Kleiner schwarzer Bub gegen den Nationalsozialismus
Von Dario Venutti. Aktualisiert am 09.08.2010 2 Kommentare
Millionenbestseller: Der erste Jim-Knopf-Band.
In diesem Buch finden sich schrullige Figuren, gegen die später im Leben nur wenige bestehen können. Da ist zum Beispiel der Scheinriese Tur Tur, der grösser und furchtbarer aussieht, je weiter entfernt er ist. Beim Näherkommen aber schrumpft er zum liebenswürdigen Greis. Oder da sind die zwölf Piraten, die sich für die Wilde 13 halten, weil der Kapitän sich doppelt mitzählt.
Jim Knopf, ein kleiner schwarzer Junge, ist der Held der Erzählung. Mit Lukas, dem Lokomotivführer ohne Schienennetz, reist er auf einer höchst lebendigen Maschine namens Emma um die Welt. Die beiden setzen sämtliche Naturgesetze ausser Kraft und besiegen korrupte Staatsdiener, schreckliche Drachen und grausame Seeräuber.
Das alles war wohl zu viel für die Vorstellungskraft deutscher Verleger der 1950er-Jahre. Ein Dutzend von ihnen lehnte das 500-Seiten-Manuskript ab, ehe es schliesslich bei Thienemann in Stuttgart erscheinen konnte. Seither ist das Buch vier Millionen Mal verkauft und in 33 Sprachen übersetzt worden. Nachdem Autor Ende, der später mit «Momo» und «Die unendliche Geschichte» weitere Klassiker schrieb, 1961 den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen hatte, baten ihn einige Verlage um ein Werk. Nicht ohne Schadenfreude schickte Ende ihnen daraufhin ihre einstigen Absagebriefe zurück.
Reinrassige Drachen
Die Geschichte von Jim Knopf ist kein Zufall, im Gegenteil, alles hat darin Sinn: Jims Hautfarbe, die Stationen, der Schluss. Ende hat ein Märchen geschrieben, gleichzeitig eine Gegengeschichte zum rassistisch geprägten Schulunterricht der Nationalsozialisten. Der Ort, an den er Jim Knopf schickt, ist Atlantis. In den Kinderbüchern der Nationalsozialisten war das ein Reservoir blonder Menschen mit arischem Blut. Ende macht daraus die Insel Jimballa, ein Land, in dem Kinder und Vögel leben – und aus dem Jim Knopf stammt.
Auf seiner Reise nach Kummerland (= Deutschland) fährt Jim durch einen Tunnel, aus dem schwarze Rauchschwaden quellen. Über dem Eingang warnt ein Schild: «Der Eintritt ist nicht reinrassigen Drachen verboten.» 15 Jahre nach dem Ende von Auschwitz triumphiert der farbige Jim Knopf, indem er die in Kummerland gefangenen Kinder aus den Klauen der bösen Drachenlehrerin Frau Mahlzahn befreit. Sie wird aber nicht etwa um einen Kopf kürzer gemacht, sondern darf zu einem goldenen Drachen der Weisheit.
Toleranz und Wandlungsfähigkeit sind die Maximen, die Michael Ende, 1995 verstorben, der rassistischen Weltanschauung entgegenstellt. Der Lehrmeister dieses Experiments ist sein Jim Knopf. Dessen Welt ist nicht in Schubladen oder Kategorien eingeteilt. Bei ihm siegen vielmehr Mischlinge und versöhnen sich Feuer- und Wasserwesen. Am Ende existieren keine ethnischen Schranken mehr, und die Gegensätze sind aufgehoben: Versöhnung statt Überlegenheit der reinen Art, darum geht es.
Jim Knopf steht mittlerweile bei den Kindern und Enkeln seiner ersten Fans hoch im Kurs. Nach dem Vorlesen wollen sie, dass man ihnen ebenso tolle Geschichten mit ebenso fantastischen Figuren erfindet. Das setzt den Vorleser ganz schön unter Druck. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.08.2010, 14:24 Uhr
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2 Kommentare
Wirklich eine super Geschichte! Jetzt wo ich das hier lese, wird mir klar warum sie so wichtig für ist. Heute ist das mit der Phantasie und Harmonie -auf eine ehrliche und unverstellte Weise- in der Kultur schwer zu finden, scheint mir. Einen freien Geist muss man gut schützen wissen, sonst wird das nichts. Der Druck Gesellschaftlich konform sein zu müssen ist sehr hoch, wenn es zauch anders wirkt Antworten








