«Man will ja geliebt werden»

Sie verkörpert ganz locker Unvereinbares: Spoken-Word-Autorin Sandra Künzi ist Zürcherin und Bernerin. Endlich gibt es sie auch zwischen zwei Buchdeckeln. «Mikronowellen live» nennt sich die Textsammlung.

Bissige Verbalwölfin ganz zahm auf Schaffell sitzend: Sandra Künzi.

Bissige Verbalwölfin ganz zahm auf Schaffell sitzend: Sandra Künzi. Bild: Valérie Chételat

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Eine morgentaugliche Durchhörbarkeit: Diese Gabe scheint Sandra Künzi nicht gegeben zu sein. Einst gehörte sie auch zu den Autorinnen und Autoren der Morgengeschichten im Schweizer Radio. Aber bereits nach kurzer Zeit meldete sich jemand vom Radio und informierte sie, dass sich die Negativreaktionen auf ihre «lebendige» Stimme mit dem Zürcher Idiom markant gehäuft hätten. Leider müsse man deshalb aus Rücksicht auf die Hörerschaft die Zusammenarbeit beenden

Nun ja, eine Spoken-Word-Autorin, die mit Punkmusik sozialisiert worden ist und Heldinnen erfindet, die sich in Edelboutiquen voller Wonne am Boden wälzen, um teure Seidenkleider mit Spucke unverkäuflich zu machen, und dem herbeigerufenen Polizisten erklären, dies sei ein Anfall von «fötaler Rücktomie» – eine solche Autorin stellt natürlich ein gewisses Risiko dar für ein Sendegefäss, das die geneigte Hörerschaft in einem Zustand besinnlicher Beschwingtheit in den Tag entlassen möchte.

Sandra Künzi hätte es allerdings in der Hand, oder besser: im Mund gehabt, rechtzeitig Gegensteuer zu geben. Sie beherrscht nämlich auch die berndeutsche Mundart – ihr Vater ist Thuner, als Kind lebte sie kurz in der Region Bern –, mit der es sich zweifellos gemächlicher in den Tag starten lässt. «Aber das wollte ich eben gerade nicht», sagt die 44-Jährige. Manchmal frage sie sich schon, schiebt sie mit gespieltem Selbstmitleid nach, ob sie im falschen Land lebe. «Wo sind die Leute energievoller und weniger verhalten, Brasilien vielleicht?»

Das mit dem Berndeutschen sei schon eigenartig, findet Künzi, «irgendwie eignet sich der Dialekt sehr gut dafür, über Loser zu schreiben». Einen Text wie «Am Godi si change» über einen Weissen, der eines Tages seine Stammkneipe «casual as always» betritt, aber halt einfach mit einem «schwarze Gring» und der Aufforderung «Chaschmer Godibama säge» – so ein Text wäre für Künzi in Zürcher Mundart nicht möglich.

Burkas und böse Bücher

Niederlagen aber, wenn es denn überhaupt solche sind, machen auch stärker. So auch ein Auftritt in Hamburg an den deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften vor etlichen Jahren, wo es Sandra Künzi in das Finale schaffte, um dann von 500 Leuten gnadenlos ausgebuht zu werden. Das Publikum habe aber recht gehabt, sie sei schlicht schlecht vorbereitet gewesen. «Man will ja geliebt werden. Ich brauchte etwa drei Tage, um mich davon zu erholen», sagt die Mitbegründerin der Berner Autorengruppe Almösen und Kapitänin der Autorinnenreihe «Tittanic».

Hier soll sich nun nicht der Eindruck verfestigen, dass der künstlerische Pfad Sandra Künzis mit lauter Misserfolgen gepflastert ist. Ein Höhepunkt ihrer Schaffens stellte an den Solothurner Literaturtagen 2010 ihre Anverwandlung in Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf dar, die – selber in eine Burka gehüllt – ein Burka-Obligatorium forderte.

Nach Auftritten und Performances wurde Sandra Künzi immer wieder gefragt, ob es von ihr nicht auch ein Buch gebe. Gab es eben nicht. Bis jetzt. Die Textsammlung «Mikronowellen» bietet einen Querschnitt durch Künzis Schaffen mit Liedern, Prosatexten, Kolumnen, Minidramen und Gedichten. Da schnappt ein böses Buch in Buchhandlungen nach Kindern, da wird der Scheidungskrieg zwischen einem älteren Schweizer und seiner jungen brasilianischen Frau aus der Perspektive der beiden Anwälte durchleuchtet, ein CEO erhält von seinem Halter ein «Bouni», und ein kundennaher Bankberater empfiehlt die Investition in Wegwerfwindeln.

Abgedruckt sind auch einige Illustrationen von Sandra Künzi, unter anderen die vom Hund, der sich mit der Lieblingskrawatte seines Herrchens erhängt hat. Für den «Nebelspalter» hat sie einst, als dieser vor fast 20 Jahren in einem kurzen Intermezzo eine letztlich gescheiterte Neuausrichtung versuchte, regelmässig Cartoons gemalt – und an teils mit drastischen Stilmitteln arbeitende Cartoons erinnern auch viele ihrer Texte. Dem Plakativ-Trashigen weiss Künzi aber oft auch überraschend subtile Nuancen abzugewinnen.

Die Spaghetti der Medusa

Die Leserschaft wird übrigens im Sinne einer transparenten Produktdeklaration auf dem Umschlag darauf hingewiesen, dass das Büchlein «ca. 43% Mundarten» enthalte. Natürlich darf «Tennis» nicht fehlen, in dem die Protagonistin ihre Selbstbefriedigungsaktivitäten auf das Gestöhne der Tennisgöttinnen im Fernsehen abstimmt und so unverhofft den neuen Nachbarn erobert. In der Auswahl vertreten sind auch kleine Meisterwerke wie «Asyl vor dem Denner», in dem Künzi vor dem Hintergrund der Sans-Papiers-Diskussion die Perspektive eines Mädchens einnimmt, das den ersten Ausweis bekommt und sich nun davor fürchtet, ausgewiesen zu werden.

Eine klassische Lesung mit ihren «Mikronowellen», an einem Tisch sitzend, vorlesend und hin und wieder aus einem Glas Wasser nippend, kann sich Sandra Künzi nicht vorstellen, dafür empfindet sie das Geschriebene viel zu körperlich: «Ich bin jeweils diese Figur und schlüpfe in ihre Haut.» Die Berner Musikerin Reg Fry breitet dazu den passenden Klangteppich am Kontrabass aus. Da wird etwa die Geschichte «Pause» über ein Paar, dessen serbelnde Beziehung auf einer Wanderung den Weg vom «Beziehigsfaschte» in die Zerstörung eines Fernsehens und damit in die endgültige Trennung findet, mit einem lüpfigen Ländler kontrastiert.

Als Zugabe geben Künzi und Reg Fry die Nummer mit den Spaghetti auf dem Haupt. Am Vorabend gekocht, kommt es laut Sandra Künzi auf die richtige Menge Öl an. «Wenn zu viel Öl beigegeben wird, dann rutschen sie zu schnell runter, bei zu wenig Öl besteht dagegen die Gefahr der Verklumpung, was sich auch nicht gut macht.» Gelungen ist die Performance, wenn sich die Spaghetti auf dem Kopf wie weiland die Schlangen der Medusa lasziv winden. (Der Bund)

(Erstellt: 02.12.2013, 08:22 Uhr)

Mikronowellen

Verlag Der gesunde Menschenversand. Luzern 2013. 150 Seiten, 19 Franken.
Mikronowellen live: 4. Dezember, Café Kairo Bern, 20.30 Uhr.

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