Martin Walser ganz entspannt in seinem Jenseits
Von Martin Ebel. Aktualisiert am 15.02.2010
«Jetzt die Handlung», heisst es plötzlich auf Seite 97. Das ist ziemlich frech, denn da ist das schmale Buch schon fast zu Ende, und bisher hat sich nicht viel getan. Nun aber doch: Augustin Feinlein, Leiter der Psychiatrischen Anstalt in Scherblingen, stiehlt aus der Stiftskirche eine Reliquie, eine Monstranz, die einen Tropfen vom Blut Christi enthält. Oder enthalten soll. Der Unterschied ist so irrelevant wie die Handlung des Buches. Entscheidend ist, so Prof. Feinlein, nicht die Echtheit der Reliquie, sondern dass man an sie glaubt. Und entscheidend ist in Martin Walsers Novelle nicht, was der Ich-Erzähler tut, sondern was er denkt und sagt.
«Mein Jenseits» ist eine Suada, eine Plauderei über die ersten und die letzten Dinge. Über das Alter (Feinlein ist 63, schon seit Jahren) und die Liebe, den Lebenskampf und den Glauben. In früheren Büchern waren es Angestellte, die unter ihrem Chef litten. Hier ist es der Chef selbst, der seinen Nachfolger fürchten muss, den alerten Dr. Bruderhofer, der Eva Maria geheiratet hat, Feinleins grosse und einzige Liebe.
Er ist längst «jenseits»
Bruderhofer intrigiert gegen Feinlein, er will den «alten Knaben» weghaben (glaubt Feinlein). Weil Neuroleptika wirksamer sind als Johanniskraut. Weil Feinlein sich peinlicherweise mit dem Verfassen einer Schrift zur Verteidigung des Reliquienwesens beschäftigt. Das könnte ein seltsames Licht auf die Klinik werfen. Feinlein wehrt sich nicht gegen die vermuteten oder wirklichen Angriffe, er ist längst «jenseits». Jenseits des Ehrgeizes, des Rechthabenwollens. Jenseits auch der platten Realität. Daher die Leidenschaft für Reliquien: Die existieren nur in der Vorstellung des Gläubigen. «Glaubenskraft» ist es, was Feinlein fasziniert, seit er sie in einem Caravaggio-Gemälde in der Basilika San Agostino in Rom entdeckt hat. Die Energie, mit der sich die beiden dort dargestellten Pilger der Madonna zuwenden, macht sie ihr ebenbürtig.
So ist es mit dem Glauben überhaupt: Er «macht die Welt so schön, wie sie nicht ist». Er gibt dem, was nicht ist, Existenz. Nur an das, was nicht ist, kann man überhaupt glauben. Das Wort Gott gibt es nur, weil es ihn nicht gibt. Und so weiter in der Spirale der Spekulation: Feinlein und Walser reden und schreiben uns schwindelig.
Liebenswerter Charakter
Jetzt die Kritik: Damit variiert und steigert Walser eine klassische Denkfigur des intellektuellen Christen, der aus der Not des Nichtwissenkönnens, ob es Gott gibt, die Tugend macht, dass erst der Glaube ihn zur Existenz erweckt. Augustinus, Pascal, Kierkegaard sind die grossen Namen dieser Tradition. Walser lässt sie von einer skurrilen Figur artikulieren und erweitert sein einzigartiges Personenrepertoire um einen liebenswerten Charakter: den komischen Alten. Dass der Held sich darüber selber lustig macht (und Walser damit spielt, dass man von dem Helden auf den Autor schliesst), reisst die Novelle aus der Gefahrenzone der religiösen Verkrampftheit und verleiht ihr einen schönen, entspannten Ton. Selten wirkte der Autor so locker, so «jenseits» – aller Kämpfe, allen Überzeugenmüssens, allen Rechthabenwollens.
Dass das Bändchen nicht im Hausverlag Rowohlt erscheint, sondern in der Berlin University Press, hat ausschliesslich mit der alten Freundschaft des Autors mit Verleger Gottfried Honnefelder zu tun. Einer Freundschaft, die noch aus längst vergangenen Suhrkamp-Zeiten datiert.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.02.2010, 09:41 Uhr







