Roman Polanski trifft Charles Manson
Von Martin Halter. Aktualisiert am 28.12.2010 1 Kommentar
Das Buch
A. F. Th. van der Heijden: Das Scherbengericht. Eine transatlantische Tragödie. Suhrkamp, Berlin 2010. 1168 S., ca. 65 Fr.
Angenommen, Roman Polanski wäre im Winter 1977, als er wegen Verführung einer Minderjährigen in Untersuchungshaft sass, Charles Manson, dem Mörder seiner Frau Sharon Tate, begegnet: Was hätten sich beide zu sagen gehabt? Wären sich das «Monster» und der «staatsgefährdende Pädophile» womöglich gar nähergekommen? A. F. Th. van der Heijden, der grosse Aussenseiter der niederländischen Literatur, lässt die beiden gemeinsam die Gefängnisflure putzen und eine «Doppelbeichte im Tauschhandel» ablegen.
Aber sein monumentaler, Fakten und Fiktion kühn vermischender Roman «Das Scherbengericht» will noch mehr: antike Mythen und Tragödien in die Gegenwart holen und damit aus dem Gefängnis der Zeit ausbrechen. «Die historischen Ereignisse, auf denen‹Das Scherbengericht› basiert», schreibt der Autor lakonisch in einer Nachbemerkung, «betrachte ich als Teil der Mythologie unserer Zeit, und als solche habe ich sie behandelt.»
Zwei Spottgeburten
Polanski heisst im Roman Remo Woodhouse, aber an seiner Identität besteht kein Zweifel. Wohl aber an seiner Schuld. Der Starregisseur fühlt sich jedenfalls abwechselnd als leidgeprüfter Hiob und Oscar Wilde in Reading: verfolgt von bigotten Spiessern, Neidern und Heuchlern, «hereingelegt» von korrupten Staatsanwälten und fanatischen Richtern. Die Dreizehnjährige, die er unter Drogen gesetzt und sexuell missbraucht haben soll, war ein Flittchen, das ihm von der ehrgeizigen Mutter geradezu aufgedrängt wurde. Wie beim Scherbengericht im alten Athen soll ein in Ungnade gefallener Bürger, ein polnischer Jude mit verdächtigem Lebenswandel, vom Volk verbannt werden.
Auch der Mann, der mit seinem Knastbruder «Little Remo» im Gefängnisklo Kot- und Blutreste wegkratzt, fühlt sich als politischer Gefangener. Er heisst offiziell Scott Maddox und verbirgt sein durch einen Brandanschlag der Arischen Bruderschaft entstelltes Gesicht unter Mullbinden, aber auch seine Maske lässt sich leicht lüften: «Charlie» ist kein anderer als Charles Manson, der mit dem Massaker im Cielo Drive das apokalyptische «Hurly Gurly» (das Wort aus Macbeth’ Hexeneinmaleins spielt auf den von Manson als apokryphe Botschaft gedeuteten Beatles-Song «Helter Skelter» an) vom Zaun brechen wollte, den Heiligen Krieg der Schwarzen gegen die weissen Pigs.
Wahnsinnige Ideen
«Das Scherbengericht» entstand noch unter dem Schock der Ermordung Theo van Goghs durch einen islamistischen Fundamentalisten. Nur Wahnsinnige brüten solche Ideen aus, und nur ein monomaner Autor wie Van der Heijden kann sie literarisch bewältigen. In seinem siebenbändigen Romanzyklus «Die zahnlose Zeit» hatte er davon erzählt, wie sich seine Generation im Kampf gegen «Fallende Eltern», Bullenstaat und eine stagnierende, verfaulende Zeit aufrieb. Der neue Roman ist Teil des noch grösser angelegten Zyklus «Homo Duplex», dessen wuchernde Geschichten vollends jeder Chronologie, Systemlogik und Erzählökonomie spotten.
Remo und Charlie sind die beiden Seiten einer Medaille: Spottgeburten amerikanischer Träume und Albträume. Beide sind kleinwüchsig und grössenwahnsinnig, hochmütige Menschen- und Mädchenverführer, beide fühlen sich als Märtyrer ihrer Regiekunst. Der eine, von Kindesbeinen an herumgeschubst, machte als satanischer Rattenfänger argloser Blumenkinder Karriere; der andere glaubt, als Überlebender des Warschauer Ghettos und gefeierter Filmemacher über dem Gesetz zu stehen.
Sharon Tate, bei Van der Heijden ein Engel der Sanftheit, wurde ja nur zufällig Mansons Opfer; eigentlich wollte er sich am Vormieter der Polanski-Villa rächen, einem Musikproduzenten, der seine Platte abgelehnt hatte. In Wahrheit war ihre Begegnung so schicksalhaft unausweichlich wie in der griechischen Tragödie die Kollision von Göttern und Menschen.
Scham- und schonungslos
In Van der Heijdens «transatlantischer Tragödie» spricht das Orakel durch Tattoos, Zeitschriftenhoroskope und Lennon-Texte. Der Erzähler, der griechische Teilzeit-Gefängniswärter Spiros Agraphiotis, ist kein Geringerer als Apollo, der seinen holländischen Ziehsohn Tibbo (alias Ödipus) an der langen Leine führt. Jetzt arrangiert er das Gipfeltreffen im Staatsgefängnis, verkündet das Scherbengericht und hilft Remo bei der Flucht nach Europa.
Er glaube an einen Leser, sagt der Amsterdamer Buchhändler Olle im Buch, «der bereit ist, dem Autor bis in alle Ecken und Winkel seiner Schöpfung zu folgen. Nicht als folgsamer Leser. Als Verbündeter. Als Führer notfalls, wo es für den Autor selbst zu dunkel wird.» Van der Heijdens Roman, von Helga von Beuningen gewohnt meisterlich übersetzt, fordert solche Renaissanceleser, die mit dem Autor durch alle Abgründe und Mystifikationen gehen.
Aus- und abschweifend, sprachgewaltig und radikal, scham- und schonungslos beschwört Van der Heijden die Zeit, als der Summer of Love 1969 mit den Morden von Mansons Family jäh zu Ende ging. Dass auch Polanski acht Jahre später seine Unschuld verlor, ist für ihn kein Zufall. In Charlies Leben jenseits von Moral und Konvention, in seinem Hass auf die Pigs und seiner Passionsgeschichte erkennt sich sein erfolgreicher Doppelgänger wieder.
Schmerzhaft sinnliche Schreibe
Auch Remo hat, wie Van der Heijden ihm bei allem Respekt vorwirft, Schuld auf sich geladen: Der Autorenfilmer aus Europa verriet sein Genie an die oberflächliche Illusionskunst Hollywoods, er liess seine Frau und sein ungeborenes Kind im Stich, um sich mit den Ludern des Betriebs herumzutreiben, und floh kampflos, als das Schicksal ihn einzuholen drohte.
Van der Heijden kennt die Dämonen, die den «Erzähler im Exil» in der Dunkelzelle von Choreo heimsuchen. Auf dem Höhepunkt seiner Erzählkunst versetzt er sich sogar in das ungeborene Kind, das im Bauch seiner toten Mutter die letzten zwanzig Minuten seines Lebens als Inferno bestialischer Gewalt, physischer und metaphysischer Atemlosigkeit erlebt.
Natürlich lässt sich diese Intensität nicht über 1200 Seiten halten. Van der Heijden schreibt schmerzhaft sinnlich, aber man kann schwerlich den Fall Polanski und die Manson-Morde in all ihren Aspekten verhandeln und im gleichen Aufwasch noch die Geschichte des 20. Jahrhunderts vom Holocaust bis zur Popkultur und zur RAF wegputzen. Es gibt einige Längen und überflüssiges mythologisches Brimborium, und nach Sharons Tod fällt die Spannungskurve merklich ab.
Beunruhigende Vergangenheit
Das «Leben in die Breite», das Van der Heijden in seiner «Zahnlosen Zeit» propagierte, war eine Flucht vor dem Tod, «eine Übung im Sterben». «Vergangenheit und Zukunft», höhnte eine Figur darin, «hör mir bloss auf damit. Nur die Gegenwart existiert, und damit hat sichs. Wenn du die Augen zumachst, kannst du sie klopfen und ballern spüren.» Charlie, der Mystiker, hat ein ähnlich feines Gespür für die Zeit: Warum, tröstet er den trauernden Remo einmal, haben wir Angst vor dem Tod, aber nicht vor unserer Geburt?
Nicht die Zukunft sollte uns beunruhigen, sondern das, was definitiv gewesen und unwiderruflich vergangen ist. Verglichen mit den Haftbedingungen im Gefängnis der Zeit, sind 42 Tage im kalifornischen Hochsicherheitstrakt oder ein Jahr Hausarrest in einem Schweizer Chalet leicht zu ertragen. So endet dieser grandiose, monströse Roman mit dem Satz, der am Anfang allen Erzählens steht: «Es war einmal.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.12.2010, 20:22 Uhr
Kommentar schreiben
1 Kommentar
Was mich beschäftigt: gibt es eine Studie die erhebt, ob männli. Schriftsteller mehr dazu neigen, Geschichten um möglichst "öffentlich schillernde", "geschichsträchtige", usw. Figuren zu schreiben als weibliche? Oder spiegelt diese subj. Wahrnehmung meine momentane Einstellung? Ich mag grad Geschichten, die von den stillen Dingen erzählen. Spannenderw. alles Bücher von Frauen. "Fakten" willkommen. Antworten








