Raddatz.

Das Buch

Fritz J. Raddatz: Tagebücher 1982 – 2001. Rowohlt, 940 Seiten, ca. 50 Franken.

Fritz J. Raddatz ist das Enfant terrible der deutschen Intellektuellen, war einst Feuilleton-Chef der «Zeit», hat mehrere Bücher geschrieben und hat in den letzten Jahrzehnten alle getroffen, die im gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Leben im deutschsprachigen Raum eine Rolle spielen. Wirklich alle. Und sie sind nun Gegenstand seiner Tagebücher, werden gnadenlos durch den Kakao gezogen, scharfzüngig, intelligent, voller gewitzter Boshaftigkeit.

Angekündigt als der «grosse Gesellschaftsroman» wie es ihn noch «nie gegeben» habe, ist das 900 Seiten schwere Werk ein Klatschheft der Intelligenzia, auch als Klolektüre geeignet, wobei man damit rechnen muss, dass das Klo dann stundenlang besetzt bleibt. Das Buch zeichnet ein Bild der Intellektuellen, die vor allem mit Eitelkeiten, Eifersüchteleien und Zickenkriegen beschäftigt sind. Dankenswerterweise ist ein Personenregister angebracht, es will nicht enden, die Menge der Seitenzahlen neben den Namen ist so etwas wie ein Gradmesser der Stellung der jeweiligen Persönlichkeit in der Szene. Klarer Sieger mit den meisten Nennungen ist der Schriftsteller Günter Grass, uns interessieren an dieser Stelle aber in erster Linie die Schweizer, bei ihnen schwingt Roger de Weck mit den meisten Nennungen obenauf.

Der schweigende Interviewer

De Weck war einst als Chefredaktor der «Zeit» Raddatz' Chef. Der Autor stellt den Führungskompetenzen des Schweizers kein gutes Zeugnis aus. Im Eintrag vom 10. April 1999 schreibt er:
«Makabres Spiel vorgestern. ZEITchef Roger de Weck bei mir zum Abendessen (kam 1 volle Stunde zu spät). Wir wollten/sollten u. a. über die Ja-Nein-Verlängerung meines Vertrages sprechen, was ich brieflich VOR VIER WOCHEN (damit er's rechtzeitig mit seiner Oberbehörde regeln kann) vorgeschlagen. Geredet wurde STUNDENLANG über ZEITinterna, seine Kümmernisse (‹Ich bin körperlich angeschlagen, habe lange keinen Urlaub gehabt›; wie ein Postbeamter – Chefredakteure sollten keinen Urlaub machen!!!), gar über einen homosexuellen Grossvater (...).»

Die eigentliche Sache, die Vertragsverlängerung, habe de Weck nur beiläufig am Schluss erwähnt. Eine weitere Episode mit de Weck beschreibt Raddatz im Eintrag vom 13. Juni 1999. De Weck habe mit ihm ein Interview mit Günter Grass führen wollen. Die beiden seien losgefahren, de Weck habe nicht an das Tonband gedacht und auch anderes vergessen:
«Ankunft in Behlendorf: ‹Ach, Sie denken auch an alles›, als ich meine Blumen für Ute Grass aus dem Kofferraum holte. Dann nahm er Platz, mehr mein Sekretär als der Chef, bediente das Tonband – – – und liess mich das Gespräch führen. Er nahm 1 1/2 Stunden mit 2 Fragen daran teil: ‹Leben Sie gerne in diesem Jahrhundert?› und ‹Wie denken Sie über den Tod?› Grosse Schwierigkeit, das zu redigieren, weil ja nicht immer FJR/Grass in der gedruckten Fassung stehen kann und nur 2 x ‹de Weck›.»

De Weck habe dann auch noch vergessen, einen Termin mit dem Autor abzusprechen, um den Text gegenzulesen. In einer anderen Passage wirft Raddatz de Weck vor, den Unterschied zwischen einem Unterhaltungsautor und einem unterhaltend schreibenden Autor nicht zu kennen – trotzdem hat er für seinen Chef nicht bloss Häme übrig. Im Gegenteil. Als de Weck bei der «Zeit» Knall auf Fall entlassen wurde, sei er der Einzige gewesen, der offen dagegen protestiert habe:
«De Weck fand sich 5 Minuten später in meinem Zimmer, den Tränen nahe. ‹Das vergesse ich Ihnen nie.›»

Muschg redet und redet und redet

Ein anderer Schweizer, der öfters erwähnt wird, ist Adolf Muschg. Ist in frühen Tagebucheinträgen noch Bewunderung für den Autor zu spüren, ändert dies nach einer gemeinsamen Lesung 1989 radikal:
«Er las und las und las UND diskutiert in seiner ‹zu kleinen› Eitelkeit vor 12 Leuten derart endlos, war auch durch Gähnen nicht zu bremsen, dass ich 3 x im Restaurant anrief, den Tisch konfirmieren, verlängern, neu erbitten musste; als wir schliesslich anlangten, war die Küche zu, das Essen kalt, der Wein warm – – – gute Gelegenheit für Muschg, weiterzureden ohn' Unterlass (...).»

In einem Eintrag von 1993 bezeichnet er dann das Werk Muschgs abschätzig als «gefällig», als «gehobene Unterhaltungsliteratur für das gebildete Publikum».

Zu den weiteren Schweizern, die in Raddatz Panoptikum Platz finden, gehören die Regisseure Luc Bondy (vor ihm zeigt er grossen Respekt) und Christoph Marthaler. Letzteren beschreibt er 1995 als «neuen Scene-Regie-Star», der mit Männern in Unterhosen das «Thema vollkommen vergeigt», einige Jahre später schwärmt Raddatz für Marthalers «Kasimir und Karoline».

«Dürrenmatt ist dumm»

Mag man über all die Einschätzungen und Anekdoten lebender Zeitgenossen schmunzeln, so fällt das bei Toten schon schwerer. Über ein Interview mit dem bereits schwer kranken Friedrich Dürrenmatt 1985 schreibt er:
«Mir schien schon bei der Vorbereitungslektüre, dass Dürrenmatt etwas dumm ist. Im Gespräch stellte sich heraus, dass er einen Gedanken nicht zu Ende denken, ihn nicht einmal festhalten kann. (...) Man kann auch sagen, er ‹labert›.»

Interessanter ist dann, wie er Dürrenmatts Beziehung zu Charlotte Kerr einschätzt:
«Keinen Moment stellt sich das Gefühl ein, hier lieben sich zwei Menschen. Vielmehr haben die 2 eine Firma gegründet: ‹Biete Schweizer Pass und Wohlhabenheit – erwarte to be taken care of›.»

Raddatz' elegant hingerotzte Tagebucheinträge sind entlarvend, machen süchtig. Die lustvoll platzierten Indiskretionen zeigen vor allem: Auch noch so intelligente Menschen sind nur Menschen, einfach Menschen. Das zu erfahren tut immer wieder gut. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.10.2010, 12:45 Uhr

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18 Kommentare

Pirmin Meier

26.10.2010, 15:16 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Im Vergleich zu Dürrenmatt, "etwas dumm", dem grossen philosophischen Autor der Schweiz in den letzten 50 Jahren, ist Raddatz eine Gartenzwergnummer. Was er über andere schreibt, bleibt zu relativieren, mag auch beim alten Dürrenmatt das mit dem Labbern vorgekommen sein.. Man soll nicht kranke Leute verspotten, nicht einmal Genies! Frau Kerr verwaltet bis heute die Marke Dürrenmatt professionell. Antworten


Anita Sturzvogel

26.10.2010, 13:37 Uhr
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Die wahre Intelligenzia der Schweiz recht zur Zeit gerade Laub, flickt einen Motor oder bündelt alte Zeitungen. Sie muss auch keine neuen Bücher lesen, um das Innenleben unserer gesprächigen und schreibfreudigen Analytiker erahnen zu können. Die Entzauberung einer Elite gelingt in Helvetien immer ganz von allein. Antworten




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