Kultur

Suters Formel

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 30.03.2010 5 Kommentare

Mit Martin Suter hat die Schweiz einen Bestsellerautor internationalen Kalibers – heuer hat er Platz eins der deutschen Top Ten gestürmt. Neun Gründe für das Belletristikwunder.

Alle mögen den internationalen Bestsellerautor: Martin Suter, aufgenommen 2008 im Zürcher Schiffbau.

Alle mögen den internationalen Bestsellerautor: Martin Suter, aufgenommen 2008 im Zürcher Schiffbau.
Bild: Keystone

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Sieben Romane in dreizehn Jahren

Für Martin Suters vielen Stoffe gilt gleichermassen: Krimispannung wird mitgeliefert

1997: «Small World»
Das Faktotum einer Fabrikantenfamilie erkrankt an Alzheimer. Die Gegenwart wird dunkel, dafür klart die Vergangenheit auf: Die reiche Familie hütet ein übles Geheimnis.

2000: «Die dunkle Seite des Mondes»
Wirtschaftsanwalt trifft auf Freakgirl, Drogenpilze werfen ihn ganz aus der Bahn. Einem verbrecherischen Klienten macht das Sorgen.

2002: «Ein perfekter Freund»
Ein Journalist rekonstruiert, was ihn vor dem Schlag auf den Kopf umtrieb: Da war doch diese Story um . . . prionenverseuchte Schoggi.

2004: «Lila, Lila»
Literaturszene-Albtraum: Ein Barkellner wird mit einem fremden Text zum Starautor. Und dann kreuzt eines Tages in der Autogrammstunde der wahre Verfasser auf.

2006: «Der Teufel von Mailand»
Eine Physiotherapeutin nimmt nach der Scheidung einen Job in einem abgelegenen Engadiner Wellnesshotel an. Dort spukt es, Teufel und Tod gehen um, eine alte Sage scheint nach wie vor zu wirken.

2008: «Der letzte Weynfeldt»
Ein Junggeselle ist von Beruf Erbe. Sein Hobby ist die Kunst. Dann trifft er eine Frau, die ihn an eine Jugendliebe erinnert, und die Leidenschaft kehrt zurück in sein Leben. Doch die Femme fatale bringt Gefahr.

2010: «Der Koch»
Maravan, Tamile in Zürich, kocht aphrodisisch, seine Speisen erwecken Liebesdrang; auf dieses Talent lässt sich ein Business gründen. Bloss – mit dem Erfolg gerät er an dubiose Gestalten: Waffenhändler.

Martin Suter im Hoch. Mit «Der Koch», seinem siebten Roman in 13 Jahren, hat der vormalige Zürcher Werber einen Coup für den ganzen deutschsprachigen Raum gelandet. Ein Schweizer ganz vorn auf der «Spiegel»-Belletristik-Liste, zeitweise gar die Nummer eins: Wann gabs das zum letzten Mal? Keiner in der Branche erinnert sich.

In Windeseile waren die ersten 100 000 Exemplare des im Januar erschienenen Buches weg, in dem ein Tamile in Zürich Currygerichte bereitet, welche Mann und Frau unter einen Liebeszauber zwingen. Beim Zürcher Diogenes-Verlag, der bereits 200 000 weitere Exemplare hat drucken lassen, frohlockt man; bereits steht man bei der fünften Auflage.

Wie macht Suter (62) das? Hier die Zutaten, aus denen er Buchhits komponiert – sozusagen die Suter-Formel.

1. Suter zeigt Ehrgeiz

Dieser Autor tickt nach der Maxime «Think big». Er ist ein Amerikaner im Geist – im Unterschied zu anderen Schweizer Schreibern. Hiesige Literatur vollzieht sich meist, durch die Pro Helvetia und andere gefördert, im studentischen oder akademischen Biotop. Der Durchschnittsautor misst sich an anderen Literaturzeitschrift-Zulieferern. Zur grenzüberschreitenden Konkurrenzfähigkeit reift er so nicht. Schweizer Romane bestehen oft aus gerade mal einer Handvoll Figuren, sind tendenziell introvertiert, fixieren den Nahbereich; Ausnahmen wie «Hundert Tage» von Lukas Bärfuss über den Völkermord in Ruanda und einen Schweizer Entwicklungshelfer bestätigen die Regel. Vielleicht sind es seine Bereistheit und seine Berufserfahrung, die bewirken, dass Suter, der in Zürich, Ibiza, Guatemala lebt, mehr will. Sein Anspruch ist international skaliert. Suter-Romane haben zwei, drei, vier Handlungsstränge und etliche Handlungsträger. Die Spannung ergibt sich aus der Konfrontation nicht in einem Milieu, sondern zwischen den Milieus. «Die dunkle Seite des Mondes» zum Beispiel, der Zweitling: Ein Wirtschaftsanwalt schluckt halluzinogene Pilze und landet bei einem Hippiemädchen. Das ist Clash of Civilizations, aber auch die Fortführung des Volksschwanks im Spätkapitalismus.

2. Suter bolzt Tempo

Nicht ein Verweiler im Beschaulichen und ein Langsamkeitsprediger ist hier am Werk, sondern ein wacher UrbanSchweizer. Seine Plots ziehen vorwärts. Da erwacht etwa, in «Ein perfekter Freund», ein Journalist aus dem Koma, weiss gar nichts mehr, rekonstruiert seine letzten Wochen und gerät in eine Affäre um prionenverseuchte Schokoriegel. In hoher Geschwindigkeit wird geliebt, gelogen, gehasst, delinquiert. Man vergleicht eine solche Geschichte beim Lesen nicht mit der ziellosen Prosa eines, sagen wir: Peter Weber. Sondern beispielsweise mit dem Engländer Martin Amis, der auch («Die Anderen») einen Gedächtnisverlust samt Comeback-Versuch geschildert hat.

3. Suter bringt gute Klischees

Die Sprache des Martin Suter ist schnörkellos, klar, handlungsorientiert. Sie ist die Überbringerin der Botschaft und nicht die Botschaft, sie dient der Kunst und will nicht selber Kunst sein. In der Schweiz war seit den Neunzigerjahren die Autorenvereinigung «Netz» prägend, sie ist es bis heute. Es handelt sich um eine Schule der selbstverliebten Experimentalisten, die den Stil über den Inhalt setzt. Unvergessen die Endlossätze des Glarners Perikles Monioudis. Symbolträchtig öde ein Titel wie «Das Loch in der Decke der Stube» (Urs Richle). Suter ist das Gegenteil der Verschrobenheit und Geschraubtheit. Er bringt Helden, die nicht nur die Philologen helvetischer Befindlichkeit interessieren. Seine Figuren sind Klischees im guten, ambitionierten Sinn: Universalgestalten, keine alpinen Sonderfälle. Suter schreibt in der und für die Globalisierung, dies ist ein Diskurs der Weite.

4. Suter macht Kino

Suters Romane sind nah am Drehbuch. Kein Wunder, ist beziehungsweise wird so einiges von ihm verfilmt; in «Small World» etwa wird Gérard Depardieu die Hauptrolle verkörpern. Suters Schreibart greift beim grossen Publikum, das zwischen Kino und TV einerseits, geschriebener Story anderseits, zwischen «Sex and the City» und Milena Moser pendelt. «Wenn Martin Suter schreibt, dann läuft in den Köpfen seiner Leserinnen und Leser von der ersten bis zur letzten Seite des Buchs ein Film ab, der keinesfalls längere Unterbrechungen der Lektüre duldet», schrieb ein deutscher Kritiker treffend. Einen «Suter» machen insbesondere die nach Film-Art herangezoomten, präzisen Details aus. «Mariniertes Makrelenfilet auf seinem Fenchelherzbett mit Bärlauchsabayon»: Exakt so klingt es, wenn man in Zürich teuer essen geht.

5. Suter recherchiert

Akribie prägte seine legendäre Zeitungskolumne «Business Class», die praktizierte Wirtschaftsethnografie war. Mit derselben Verve stürzt sich der Schriftsteller auf jede Welt, jede Szene, jede soziale Klasse. Der Leser geht in allen Suter-Geschichten auf eine spannende Reise. Zum Beispiel schaut er in das Gemüt eines Mannes, den eine beginnende Alzheimererkrankung verwirrt. Oder in ein abgelegenes Engadiner Wellness-Spukhotel. Oder in die Molekularküche, wo ein «Rotationsverdampfer» ebenso zum Einsatz kommt wie die Substanzen Alginat und Xanthan. Suter: Das ist der Reiz der Realität.

6. Suter spricht Leserinnen an

Das Gros der Leserschaft ist weiblich. Suters Helden wiederum sind in der Regel Männer: Anwalt Urs Blank, Schriftsteller David Kern, Journalist Fabio Rossi. Es sind aber keine Allmachtsfiguren. Sondern solche mit Schwächen, Ticks, Krisen, Krankheiten und grosser Liebesbedürftigkeit. Die «NZZ am Sonntag» bemerkte über Suters Romane: «Die Frauen hingegen sind stark. Durchschauen die Dinge, sind den Männern einen Schritt voraus.» Leserinnen erkennen sich in Suters Frauen wieder, sie finden Gefallen am Bild ihrer selbst.

7. Suter denkt positiv

Dieser Erzähler hat keinen extremen Weltentwurf. Suter ist kein Ideologe und kein Programmatiker wie etwa der berühmte Franzose Michel Houellebecq, der rabenschwarze Gegenwartsbeschreibungen mit Männerelend zu literarischen Selbstmordcocktails mischt. Suter will wirklich nur unterhalten. Er ist dabei ein Optimist, der die Balance hält zwischen lustig und traurig. Suter lesen, schrieb eine Rezensentin, «heisst nichts riskieren – keine Langeweile, keine Verstörung – und trotzdem oft Spass haben». Suter-Romane enden gern im gemässigten Happy End. Auch «Der Koch»: Am Schluss trägt Tamile Maravan ein Tablett mit südindischen Pfannkuchen, Kokos-Chutney, Tee und Früchten ins Schlafzimmer. Dort räkelt sich im Bett . . . – man lese selber. Suter: ein Meister der mittleren Gefühlslagen.

8. Suter hat Diogenes

Theoretisch könnte Suter auch beim kleinen Lenos-Verlag, dem ebenso kleinen Salis-Verlag, bei Bilger, Rotpunkt, Limmat gestartet sein. Aber dann hätte er wohl längst gewechselt in die Marktpotenz. Zu Diogenes eben. Dies ist der einzige Schweizer Verlag, dessen Umsatz (2008: 56 Millionen Franken) gross genug ist, um deutschen Konkurrenten wie S. Fischer oder Hanser Paroli zu bieten. Viele andere Schweizer Verlage haben in Deutschland nicht einmal Vertreter oder Vertrieb. Diogenes ist bei den Buchhändlern, ohne deren Zutun nichts geht, gar besonders beliebt, weil er konzernunabhängig, insbesondere Bertelsmann-unabhängig ist. Und Diogenes hat ein publikumsnahes Profil als Haus der schnellen, coolen Angelsachsen à la Ian McEwan, Donna Leon, John Irving, denen ebenso schnelle und coole Nichtangelsachsen wie Jakob Arjouni, Philippe Djian oder Leon de Winter zur Seite stehen. Diogenes ist der deutschsprachige Erzählverlag, der sich um die teutonische Trennung von Hochkultur und Entertainment ebenso foutiert wie um Genregrenzen. Exakt das gilt auch für den neusten, dank seinem Verlag hervorragend eingeführten Diogenes-Bestseller-Schreiber Suter. Jedes Buch von ihm ist auch ein Krimi.

9. Suter ist lieb

Das ist nicht so banal, wie es aufs Erste klingen mag. Der Autor aus Zürich ist anerkanntermassen ein Naturtalent des Socializing und Networking. Er ist, schilderte eben ein Zeitungsbericht, sogar mit Grippe und nach 50 Interviews in drei Wochen bester Laune. Ebenso wie seine Romane gibt er selber allen Leuten von der Ladenkassierin, die in seine Lesung kommt, bis zum Redaktor der deutschen Hochglanz-Zeitschrift ein gutes Gefühl. Die Folge dieser gänzlich unpolarisierenden, distinguierten, höflich lächelnden Erscheinung ist Goodwill bei Lesern und Journalisten. Der auf den ultimativen Verriss sinnende Elite-Rezensent wird nach dem Treffen die Kritik aufs Pflegliche abschwächen. Alle mögen Martin Suter. Auch darum ist er ein Bestsellerautor. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2010, 11:30 Uhr

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5 Kommentare

Michael Kummer

30.03.2010, 11:58 Uhr
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Entscheidend ist Punkt 6! Deutsche Autoren bitte hinter die Ohren schreiben! Eure angelsächsischen KollegInnen haben's seit Shakespeare begriffen. In deutschen Feuilleton liest man dagegen noch oft den Satz: der Autor schielt nach dem Leser! Ja, was bitte schön sollte er denn sonst tun. Suter war im früheren Leben Werber. Auch davon versteht er was! Antworten


Robert Marek

30.03.2010, 13:34 Uhr
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Die Nr. 1 auf der Bestsellerliste zu sein, war noch nie ein Qualitätsmerkmal. Das hat auch schon Konsalik geschafft.... Suter ist der meist überschätzte Schweizer Autor der Gegenwart. Diogenes macht's möglich! Antworten




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