«Wächter des diktatorischen Systems»

Literaturnobelpreisträger Mo Yan sorgt mit seiner Verteidigung der Zensur für Empörung unter chinesischen Intellektuellen und Dissidenten.

Zensur sei nötig wie Sicherheitskontrollen am Flughafen: Schriftsteller Mo Yan. (Hier an einer Pressekonferenz in Stockholm am 6. Dezember 2012). Bild: AFP

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Zensur sei ein notwendiges Übel – so wie Sicherheitskontrollen am Flughafen. Mit diesem Vergleich verteidigt Literaturnobelpreisträger Mo Yan die Unterdrückung der Meinungsfreiheit in China. Die Empörung ist gross. «Er sollte sich schämen», sagte der berühmte chinesische Künstler Ai Weiwei am Freitag der Nachrichtenagentur DPA in Peking. «Er verteidigt dieses bösartige System.» Der Regimekritiker verwies darauf, dass in China Schriftsteller und Künstler in Haft gesteckt oder bedroht werden.

Chinesische Intellektuelle zeigten sich auch empört über Mos Schweigen über den chinesischen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, dessen Freilassung zuvor 134 Nobelpreisträger in einem offenen Brief an den neuen chinesischen Parteichef Xi Jinping gefordert hatten.

«Blinder Glaube an die Staatsgewalt»

«Dass ein Nobelpreisträger die Zensur unterstützt, kann auf keinen Fall akzeptiert werden», sagte der Direktor des Hongkonger PEN-Zentrums unabhängiger chinesischer Schriftsteller, Patrick Poon, der DPA. «Wir alle sollten uns fragen, ob ein solcher Schriftsteller den höchsten Literaturpreis der Welt verdient hat.»

Der im Exil in den USA lebende chinesische Autor Yu Jie nannte Mo Yan einen «Lakaien» des Systems. «Er verteidigte öffentlich die Zensur der Kommunistischen Partei – das ist wie einst das Loblied deutscher Schriftsteller auf Adolf Hitler und Joseph Goebbels».

«Mo Yans blinder Glaube an die Staatsgewalt und seine Ignoranz gegenüber persönlichen Rechten verwundert die Menschen», schrieb der im südwestchinesischen Chengdu beheimatete Autor Ran Yunfei im Kurznachrichtendienst Twitter. Mo Yan betrachte die Staatsmacht als den «obersten Richter der Wahrheit». Die staatlich kontrollierten Medien in China liessen in ihrer Berichterstattung die Antworten zur Zensur häufig aus und enthielten sich auch jeder Kommentierung.

Mit Regierung abgesprochen

Nur die Zeitung «Huanqiu Shibao» erwähnte, dass sich Mo Yan zu Liu Xiaobo nicht äussern wollte. Das Blatt sprach von «wiederholten aggressiven Fragen ausländischer Medien». Wie andere Blätter berichtete die englischsprachige Tageszeitung «China Daily», Mo Yan sei bei der Pressekonferenz in «humorvoller Stimmung» gewesen. Das Blatt bezog sich auf Mo Yans Bemerkung, wie er mit seiner plötzlichen Berühmtheit und Autogrammjägern umgehen müsse.

Das auf Ausländer abzielende Blatt zitierte aber auch ausführlich seine Äusserungen zur Zensur: «Ich ärgere mich über alle Arten von Zensur, genauso wie ich die Sicherheitskontrollen vor Botschaften oder vor dem Besteigen eines Flugzeuges nicht mag. Aber ich denke, Zensur – genau wie Sicherheitskontrollen – ist notwendig. Ich denke, Zensur von Nachrichten gibt es praktisch in jedem Land, auch wenn die Kriterien und das Ausmass variieren können.»

«Seine Äusserungen waren eine mit den chinesischen Behörden abgestimmte Erklärung», sagte dazu der Künstler Ai Weiwei. «Er ist ein Wächter des diktatorischen Systems und zugleich sein Nutzniesser.» (lmm/sda)

(Erstellt: 07.12.2012, 10:22 Uhr)

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