Kultur

Was meine Lust ist, bestimme ich!

Von Martin Ebel. Aktualisiert am 24.04.2012 2 Kommentare

Die preisgekrönte deutsche Kriegsreporterin Carolin Emcke erzählt in einem klugen Essay darüber, «wie wir begehren» – und zeichnet dabei ihre sexuelle Selbstfindung nach.

Auch bei der Lust und beim Sex geht es um Sprache und Sprachlosigkeit: Reporterin Carolin Emcke.

Auch bei der Lust und beim Sex geht es um Sprache und Sprachlosigkeit: Reporterin Carolin Emcke.
Bild: carolin-emcke.de

Emcke, Carolin, «Wie wir begehren», Fischer (S.), Frankfurt, 253 Seiten, CHF 31.90, ISBN 978-3-10-017018-7.

Wie wir begehren

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Da dies ein sehr persönliches Buch ist, soll auch ein persönlicher Einstieg erlaubt sein: Das Buch einer lesbischen Frau, die erzählt, wie sie ihre sexuelle Identität findet, hätte mich nicht per se angesprochen. Da es aber von Carolin Emcke stammt, der klugen und mutigen Kriegsreporterin, und es ausserdem für eine Jury auf dem Programm stand, habe ich es gelesen – und bin froh darüber.

Es ist ein seltsames Buch, auch von der Form her: zwischen Essay, biografischer Skizze und politischer Analyse. Es berührt viele verwandte und noch mehr ganz unabhängige Themen, scheint oft richtungslos herumzumäandern und verliert doch sein Ziel nie aus den Augen. Das Ziel, zu zeigen, wie jemand – nämlich die Autorin – diejenige geworden ist, die sie ist; als sexuell selbstbestimmtes und erfülltes (aber durch das Sexuelle keineswegs hinreichend erfasstes) Wesen. Als Frau, die Frauen liebt, aber sich nicht mit der Kategorie «lesbisch» oder «schwul» zufriedengibt, obwohl sie diese Begriffe natürlich verwendet.

Vom Orgasmus zur Staatsaffäre

Begehren – man könnte das schöne altmodische, durch französische Philosophen und ihre Nachbeter etwas abgenutzte Wort hier auch durch Lust ersetzen – ist etwas sehr Persönliches, nichts Kategorielles: Darum geht es Carolin Emcke. Es entwickelt sich in der reflexiven Auseinandersetzung mit eigenen emotionalen Erfahrungen, zugleich aber im Rahmen von Zuschreibungen und Formatierungen. Ihre Biografie – und dieser Essay – oszilliert zwischen dem individuellen und dem gesellschaftlichen Aspekt. Das ist angesichts ihres Philosophiestudiums und ihres Berufs als politische Reporterin fast zwangsläufig.

So erzählt die Autorin, ganz persönlich und unpeinlich, wie sie ihren ersten Orgasmus auf einer Party erlebt hat. Sie berichtet aber auch von der Unterdrückung der Homosexuellen in der deutschen Geschichte, lange, lange nach 1945. Sie rekapituliert die unsägliche Kiessling-Affäre – da entliess ein deutscher Verteidigungsminister einen hohen General, weil der verdächtigt wurde, homosexuell zu sein, und musste ihn kurz darauf wieder in sein Amt einsetzen. Sie beobachtet, wie die deutsche Bildungsministerin Annette Schavan heftig bestreitet, lesbisch zu sein – ohne in dem Zusammenhang zu betonen, dass es ja wohl keine Schande sei, wäre sie lesbisch. Sie erinnert sich an die eigene Jugend, an Szenen der Scham und der Verwirrung, an Erlebnisse der Ausgrenzung und der Schuldgefühle in dem Land der grossen Verunsicherung, das Pubertät heisst.

Berufsalltag und Sex

Ungemein scharfsinnig analysiert sie eine Jahrzehnte zurückliegende Schulhofszene, bei der die Beteiligten auf dem schmalen Grat balancieren, der Spiel von Mobbing trennt. Sie schweift aus – und hält sich auf: vor allem bei ihrem geliebten Musiklehrer, von dem sie gelernt hat, Partituren zu lesen und Musik als eine Sprache der Vieldeutigkeit zu begreifen. So wie auch Gesten, Blicke, Empfindungen nicht nur immer ein und dasselbe bezeichnen müssen. Sodass die Leser mit ein, zwei Gedankensprüngen wieder beim Thema sind.

Auch Carolin Emckes «Berufsnormalität» ist von der Frage «Wie wir begehren?» nicht so weit entfernt, wie es scheint. Es geht auch bei der Lust und beim Sex um Sprache und Sprachlosigkeit, um Zuschreibungen, um Machtgefüge – und darum, wie man diese Komplexe deuten und auflösen kann. Ständiger stummer Begleiter der Autorin ist ein Schulkamerad, Daniel, der sich später das Leben genommen hat. Er konnte seine Homosexualität nicht so glücklich entwickeln (konnte er sie überhaupt erkennen?) wie die Autorin, die diesen fernen Gefährten wie einen beständigen Vorwurf mit sich führt.

Das arabische Muster

Eine andere «Parallelaktion» ist die arabische Welt, in der sich die Reporterin Carolin Emcke immer wieder aufhält. Dort stellt sich die Frage der sexuellen Selbstbestimmung ganz anders, aber auch die Frage an sich selbst, wie offen sie mit ihrer sexuellen Orientierung umgehen kann, ohne ihre Gegenüber zu verunsichern. In der arabischen Kultur stösst sie auf ein charakteristisches Muster: männliche Homosexualität wird verteufelt und verfolgt, weibliche ignoriert – weil man sie gar nicht für möglich hält. Nicht anders hielt man es früher in Europa, und als inneres Denkmuster ist es noch nicht ganz verschwunden: Homosexualität galt als eine Art Krankheit, die sich flächendeckend ausdehnen würde, wenn man sie nicht «ausbrenne». Weibliche Homosexualität gab es nicht einmal als Idee – weil man ausschloss, dass Frauen «von sich aus» überhaupt Lust verspürten (im Sinne von «die wollen ja bloss kuscheln»).

Carolin Emcke legt Wert auf das Einzelne, Einzigartige des Ichs und den schillernden, wandelbaren Charakter seines «Begehrens», der weit über das Sexuelle hinausreicht. Im Verlauf des Buches findet sie indes zu dem «Wir» des Titels: «Wir Homosexuellen» meint aber nicht einen politisch-sexuellen Lobbyismus, sondern reagiert auf die hartnäckige Zuweisung und Eingruppierung von aussen. Der Homosexuelle wird reduziert – auf seine Sexualität. Auch dagegen tritt dieses Buch ein und an, wodurch am Schluss ein immer kämpferischerer Ton hineinkommt. «Ich bin homosexuell, mehr als es für mich bedeutet, weil es anderen mehr bedeutet»: Solche Sätze und die Gedanken, die sie verdichten, bereiten ein hohes intellektuelles Vergnügen. Es gibt eine Fülle davon. «Normen als Normen fallen uns nur auf, wenn wir ihnen nicht entsprechen. Wer den Normen entspricht, kann es sich leisten zu bezweifeln, dass es sie gibt.» Auch Heterosexuelle können aus diesem Buch viel lernen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2012, 08:23 Uhr

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2 Kommentare

Christian Tschudi

24.04.2012, 08:57 Uhr
Melden 13 Empfehlung 0

Herr Ebel. Das Wichtigste zuerst: Begehren ist auch als Wort niemals altmodisch! Lust habe ich..begehren tu ich. Da haben sie etwas gar nicht verstanden. Wie sie zum Schluss konstatieren: ein intelektuelles Vergnügen. Etwa so hilflos liest sich ihr Versuch, ein vermutlich aufwühlendes Buch zu beschreiben. Lassen sie das Ganze mal in ihren Bauch runter sacken. Erst da gehts richtig los! Antworten



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