Literaturwissenschaft goes Selbstfindung

Nach dem Romanerstling «Rückseitenwetter» veröffentlichte Christian de Simoni sein neustes Werk «Das Rigilied».

Der Berner Schriftsteller Christian de Simoni.

Der Berner Schriftsteller Christian de Simoni. Bild: zvg / rigilied.ch

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1832 fand in Luzern das 6. Eidgenössische Schützenfest statt, mit dabei war ein gewisser Johann Lüthi. Im Anschluss an die Festivitäten unternahm Lüthi eine Schiffreise über den Vierwaldstättersee und bestieg die Rigi. Zurück am heimischen Webstuhl, verarbeitete der Gesangs- und Chorleiter das Erlebte in einem Lied und komponierte eine der heute bekanntesten Schweizer Volksweisen: «Vo Lozärn gäge Wäggis zue».

Dieses Lied, oder besser gesagt: die Abbildung einer «Urschrift» des Rigiliedes aus dem Jahre 1832, stellt der Berner Schriftsteller Christian de Simoni an den Anfang seiner Untersuchungen über Herkunft und Bedeutung des Gassenhauers. Dabei verweist de Simoni auf unterschiedlichste Quellen, verortet einen Vorläufer des Rigi-Mythos in keltischen Runen-Schriften oder zitiert Versatzstücke griechischer und römischer Lyrik, in welchen Infanteristen den Aufstieg auf die Rigi als eine Art Trainingscamp nützen.

Indem de Simoni den Weg des Rigiliedes von ersten Fragmenten bis zu zeitgenössischen Interpretationen nachzeichnet, verdeutlicht er, wie der Text beliebig übersetzt, verändert und den eigenen Bedürfnissen angepasst wurde.

In die Schilderung der Entwicklung des Rigiliedes webt de Simoni auch die Biografie des Johann Lüthi mit ein und liefert in diversen Mini-Exkursen Überlegungen zu Tourismus, technischem Fortschritt oder Melktheorien und schlägt dabei einen Bogen bis zu Elvis Presley und dem heutigen Selfie-Wahn.

Was theoretisch und trocken klingen mag, ist in Tat und Wahrheit ein vergnügliches Leseerlebnis, denn de Simoni hat seine Quellen, nun ja, optimiert. Zwar hat der 38-jährige Autor eine Vielzahl an historisch verbürgten Informationen zusammengetragen und lässt Heimatforscherinnen und Gelehrte zu Worte kommen, gleichzeitig wird hier Geschichte aber nicht nur rekonstruiert, sondern auch konstruiert.

So koppelt de Simoni seine Forschung mit der persönlichen Biografie seines Erzählers, der in ironisch-humorvoller Haltung auf die Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens zurückblickt. Salopp formuliert: Literaturwissenschaft goes Selbstfindung.

Christian de Simoni «Das Rigilied», Edition Taberna Kritika, Bern 2017. 122 Seiten, 20 Fr. (Der Bund)

Erstellt: 10.05.2017, 08:16 Uhr

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