«Ich hatte einfach extrem Schwein»
Interview: Denise Jeitziner. Aktualisiert am 21.09.2011 14 Kommentare
Am Dienstag, 27. September 2011, findet um 20 Uhr im Kaufleuten Zürich die Buchpremiere von Bänz Friedlis neuer Kolumnensammlung «Wenn die mich nicht hätten» statt. www.kaufleuten.ch (Bild: Vera Hartmann/zvg)
«Sy no Frage?» – Bänz Friedli live im City-Chäller. In den kommenden Wochen ist der Hausmann-Kolumnist des «Migros-Magazins» auf Lesetournee in der Schweiz. www.derhausmann.ch (Bild: Vera Hartmann/zvg)
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Sie sind mit Ihrem neuen Buch und Ihrer CD demnächst auf Lesetournee. Hoffen Sie eigentlich auf ein paar mehr Männer im Publikum?
Es ist nicht mehr so, dass mehrheitlich Frauen im Publikum sitzen. Bei meinen ersten Lesungen waren es 99 Frauen und ein Mann. Das war meist der Präsident der Kulturkommission, der nach fünf Minuten eingeschlafen ist. Inzwischen tendiert es gegen fifty-fifty.
Wie das?
Die Männer haben vielleicht ihre Schwellenangst abgebaut. Offenbar haben die Männer gemerkt, dass es nicht mehr nur um Hausfrauenzeugs geht. Mein Programm hat sich in den letzten Jahren weg von einer reinen Lesung hin zu einem Programm mit kabarettistischen Zügen entwickelt.
50 Prozent Männer. Ziel erreicht?
Es ist überhaupt nicht so, dass ich Männer im Publikum brauche. Wenn ich vor lauter Frauen auftrete, ist da diese Vertrautheit. Ich muss zum Beispiel nur «Tannenbaumnadeln» sagen, und schon weiss jede Frau, wovon ich spreche. Am allerliebsten trete ich vor Landfrauenversammlungen auf, 500 Trachten tragende Frauen in einer Turnhalle – und ich. Das ist immer unglaublich lustig, weil sie bodenständig und humorvoll sind, weil es auch derb sein darf. Inzwischen ist die Hausfrauenvertrautheit etwas weniger vorhanden, dafür hat die Satire zugenommen mit Themen von Xherdan Shaqiri bis Toni Brunner, die auch die Männer interessieren. Abgesehen davon, wäre es ja schon ein Ziel, eben gerade die Männer auch für den Haushalt zu begeistern.
In Ihren Kolumnen erwähnen Sie überdurchschnittlich oft YB. Wollen Sie den Männern damit sagen: Hey, ich bin immer noch ein richtiger Mann?
Leider ist es so, dass YB in meinem Leben einen überdurchschnittlich grossen Anteil einnimmt. Sicher kokettiere ich auch etwas damit, aber ich behaupte nichts, was nicht ist – ich schlafe wirklich in YB-Bettwäsche. Zudem will ich gegen das Urbild des Birkenstock und Latzhose tragenden, Liegevelo fahrenden Softies antreten, Typus: «Isch guet, dass mer drüber gredt hei». Ein Hausmann kann im FC sein, Gangsterrap hören und an Fussballmatches wie blöd grölen.
Sie wollen also ein neues Bild eines Hausmanns zeigen. Als cooler Kolumnenschreiber mit Liveshow sind Sie aber auch nicht gerade der Durchschnitt.
Ich hatte einfach extrem Schwein. Eigentlich ist es ja gemein, dass ausgerechnet ein Mann diese Plattform erhält, da wir Hausmänner ja extrem in der Minderheit sind. Auf männerspezifische Aspekte will ich jedoch gar nie aus, mein Problem ist nicht, ob ein Mann im Haushalt seine Frau stehen kann. Ich versuche einfach, diese Plattform zu nutzen, um zu sagen: «Hey Männer, kochen, Kinder betreuen – das ist der geilste, aber anspruchsvollste Job, den es gibt!» Das ist das gesellschaftlich Fatale an der Emanzipation: Die Frauen wurden zunehmend gleichberechtigt in der Berufswelt, gleichzeitig wurde die Hausarbeit jedoch abgewertet. Deshalb sage ich bewusst «wir Hausfrauen». Aber wenn die Frauen noch besser in der Berufswelt ankommen sollen, müssen die Männer daheim mehr mit anpacken, das ist ja klar.
Haben Sie ein schlechtes Gewissen, dass Sie dank des Hausmann-Prädikats so erfolgreich sind?
Es ist eine Dankbarkeit. Ich habe viel mehr Proteste von Frauenseite erwartet, die ja berechtigt wären. Stattdessen bekomme ich Feedbacks von Frauen, die mir von ihren gestörten Ticks im Haushalt berichten oder von Putzorten, an denen sonst niemand putzt.
Haben Sie selber wirklich so einen Putzfimmel oder kokettieren Sie bloss damit?
Ich kokettiere vielleicht schon, hab aber tatsächlich einen grausamen Putzfimmel. Es ist echt neurotisch, fragen Sie mal meine Frau. Ich komme nachts um ein Uhr nach Hause und fange an zu polieren. Leider.
Wie schaffen Sie es, sich über die Neurosen der Hausfrauen lustig zu machen und dennoch von ihnen angehimmelt zu werden?
Aber der Depp bin ja meistens ich in der Kolumne! Ich würde mich nie über Frauen lustig machen, sage nie: «Eure Sörgelein sind nicht ernst zu nehmen.» Denn es sind ja auch meine. Es ist höchstens die Aufforderung «Hey, nehmts doch ein bisschen lockerer». Mich fasziniert es, dass es diesen riesigen gemeinsamen Nenner gibt, egal ob in Zürich, Ilanz oder Brig. Warum die Leserinnen so selten sauer werden, weiss ich nicht.
Nun haben Sie ein neues Buch und auch noch eine neue CD mit gesammelten Kolumnen. Hätten Sie nicht Lust gehabt, etwas anderes zu bringen?
Lust und Zeit sind zwei verschiedene Dinge. Ich bin primär Hausmann und habe nicht unendlich Kapazitäten. Ich habe momentan keinen Schnauf, einen grossen Roman zu schreiben, auf den die Welt sowieso nicht wartet. Sicher werde ich eines Tages etwas anderes schreiben, aber nicht in der jetzigen Lebensphase.
Sie sind «Der Hausmann». Fragen Sie sich manchmal, ob Sie überhaupt noch etwas anderes erzählen können?
Die Rolle engt mich nicht ein, weil sie mich nicht über die Türschwelle verfolgt. Der Hausmann, das bin ich ja, aber das ist nicht alles von mir. Mein Bühnenprogramm ist ein wenig weggekommen von Hausfrauenthemen, und es sind vermehrt auch meine «Zytlupen» von Radio DRS 1 zu hören. Eine derartige Rolle kann aber sehr mächtig werden. Am Anfang erschrak ich über die vielen Leute, die meine Kolumne im «Migros-Magazin» lesen. Ich traute mich kaum noch auf die Strasse. Bei «Facts» hatte ich vielleicht einen Leserbrief pro Monat, heute sind es manchmal hundert pro Woche. Inzwischen finde ich diesen Austausch genial.
Wie ist es, mit den geschriebenen Kolumnen live vor Publikum aufzutreten?
Es braucht Mut, sich der Kritik zu stellen, es ist aber viel befriedigender, denn das Feedback kommt direkt. Früher habe ich als Kulturjournalist selber böse Kritiken geschrieben. Andere zu beurteilen, hat etwas Feiges. Polo Hofer hat mir unzählige Male gesagt: «Ihr Musikkritiker seid Eunuchen, ihr wisst, wie es geht, könnt es aber selber nicht!»
Ihre Kinder sind 10 und 13. Was macht Bänz Friedli, wenn sie aus dem Haus sind?
Irgendwie die Phase bis zu den Enkeln überbrücken. Darauf freue ich mich schon extrem. Das darf man aber nicht zu laut sagen, sonst warten die Kinder extra bis 45. Was bis dahin kommt, ist noch nicht so klar. Höchstens meine Bühnentätigkeit werde ich zu entwickeln versuchen.
Zurück ins Büro?
Nie im Leben. Mich kann man nicht resozialisieren.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 21.09.2011, 16:00 Uhr
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