Kultur

Von glamourösen Bällen und traurigen Gigolos

Von Ulrike Hark. Aktualisiert am 13.01.2010 2 Kommentare

Ein neues, überraschend frisches Buch erzählt die Geschichte des Tanzens – und fördert spannende Aspekte zu Tage.

Tanzfieber: Die Frauen aus den 1920er-Jahren tanzten um die Wette, als ob es um olympisches Edelmetall ginge.

PD

Claudia Teibler

«Darf ich bitten – Von rauschenden Bällen, heissen Rhythmen und nimmermüden Füssen.» Elisabeth Sandmann Verlag, München 2009. 152 S., ca. 46 Fr.

Die Führungskrise der Männer im Tanzen ist unübersehbar, auch wenn Optimisten immer mal wieder vermelden, der Gesellschaftstanz sei ungemein gesellschaftsfähig. Interessanterweise richtet sich dabei jeweils ein Teil der neuen Begeisterung auf jenen bürgerlichen Code, von dem der Tanz in den Sechzigern und Siebzigern noch befreit werden sollte. Leider wurde damals mit dem Muff auch das Schöne beseitigt – die Nähe, die Spannung zwischen Konvention und Entgleisung. Der Flirt mit den Fingerspitzen, die Hoffnung, dass da einer kommt und uns bis zum Schwindel herumwirbelt, den Swing mit uns auskostet. Sollte das alles vorbei sein?

Wo bleibt Mister Darcy?

Den Männern ist diese spezielle Form körperlichen Gleichklangs ziemlich egal, sie stehen noch immer grossmehrheitlich neben und nicht auf der Tanzfläche und denken sich: Soll sich doch ein anderer blamieren! Swingen müsste das Schweizer Tanzbein, doch es humpelt nur. Szenen, wo Blicke sich treffen, ein Mister Darcy wie in «Pride and Prejudice» auftaucht – die gibt es eigentlich nur bei Jane Austen.

Oder im reich illustrierten Buch von Claudia Teibler. Die Kunsthistorikerin führt uns in «Darf ich bitten – Tanzen aus Leidenschaft» gleitend übers historische Parkett und ist bei allen Träumereien auch immer wieder überraschend und frisch. Wenn sie zum Beispiel beschreibt, wie um 1910 die ersten Ragtime-Tänze nach Europa kamen und dermassen auf Tuchfühlung getanzt wurden, dass sie vielerorts verboten wurden. Doch auch ein in Grossbritannien entwickelter «Abstandshalter», den sich die Damen vor dem «Bunny Hug» um die Hüfte schnallten, konnte wenig ausrichten – er senkte weder das Tanzfieber noch beruhigte er die erhitzten Moralisten.

Von der Dorflinde zur Disco

Für die Autorin ist die Geschichte des Tanzes auch eine Geschichte der Sehnsucht nach Glück. Und so erzählt sie, wie sich der Tanz von der Dorflinde zur Disco, von der Lustbarkeit bis zum sportlichen Wettbewerb entwickelte. Im 20. Jahrhundert änderten sich Schritte und Figuren so rasch, dass eine exakte Bewegungsabfolge zweitrangig wurde.

Die Sechziger und Siebziger waren im Grunde ein Jammertal des körperlichen Gleichklangs. Man tanzte grundsätzlich einzeln und und musste froh sein, wenn man bei einem langsamen Stück stehen bleiben – und schmusen – konnte. Ein launiges Paradox zur allgemein liberalen Sexualmoral. Claudia Teiblers Spaziergang durch die Geschichte des Tanzes macht auch deshalb viel Spass, weil das Bildmaterial in ihrem Buch so abwechslungsreich ist. Zudem streut sie Tanzszenen aus der Literatur ein. Madame Bovary walzert vorbei und von hinten nähert sich auf leisen Sohlen der schöne Mister Darcy. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2010, 07:51 Uhr

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2 Kommentare

Bettina Gebhard

13.01.2010, 12:29 Uhr
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Da ich Tanzkurse gebe, aber auch als Betriebsorganisatorin und Führungscoach arbeite, stelle ich immer wieder fest, wie ähnlich bei beidem die Voraussetzungen für effizientes Führen sind. Kniffe die ich meinen Führenden (es sind auch Frauen darunter) im Tanzen beibringe, gelten meistens auch für Managementkurse. Vor allem wenn es darum geht ein für alle befriedigendes Egebnis zu erzielen. Antworten


susanne beerli

13.01.2010, 09:20 Uhr
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Die "Führungskrise" hat nichts mit den Männern zu tun, sondern mit dem grossen Ungleichgewicht in der Erlernung der Führung und des geführt werden im Tanz. Da die Männer meist führen und die Damen geführt werden entwickeln sich Frustrationen, die oft zur Kapitulation des Mannes führen. Hut ab vor jedem Mann, der einen Tanzkurs gesucht. Antworten




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