Kultur

Linus Schöpfer
Redaktor Kultur


Lieber kein Genie

Aktualisiert am 12.09.2012 6 Kommentare

Kaum hat er den letzten Preis eingeheimst, erscheint schon der nächste Roman. Clemens Setz ist das sehr arbeitsame und sehr unexzentrische Wunderkind der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Ein Porträt.

1/5 Wurde heute Mittwoch für die Short List des Deutschen Buchpreises nominiert: Clemens Setz (9. Juli 2012).
Bild: Keystone

   

Setz, Clemens J., «Indigo», Suhrkamp Verlag, 475 Seiten, ISBN 978-3-518-42324-0, CHF 36.90.

Indigo

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Setz liest aus seinem neuen Roman.

Clemens Setz über Spam-Poesie
(Telefon-Gespräch, 4.9.)

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Es ist keine hölderlinsche Inspiration und nicht eine nächtliche Quälerei, wie sie Kafka kannte, die Setz' Arbeit bestimmt, sondern eine sehr überlegte Konzeption: Der Verfasser dreier Romane und eines Erzählbands arbeitet immer an drei Büchern gleichzeitig. Man müsse sich das «wie parallele Downloads auf iTunes» vorstellen, erklärt der 29-jährige Grazer am Telefon. Seine Dreifachproduktion habe die Vorteile, dass er sich emotional nicht abnutze, und wenn er mal bei einer Geschichte nicht mehr weiter wisse, könne er immer zur zweiten wechseln, im beruhigenden Wissen darum, dass es noch eine dritte gäbe etc. «Ich kann das jedem nur empfehlen», sagt Setz. Unüberhörbar ist die Freude des passionierten Gelegenheitszauberers und studierten Mathematikers, als Literat seine soziale und intellektuelle Umwelt künstlerisch zu reflektieren – und davon leben zu können.

Diese Woche ist «Indigo» erschienen, es ist Setz' dritter Roman; ein weiteres Buch habe er ebenfalls abgeschlossen, ein anderes angefangenes, weit grösseres nehme ihn nun noch weitere Jahre in Anspruch. Der naheliegende Verdacht, dass diese hohe Kadenz zulasten der Qualität geht, trifft bei Setz offenkundig nicht zu. Alle seine Publikationen zogen feuilletonistische Freudentänze nach sich; in seinen Geschichten werde «metaphysische Verlorenheit so würgend spürbar wie in einem Kubrick-Film oder wie in einem Beckett-Drama», meinte einmal die NZZ, beispielsweise. «Als scharfen Beobachter der menschlichen Natur und einfühlsamen Porträtisten ihrer Eigenarten» lobte ihn letztes Jahr die Jury des Leipziger Buchpreises, bevor sie seinen Erzählband «Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes» mit ihrer renommierten Auszeichnung prämierte.

Eine sehr erstaunliche, in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur einzigartige Performance – doch Setz wehrt sich gegen jegliche Form von Künstlerexzentrik und Geniekult. Mit Einblicken in seinen sehr disziplinierten, sehr rationalen Arbeitsprozess hat er kein Problem: «Ich finde das gut, wenn andere Leute sehen, wie ich arbeite. Ich sehe nicht ein, weshalb ich mich verweigern sollte, nur weil ich Künstler bin», sagt Setz. In einem Interview mit der Wochenzeitung «Zeit» meinte Setz einmal etwas ärgerlich, dass künstlerischer Erfolg eine «ganz signifikante und unsichtbare Kette von Zufällen, Einflüssen und Konstellationen» voraussetze, die mit dem Geniebegriff doch nur unzureichend erfasst würden.

Bösartiges Nerdtum

«Meine Arbeit erlaubt es mir, meine Obsessionen auszuleben», sagt Setz am Telefon, und die Vermutung liegt nahe, dass da geheime Wechselwirkungen bestehen zwischen ebendiesen Obsessionen, der einnehmenden, von aller Bosheit anscheinend kathartisch gereinigten Freundlichkeit des jungen Mannes und seiner erstaunlichen Produktivität.

Brutalität, Niedertracht und bösartiges Nerdtum gehören zu den Merkmalen seiner Prosa. Es geht um sexuelle Gewalt, Mobbing, Liebesentzug, Menschenexperimente, Tierquälerei und Tierquälerquälerei; es geht um Soziopathen und Aussenseiter, die das alles schmerzlich erleiden und sich gegenseitig antun.

«Man schliesst sich weg»

Als asozial empfindet Setz zumal seine Arbeit; «man schliesst sich weg». Und dann wird Setz ganz plötzlich sehr drastisch: «Wenn ich merke, dass ich Leuten nur zur Last falle, dann möchte ich mir am liebsten in den Kopf schiessen.» Setz weiter: «Nur weil meine Arbeit für mich Sinn ergibt, muss sie nicht für andere Sinn ergeben.»

Er sei weit entfernt von der Annahme, als Schriftsteller mit seinen Büchern bedeutenden Einfluss auf die Gesellschaft nehmen zu können – «ich habe dieses Publikum ja gar nicht!» Nach einer kurzen Pause sagt Setz dann doch und völlig zu Recht: «Vielleicht kommt das ja noch.»

Und vielleicht kommt irgendwann auch der Tag, an dem Clemens Setz sein eigenes Werk betrachtet und: staunt. Noch hat er keine Zeit dazu gehabt.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.09.2012, 14:15 Uhr

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6 Kommentare

Hans Etter

12.09.2012, 15:22 Uhr
Melden 14 Empfehlung 0

Warum geht es in anspruchsvoller Literatur eigentlich immer um so abgefahrenes, krankes Zeugs? Gewalt, Sexualität, Psychopathie usw. dass es einem richtiggehend ekelt. Diese Aspekte des Lebens und der Gesellschaft sind in der Literatur völlig überrepräsentiert, wenn man bedenkt, welche Menge an Themen die heutige Zeit doch bietet. Antworten


Peter Legler

12.09.2012, 16:45 Uhr
Melden 6 Empfehlung 0

Nicht nur in der "anspruchsvollen" Literatur verhält sich das so. Auch in der Tivia-Ecke, also Krimiromanen dominieren der Sadismus und der sprichwörtliche Schlachthof-Alltag. Egal ob Sachbuch oder Belletristik, werden nicht Menschen bestialisch gequält und/oder sind kurz vor dem Kopfschuss lässt das Publikum die Publikation liegen. Begreift das jemand? Antworten



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