Kultur
«Waren Sie das?», fragt Kracht
Von Linus Schöpfer, Solothurn. Aktualisiert am 21.05.2012
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Solothurn verbichselt wieder. Seit Freitag reisen grosse Namen der Literaturszene an, um den Solothurnern aus ihren neusten Werken vorzulesen. Pünktlich werden die schmucken Bücherläden frisch bestückt und die aktuellsten Magazine feilgeboten. Das Amassadoren-Städtchen ist hübsch verzaubert, die Literaturtage sind an allen Ecken und Enden, in allen Beizen und Bistros; gleich an zwölf Orten wird gelesen. Wie ihr berühmtester Wortkünstler, der eben prämierte Peter Bichsel, haben die Solothurner das Reisen gar nicht nötig: Sie können getrost zuhause bleiben – alles andere wäre töricht.
Kracht, ganz entspannt
Das Netz der Solothurner Lesebühnen hat einen Hauptstrang, er ist bloss ein paar Schritte lang und führt vom Kreuz-Saal zum Landhaus. Und vor diesem Landhaus – drin liest gerade die türkische Physikerin Asli Erdog – steht doch tatsächlich kein Geringerer als der Literat der Stunde, ganz allein, den Reisekoffer bei Fuss. Er lehnt sich entspannt an die Mauer und raucht. Er sei gerade angekommen, sagt Christian Kracht, der Autor von «Imperium». Doch, Solothurn gefalle ihm sehr gut, sagt er und lächelt sein leises Christian-Kracht-Lächeln, das von einem interessanten Gemütszustand herrühren muss, irgendwas zwischen untadeliger Freundlichkeit und vollendeter Ironie. Er sei zum ersten Mal hier, sagt Kracht.
«Ach, haben nicht Sie im ‹Tages-Anzeiger› eine Suada über mich geschrieben? Waren Sie das?», fragt Kracht dann.
«Aber nein, da verwechseln Sie mich. Ich habe Sie doch bloss gegen Diez verteidigt.»
«Ach!»
«Aber warum haben Sie sich in Zürich eigentlich so abgeschottet?»
«Na, das musste sein.»
«Werden Sie auch heute keine Fragen beantworten?»
«Nein, das Buch spricht... diese ganzen Meta-Fragen...»
Interviews gebe er übrigens auch keine, sagt Kracht noch, bevor er, von einem Organisator am Ärmel gezupft, ins Landhaus verschwindet («Ciao!»). Später verspricht er dem Kollegen vom «Schweizer Monat» ein Interview – weil ihm sein Schuhwerk gefallen habe.
«Hoho, Kokovoren!»
Kurz darauf schlendert Kracht über den ersten Stock des Landhauses. Die Lesung von Helon Habila, der seinen sozialkritischen Roman über die Machenschaften der nigerianischen Öl-Industrie («Öl auf Wasser») präsentiert hat, ist gerade zu Ende gegangen. Nun ist Christian Kracht an der Reihe, der Saal füllt sich. Die Stimmung ist gut, Kracht liest pointiert, es wird viel geschmunzelt ob der Drolligkeiten und Skurrilitäten der Südsee-Story. Ab und zu bricht ein Gelächter los («Hoho, Kokovoren!»).
Als sich Kracht mit einer tiefen Verbeugung und auf Schweizerdeutsch verabschiedet («Merci vilmol»), hat der gebürtige Berner Oberländer die Sympathien auf seiner Seite – und zwar nicht nur jene der bemerkenswert zahlreichen sorgsam gekleideten jungen Männer, die den Saal nun eilig wieder verlassen. Für sie ist der Dandy eine Stil-Ikone, gerne kokettieren sie mit dem krachtschen Habitus des Sich-Entziehens und -Abhebens.
Grundverschieden und gleichermassen gelungen
Dann wieder ein Bruch im Programm: Nach Kracht liest Lukas Hartmann, einer der renommiertesten Schweizer Romanciers und Gatte von SP-Bundesrätin Sommaruga. Wie Kracht hat er mit seinem neusten Buch «Räuberleben» einen historischen Stoff verarbeitet. Ansonsten allerdings haben die beiden kaum etwas gemein.
Hartmann will Geschichte lebendig machen, für Kracht dient sie lediglich als Folie für seine raffinierten Tändeleien; Hartmann will für das Schicksal der Papierlosen sensibilisieren, Kracht läge nichts ferner, als sich einzumischen; Hartmann sucht das Gespräch mit Lesern und Journalisten (seine Lesung wurde von der DRS-Redaktorin Luzia Stettler moderiert), Kracht wiederum verweigert sich. Gelungen waren schliesslich aber beide Lesungen, obschon grundverschieden: Jeder Text hat seinen Ton, erklärte Bichsel kürzlich, und Kracht wie Hartmann trafen ihren Ton. Der eine flüsternd-ironisch, der andere mit wuchtiger Bestimmtheit.
Planspiele für die Klagenfurter Literatur-EM
Wieder draussen aus dem Saal, und sofort schlägt einem das Stimmengewirr aus Sofort-Analysen («Hast Du Krachts Hände gesehen?») und lässigem Geplauder entgegen.
Was man alles vernimmt! Ein Grüppchen älterer Herren etwa debattiert über das angeblich schlechte Abschneiden der Schweizer Vertreter am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Sie stellen sich ihr imaginäres Panini-Album für die Klagenfurter Literatur-EM zusammen: «Zoë Jenny war ganz okay», «Peter Stamm, der hats nicht gebracht». Dann die Lösung: «Peter Weber hätte man hinschicken müssen! Das ist einer, der punktgenau was leisten kann!»
Dabei immer wieder der rasche routinierte Blick aufs Programm des schon bald endenden Festivals; wer liest noch, wen sollte man nicht verpassen? Jubilar Peter von Matt wurde am Sonntag erwartet, und E.Y.Meyer sollte erstmals aus seinem neuen Roman vortragen (es werde ein grosser Wurf, munkeln bereits vorwitzige Auguren). Ja, das dürften die letzten Highlights des diesjährigen Festivals gewesen sein, danach bleibt den Solothurnern wieder nur eins: warten – warten auf die nächste herrliche Verbichselung. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.05.2012, 15:23 Uhr
















