Kultur

Laut denken war verboten

Von Martin Ebel. Aktualisiert am 15.06.2011 1 Kommentar

Ein Treffen mit den geistreichsten Köpfen Frankreichs: Philipp Blom feiert in «Böse Philosophen» die «radikale Aufklärung» – und rennt offene Türen ein.

Das Gespräch als Attraktion: Ein literarischer Pariser Salon zu Zeiten der Aufklärung.

Das Gespräch als Attraktion: Ein literarischer Pariser Salon zu Zeiten der Aufklärung.

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Philipp Blom: «Böse Philosophen», Hanser, ISBN: 3-446-23648-1

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Auch in einer Mogelpackung kann reizvoller Inhalt stecken. Gemogelt ist in Philipp Bloms «Bösen Philosophen» auch nur das Vorwort, das mehr verspricht, als das Buch hält. Demnach ist das Erbe der «radikalen Aufklärung», das er gewissermassen als geistiger Nachlassverwalter hier präsentiert, systematisch unterdrückt worden. Denker wie Holbach und Diderot, die sich ein Universum ohne einen Schöpfer vorstellen konnten, seien für uns Heutige von grosser Dringlichkeit, denn auch unsere Gehirne seien «theologisch konditioniert»: «Wir sehen die Welt noch immer mit den Augen von Gläubigen, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind.»

Blom, der deutsch-englische Historiker, dem wir das grandiose Geschichtspanorama «Der taumelnde Kontinent» verdanken, also als Missionar eines konsequenten Atheismus, mit den «bösen Philosophen» als Sprachrohr. Das wäre das Versprechen des Buches – oder vielmehr die Drohung. Stattdessen bekommen wir, sobald der Hauptteil beginnt, die Geschichte eines Pariser Salons erzählt, in dem tatsächlich radikal und gefährlich gedacht wurde und sich die geistreichsten Köpfe Frankreichs (und besuchsweise auch Englands) zusammenfanden.

Zu Gast bei Baron d’Holbach

Gastgeber war der Baron Thiry d’Holbach, ein gebürtiger Pfälzer, der als Fünfjähriger in die Obhut eines Pariser Onkels gegeben wurde und, als er dessen Vermögen geerbt hatte, sich als Herausgeber und Sponsor philosophischer und wissenschaftlicher Werke betätigte. Immer donnerstags und sonntags lud er in sein Haus in der Rue Royale SaintRoch, wo laut gedacht werden durfte, was offiziell streng verboten war. Frankreich war auch in den 60er- und 70erJahren des 18. Jahrhunderts noch eine absolutistische Monarchie, zudem unter der Kuratel der katholischen Kirche, in der der Besitz des falschen Buches oder auch der blosse Verdacht auf Ketzerei ins Gefängnis, in den Folterkeller oder auf den Scheiterhaufen führen konnte.

Holbach verfügte über einen erlesenen Weinkeller und einen vorzüglichen Koch. Das Menü, das Blom auf einer ganzen Seite zitiert, ist überwältigend, hat aber den kleinen Schönheitsfehler, aus einem Kochbuch von 1735 zu stammen und nur zu veranschaulichen, wie etwa beim Baron geschlemmt wurde (viel, viel Fleisch vor allem).

Das Essen wird kein Gast verschmäht haben (es waren nicht alles Barone mit üppiger Erbschaft), aber die eigentliche Attraktion war das Gespräch. Zu den anregendsten Gästen gehörten Diderot und Rousseau, dann heute weniger bekannte Aufklärer wie Helvétius, Raynal, Buffon, der Baron Grimm, dessen «Correspondence littéraire» an Adelige in ganz Europa verschickt wurde – da handschriftlich verfasst, unterlag sie nicht der Zensur.

Aus England kamen die Philosophen David Hume und Adam Smith vorbei, der legendäre Schauspieler Garrick und der Autor Laurence Sterne. Der berühmte Historiker Edward Gibbon schrieb 1763 überschwänglich nach Hause: «Man kann über die Frivolität der Franzosen sagen, was man will, aber ich versichere Ihnen, dass ich innerhalb von zwei Wochen in Paris mehr denkwürdige Unterhaltungen und mehr Gelehrte unter den modischen Leuten gesehen habe als während zwei oder drei Wintern in London.»

Viele Stammgäste waren Mitarbeiter der «Encyclopédie», jenes monumentalen Sammelwerks, das Diderot über Jahrzehnte betreute und das durch simple Fakten die Doktrin der Kirche zum Einsturz bringen sollte.

Rousseau, der «bad guy»

Philipp Blom erzählt nun vom Paris der Aufklärung, von ihrem einflussreichsten Salon, von den Debatten, die dort geführt wurden, vor allem aber von den Schicksalen einzelner Teilnehmer. Was als Biografie eines Ortes oder einer Gruppe geplant war, zerfällt einerseits in eine philosophische Darstellung des Atheismus, anderseits in Einzellebensläufe. Die Hauptrollen sind dabei mit Diderot und Rousseau besetzt, als «good guy» und als «bad guy». Letzterem hält der Autor nicht nur seinen bekannten und unbestreitbar schlechten Charakter vor – Rousseaus krankhafte Paranoia führte ihn dazu, sich von allen Freunden verraten zu fühlen und diese deshalb zu verleumden; das Zerwürfnis mit seinem Gönner Hume, das zum europaweit durchgehechelten Skandal wurde, ist ein besonders anschauliches Beispiel dafür.

Er macht ihm vor allem zum Vorwurf, in der Nachwelt einflussreicher gewesen zu sein als der viel raffiniertere und menschenfreundlichere Diderot. Das ist allerdings weder neu noch verwunderlich. Diderot war ein quecksilbriger Momentdenker, in kein System zu pressen (nicht einmal in eine literarische Form); Rousseau dagegen politisierte in einer Weise, die ihn für künftige Weltbeglücker von Robespierre bis zu den sowjetischen Parteidiktatoren als Ideengeber überaus geeignet machte. Geeignet auch, weil Rousseau Gott nicht ganz aus seinem System herauskatapultierte; einen übernatürlichen Zuchtmeister braucht der Mensch (oder vielmehr der Menschenbeherrscher).

Atheismus und Materialismus sind für Philipp Blom aber das Mass aller Dinge, was fortschrittliches Denken angeht. Holbach oder der vollkommen vergessene Jean Meslier, Dorfpfarrer in den Ardennen und Autor einer anonym kursierenden Abrechnung mit Kirche und Religion an sich, waren zweifellos äusserst mutige und radikale Denker. Damals. Einer durch und durch säkularen Gegenwart haben sie aber nicht mehr viel zu sagen.

Die gute Stube

Und Diderot? Der segelt vielleicht in der Philosophiegeschichte im Windschatten seines Ex-Freundes Rousseau. Aber in der Literatur ist er der einflussreichere von beiden. Bis in unsere Tage haben seine Romane «Rameaus Neffe» und vor allem «Jacques der Fatalist» als Anreger gewirkt – von Kundera bis Enzensberger –, und die Literaturwissenschaft beisst sich an ihm immer noch die Zähne aus.

Kurz: Philipp Blom führt uns in ein höchst interessantes Pariser Wohnzimmer. Philosophisch rennt er aber offene Türen ein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2011, 13:56 Uhr

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1 Kommentar

Andreas Leber

17.06.2011, 13:08 Uhr
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Philosophisch rennt er heute Türen ein, die damals geöffnet wurden, gegen den Widerstand der autoritären Obrigkeit und der damit untrennbar verwobenen Kirchen.
Auf politischer Seite dagegen sieht es traurig aus. Trennung von Staat und Kirche - außer in Frankreich und den USA in keinem westlichen Land verwirklicht. Und keine Aussicht auf baldige Besserung. Kirchenpolitiker, wo man hinschaut.
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