Vergnüglich düster, diese Zukunft

Die Autorin Emma Braslavsky amüsiert sich in ihrem Roman «Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen» mit Witz und Sarkasmus über Weltverbesserer.

Weltbürgerin und Multitalent: Emma Braslavsky. Foto: Stefan Klüter, Suhrkamp-Verlag

Weltbürgerin und Multitalent: Emma Braslavsky. Foto: Stefan Klüter, Suhrkamp-Verlag

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Wir schreiben – ja, welches Jahr eigentlich? Eben ist der zehnmilliardste Mensch geboren worden, der amtierende Papst heisst Innozenz XV.; um die Banken nach einem weiteren Börsencrash wieder einmal zu retten, wird die Bevölkerung um eine Vermögensabgabe erleichtert. Die «Sécurité Suisse», ehemals Credit Suisse, hat erfolgreich ein neues Geschäftsmodell mit unterirdischen Safes entwickelt.

Die Welt ist noch nicht untergegangen, aber dem Untergang ein gutes Stück näher gerückt. Und sie geht in sich, die Welt, denkt ganz heftig über den Grund des Übels nach. Ist es der Kapitalismus? Sind es «die verdammten Hormone»? Das falsche Bewusstsein? Oder ist der Mensch schlicht und einfach das «böse Tier»? Welterneuerungsideen spriessen, grosse Goodwill-Unternehmen konkurrieren um Geld, Einfluss und Follower.

Die beiden grössten heissen «Better Planet» und «Life from Zero». Daneben gibt es auch die Anhänger von «Animal Rights», die sich für so wichtige Ziele wie die sexuelle Selbstbestimmung von ­Giraffen einsetzen, und eine unübersehbare Zahl von kleineren Graswurzel­initiativen. Die einen pflanzen guerillamässig Bäume, die anderen wollen «deprimierende» Grundtexte der Weltliteratur und -geschichte umschreiben. Dann taucht, nach dem vernichtenden Orkan Tony, eine Insel aus dem Ozean auf, gross wie Bali, ein unberührtes Paradies, in der die Hoffnungen der Menschheit ein neues Objekt finden – ein Objekt aber auch der Begehrlichkeiten.

Subkultur und Esoterik

Zukunftsszenarien sind düster. Das von Emma Braslavsky ist geradezu vergnüglich. Mit Witz und Sarkasmus zerpflückt sie all die gut gemeinten Versuche, die Welt zu verbessern, indem sie sie an dem alten Adam, der alten Eva durch­dekliniert – denn andere Subjekte für die Weltverbesserung gibt es ja nicht.

Im Mittelpunkt des sehr personenreichen Romans mit dem merkwürdigen Titel «Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen» (er ist von Kurt Vonnegut entlehnt) stehen Jivan und Jo. Er ist Architekt, spezialisiert auf Bunker, spielsüchtig, pleite, egoman und immer scharf auf seine Frau. Jo plant gerade den nächsten Karriereschritt – PR-Chefin von «Animal Rights» – und, weil ihr Guru ihr geraten hat, zu «fokussieren», verweigert sie den ehelichen Sex.

Dritte Hauptfigur ist die junge Roana, die ihr Vater, ein Bauunternehmer, am «einsamsten Vulkan der Welt» ausgesetzt hat, damit sie zur Vernunft kommt (und in seine Firma einsteigt). Roana kommt nicht zur Vernunft, sondern schlägt sich mit der Unbekümmertheit einer 19-Jährigen in der Subkultur von Buenos Aires durch, gerät dabei in allerlei Esoterik-Szenen, bis sie bei einem ­Genetiker-Paar landet, das die Menschheit auf seine Weise retten will: durch Optimierung des Genmaterials.

Ein Mann und eine Frau im Paradies, das geht, wie wir wissen, nicht gut. Nicht in der Bibel und nicht in diesem Roman.

Emma Braslavskys Roman entwirft ein ungemein skurriles Panorama mit ernstem Hintergrund und Unterton, von Berlin über Buenos Aires bis zu einer ­namenlosen Bucht, in der ein junges Paar, Jule und No, sein Paradies gefunden hat. Aber ein Mann und eine Frau (und sonst nichts) im Paradies, das geht, wie wir wissen, nicht gut. Nicht in der Bibel und nicht in diesem Roman.

Triebgesteuert, karrieregeil, profitorientiert, dabei beseelt von Idealismus und ausgestattet mit der unausrottbaren Neigung, sich selbst etwas vorzumachen: So zeichnet die Autorin die Menschheit, ohne dabei ihre gute Laune zu verlieren.

Und ihren Spieltrieb. Der Roman arbeitet nicht nur mit einem Figuren­tableau, das ein eigenes Personenverzeichnis benötigt, mit zahlreichen Haupt- und Nebenlinien (auf der Internetsite sind sie in einer komplexen Infografik dargestellt), mit vielfältigen Textsorten wie Blogeinträgen oder den Nachrichten des Dienstes N-Global, sondern auch mit Schriften und Zeichnungen. Das Eingangsmotto bildet typografisch ein Segelschiff ab, und der ­Roman hat sogar einen eigenen Song.

Satter Lebenslauf

Emma Braslavsky ist 1971 im ostdeutschen Erfurt geboren, kurz vor der Wende in den Westen geflüchtet und hat auf der ganzen Welt herumstudiert – zum Beispiel in Moskau, Tel Aviv und Saigon. Sie hat Kunstausstellungen kuratiert, eine Galerie geleitet und neben ­Essays zwei Romane veröffentlicht. An diesem, dem dritten, hat sie acht Jahre gearbeitet, und dafür bei Wissenschaftlern etlicher Disziplinen recherchiert, bei Genetikern, Klimaforschern, Psychologen, sogar einem Bunker-Spezialisten und einem Kabbalisten. All das angesammelte Wissen beschwert das Buch nicht, sondern löst es, wie in einem bunten Kaleidoskop, in lebhafte Szenen und Dialoge auf.

Und sie kann schreiben! Die Kostüme diverser Jargons stehen ihr passgenau, ob das die sich abschleifende Jugendsprache Roanas ist, ein schwäbelnder Spinner oder eine radebrechende «Ex-Ghanaerin» mit klaren Vorstellungen von der Weltrettung: «Äs gibt nur swei Auswege: ein Weltrevoluzione oder ein andere Planet.» Trocken, salopp, schräg, grantig oder grandios (etwa, wenn sie das Wüten des Wirbelsturms als gigantische Lustorgie einer Natur ausser Rand und Band gestaltet): So vielfältig wie das Personal, die Visionen, die Schauplätze sind auch die Tonlagen des Buches. Wer es liest, sollte ein bisschen anarchisch veranlagt sein und für die Lektüre keine Leitplanken brauchen. Dann wartet ein herrlich verwirrendes Leseerlebnis. Die Website zum Buch mit Song und Überlebenstipps.

Emma Braslavsky: Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen. Roman. Suhrkamp, Berlin 2016. 460 S., ca. 36 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.12.2016, 19:23 Uhr

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