Selbstmordschiffe und Gespensternonnen
Von Martin Halter. Aktualisiert am 22.12.2010 1 Kommentar
Ende August ist er, erst 69 Jahre alt, an Lungenversagen (wohl eine Spätfolge seines exzessiven Zigarrenkonsums) gestorben: Rodolfo Enrique Fogwil, ein Klassiker und Enfant terrible der argentinischen Literatur. «Fogwill», wie sich der Nachfahre englischer Immigranten gern nannte (auch Platon oder Sokrates hatten keine Vornamen), war Werbestratege, Soziologieprofessor, Geschäftsmann und Journalist, vor allem aber ein streitbarer Schriftsteller. Unter der Militärdiktatur sass er als Kommunist im Gefängnis; mit seinem jetzt – leider nicht allzu flüssig – übersetzten frühen Meisterwerk «Die unterirdische Schlacht» trug er etwas zu ihrem Ende bei.
«Los pichiciegos», 1982 angeblich innerhalb von sechs Tagen mithilfe grosser Whiskeymengen und zwölf Gramm Kokain entstanden, war der erste argentinische Roman, der sich offen mit dem Trauma des verlorenen Falklandkriegs auseinandersetzte: nicht aus argentinischer oder britischer Sicht, von aussen oder oben, sondern buchstäblich von unten.
Vegetieren in der Dunkelheit
Während die Radiosender im fernen Buenos Aires noch ihre Sieges- und Durchhalteparolen verkünden, hat sich ein Häuflein von halb erfrorenen Deserteuren längst unter der Erde verkrochen. Die Pichis (Gürteltiere) haben sich in ihrer Höhle leidlich eingerichtet. Das Plündern und Fleddern gefallener Offiziere, angeschwemmtes Strandgut und ein schwunghafter Tauschhandel mit den Engländern versorgen sie mit Kerosin, Cognac und Zigaretten; strenge Rationierung, eine straffe Hierarchie mit «Heiligen Vier Königen» an der Spitze und strikte Regeln (Verwundete müssen draussen bleiben, Kameradenschweine werden erschossen) helfen beim Überleben. Aber ein Leben ist das Vegetieren in eisiger Kälte und Dunkelheit nicht.
Die Pichis sind unterirdische Mischwesen, wie die Morlocks aus H. G. Wells «Zeitmaschine», halb Mensch, halb Tier, und so werden sie auch behandelt. Für ihre argentinischen Vorgesetzten sind sie Verräter und Deserteure, die vors Kriegsgericht gehören. Für die militärisch haushoch überlegenen Briten sind sie Untermenschen, die man herab bemitleidet oder wie Ratten abknallt.
Intensiv nachempfunden
Fogwil findet immer wieder bizarre, eindrucksvolle Bilder für die Schrecken des Falklandkriegs: Schafe, die von Landminen in der Luft zerrissen werden, intelligente Raketen, die auf der Suche nach ihrem Ziel elegante Pirouetten tanzen, die strahlend blauen «elektrischen Augen» des Feindes, und immer wieder klaustrophische Enge und Kälte, ohnmächtige Wut und feuchte Träume vom «Vögeln und Brasilianer sein». Fogwil war weder auf den Islas Malvinas noch im Krieg – aber er hat beides mit beklemmender physischer Intensität nachempfunden.
Dabei war ihm, dem literarischen Avantgardisten, das Wie des Erzählens immer wichtiger als das Was. Erzähler der «Unterirdischen Schlacht» ist ein gewisser Quiquito, einer der Vier Könige, der die Berichte seiner Gefährten angeblich auf Band aufnahm und unter ihren misstrauischen Augen abschrieb.
Unheimliche Geschichten
Fogwil behauptete einmal mit einigem Recht, er habe den Falklandkrieg realistischer beschrieben als jedes Ton- oder Filmdokument. Aber sein dokumentarischer Gestus ist natürlich pure Fiktion. Der Roman verzichtet nicht nur auf Nullachtfünfzehn-Kriegsrealismus, sondern auch auf Wertungen und politische Reflexionen. Das groteske System ist so undurchsichtig wie Kafkas Angestelltenhöllen und eine Parabel für die argentinische Gesellschaft.
Mal legt der Erzähler einen grimmigen schweijkschen Humor an den Tag, mal besingt er die Schönheit der Stahlgewitter, und manchmal geht es zu wie im Landser-«Decamerone»: Reihum erzählen sich die Pichis Filme und unheimliche Geschichten von Selbstmordschiffen und Gespensternonnen. Im Gegensatz zu den Gerüchten über russische Flugzeugträger oder schwule schwarze Gurkhas, die argentinische Kriegsgefangene vergewaltigen, sind die Gräuelgeschichten über die «Verschwundenen», die aus Flugzeugen ins Meer geworfen wurden, nicht erfunden.
Demontage der Militärjunta
Am Ende des Kriegs, als der Winterhimmel aufreisst, kriechen die Pichis aus ihren Löchern. Dass sie bald darauf tot sind, interessiert eigentlich niemanden mehr, am allerwenigsten den Autor, der sich in Zigarettenrauch auflöst. «Die unterirdische Schlacht» war für Fogwil ein literarisches und «mentales Experiment». Dass sein Roman 1983 in Argentinien vor allem als schonungslose Abrechnung mit den Generälen und ihrem Fiasko auf den Falklandinseln gedeutet wurde, mag ein Missverständnis sein; immerhin trägt ja auch die unterirdische Parallelwelt der Deserteure unmenschliche Züge. Aber die leidenschaftliche Verve, mit der hier die Kriegslügen der Militärjunta zerlegt wurden, machte Fogwil jedenfalls über Nacht berühmt und berüchtigt – und seinen Roman zu einem Meilenstein der argentinischen Literatur.
Rodolfo Enrique Fogwil: Die unterirdische Schlacht. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Rowohlt, Hamburg 2010. 192 S., ca. 26 Fr. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.12.2010, 08:01 Uhr








