Kultur

Linus Schöpfer
Redaktor Kultur


«Quälender Traum voll Sinnlosigkeit und Bosheit»

Aktualisiert am 27.04.2012

Im Diogenes-Verlag erscheint nächste Woche eine Neuausgabe der Kafka-Erzählung «Die Verwandlung». Ein Gespräch mit Professor Andreas Kilcher über einen der merkwürdigsten Autoren der Literaturgeschichte.

1/5 Der Schrecken steht ihnen ins Gesicht gezeichnet: Eine Illustration aus der Diogenes-Neuauflage von «Die Verwandlung».
Bild: Tatjana Hauptmann/Diogenes Verlag

   

Andreas Kilcher (*1963) ist Professor für Literatur- und Kulturwissenschaft an der ETH Zürich. 2008 erschien im Suhrkamp-Verlag seine Kafka-Biografie «Kafka. Leben, Werk, Wirkung». (Bild: ETH)

Franz Kafka, Die Verwandlung. Mit Zeichnungen von Tatjana Hauptmann, 978-3-257-02098-4, 38.90 CHF, Diogenes.

Die Verwandlung

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Es ist eines der grossen Rätsel der deutschsprachigen Literatur: Weshalb verwandelt sich Gregor Samsa in einen Käfer? Was ist Ihre Interpretation?
Die Verwandlungsgeschichte ist ja im Rahmen einer Familie, Vater-Mutter-Schwester, sowie einer Arbeitswelt mit Samsa als «Handelsreisendem» angesiedelt. Dabei wird Samsa als ein aufstrebender und pflichtbewusster Sohn vorgestellt, der diesen bürgerlichen Anforderungen entspricht und seine Familie ernährt, darin seinen Vater ablöst, der sich zurückgezogen hat. Sehr verkürzt gesagt, lese ich diese ödipale Geschichte als eine Rückverwandlung gegen die bürgerliche Integration: die Regression des Sohnes zurück in ein hilfloses Wesen, stärker noch: seine Degradierung zu einem unnützen, einem «ungeheuren Ungeziefer». Positiv umgedeutet, ist dies aber auch eine Verweigerung der Muster und Anforderungen der bürgerlichen Welt: Die Geschichte beginnt damit, dass dieser Sohn sich weigert, aus dem Bett aufzustehen und zur Arbeit zu gehen, sie endet aber mit seiner völligen Desintegration, ja Auflösung – eine Art negative Revolte.

«Die Verwandlung» – nächste Woche wird sie vom Diogenes-Verlag neu herausgegeben (siehe Box) – ist wohl Kafkas berühmteste Erzählung. Was macht ihre Faszination aus?
Kafkas Zeitgenossen haben den Text als «quälenden Traum» voll Sinnlosigkeit und Bosheit zurückgewiesen: die «Zumutung» sei zu gross. Der Aufstieg dieses Textes, der 1912 geschrieben und 1915 gedruckt wurde, erfolgte erst in den Vierzigerjahren, vor allem im Kontext des Existentialismus in Frankreich und den USA. Die bald sich einstellende Berühmtheit lässt sich wohl durch die eminent starke und aufstörende Symbolik sowie ihre Durchführung erklären: die Verwandlung eines jungen Geschäftsmannes in ein schädliches «Ungeziefer» wird bis in die letzten Konsequenzen durchgespielt. In dieser dichten Geschichte konnte sich die ganze Moderne mit ihren Brüchen und Krisen wiedererkennen.

In der neuen Diogenes-Ausgabe bleibt das Insekt unsichtbar, es ist auf keiner der Zeichnungen von Tatjana Hauptmann zu sehen. Wäre diese Aussparung im Sinne Kafkas?
Das ist tatsächlich ganz im Sinn von Kafka. Die Verwandlung wurde 1915 mit einem Umschlagbild von Ottomar Starke gedruckt. Als Kafka von diesem Plan seines Verlegers Kurt Wolff erfuhr, schrieb er sehr besorgt zurück: «Das Insekt selbst kann nicht gezeichnet werden. Es kann aber nicht einmal von der Ferne aus gezeigt werden.» Kafka, der selber sehr viel Verständnis für das Zeichnen und seine ästhetische und rhetorische Wirkung hatte, wollte jegliche vordergründige Illustration, aber auch jegliche suggestive und vereindeutigende Interpretation seiner Texte vermeiden. Insofern sind alle Versuche, Kafkas Texte zu illustrieren – und es gibt davon Legionen – von vorn herein problematisch. Dass in dem Fall das Insekt nicht gezeigt wird, ist also geradezu essentiell – wir haben im Übrigen auch schon viel zu viele Kafka-Käfer vorgezeigt bekommen.

Ein Autor wurde, wie er war, durch die sozialen und kulturellen Umstände, in denen er lebte. Wie kam der so eigenartige Autor Kafka zustande?
Sehr zu Recht sprechen Sie Kafkas Umfeld an. Das sind die grossen kulturellen, politischen und sozialen Umbrüche der Moderne vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg im plurikulturellen Böhmen. In diesem höchst vielschichtigen Umfeld schrieb Kafka jedoch keine sozial-politisch engagierte Literatur. Kafkas Texte zeigen vielmehr eine scheinbar unpolitische Ruhe, ja fast Gleichgültigkeit gegenüber diesen Umständen, während um ihn herum starke Theorien wie Marxismus und Zionismus polarisierten. Wenn man aber genauer leist, so kann man wohl erkennen, dass in Kafkas Texten die grossen Diskurse und Verschiebungen der Moderne verhandelt werden - nicht aber offensichtlich und plakativ, sondern vielmehr untergründig und gleichnishaft. Die komplexen Umstände der Moderne verdichtete und verschob er in aufstörenden und zugleich vieldeutigen Parabeln.

Kafka widerfuhr etwas sehr Seltenes: Sein Name wurde zum Adjektiv. Auf welche Erscheinungen unserer Zeit trifft die Bezeichnung «kafkaesk» Ihrer Meinung nach besonders zu?
Es liegt auf der Hand, dass der Ausdruck «kafkaesk» über Kafka selbst sehr wenig aussagt, viel aber über die Art und Weise, wie man ihn verstanden hat, mehr noch: was sich anhand von Kafka deuten liess. Der Ausdruck ist übrigens erstaunlich alt. Geschaffen wurde er um 1940, die Existentialisten haben die Formel geprägt, sie bedeutete ihnen etwa absurd, sinnlos, ortlos – das aber waren die Charakteristika des entfremdeten modernen Menschen. Dieser Entstehungszusammenhang ist heute so nicht mehr bewusst, im Duden heisst es heute viel allgemeiner: «auf unergründliche Weise bedrohlich.»

Kafkaesk könnte das Gerangel um den Nachlass des Dichters genannt werden. Immer wieder wird von komplizierten Prozessen berichtet, und dabei wird aufs Neue das Gerücht kolportiert, in Zürcher Banksafes lagerten noch unbekannte Kafka-Manuskripte. Was ist dran daran?
Als «kafkaesk» wurde der aktuell hängige Prozess am Familiengericht in Tel Aviv um den Nachlass Kafkas beziehungsweise seines Freundes Max Brod tatsächlich mehrfach bezeichnet, man sollte wohl besser sagen: grotesk. Ich meine damit, dass das Ganze zugleich tragisch und komisch ist – tragisch darin, dass das «Gerangel» mit gehässigen Tönen und nationalen Besitzansprüchen begleitet wird, komisch aber in den abenteuerlichen Spekulationen über angebliche unbekannte Kafka-Schätze in Safes an der Zürcher Bahnhofstrasse. Im übrigen sind diese Spekulationen durch Desinformation entstanden. Tatsächlich nämlich kennen wir den Inhalt jener Banksafes schon seit Jahren: Grosse Geheimnisse wie unbekannte Kafka-Texte gibt es hier nicht, das meiste ist veröffentlicht – im wesentlichen bis auf einige Zeichnungen Kafkas. Unbekanntes Material, teils auch mit Bezug auf Kafka, enthält aber der Nachlass von Brod, etwa Korrespondenz und Tagebücher.

Was sind die brennenden Fragen, mit denen sich die zeitgenössische Kafka-Forschung beschäftigt?
Kafka-Forschung findet weltweit statt – nicht nur im deutschsprachigen Europa, sondern auch von Amerika bis China. Entsprechend heterogen, längst nicht mehr überschaubar, ist sie. Ich kann nur für wenige Ansätze sprechen. Wichtig scheint mir etwa folgende Neuerung: Man hat Kafkas Texte lange entweder als in sich geschlossene, fast undeutbare Gebilde gelesen, oder aber mit abstrakten Mustern wie etwa Theologie, Existentialismus, Psychoanalyse et cetera entschlüsselt. Dagegen scheinen mir zwei neuere Fragen besonders viel versprechend: erstens die Frage nach den Medien bei Kafka zwischen Büro und Literatur, also Schrift, Stimme, Bild oder Film. Zweitens die Frage nach den kontextuellen Verflechtungen von Kafkas Texten in einem kulturell heterogenen Umfeld wie Böhmen und im höchst komplexen Gefüge seiner Moderne. Diese Fragen werfen auch ein neues Licht auf Kafkas Schreibweisen, auf seine Poetik. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.04.2012, 14:38 Uhr

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