Gehirnamputierte Cowboys, gemütliche Trottel
Olive Kitteridge wird in Crosby und selbst in ihrem eigenen Haus mehr gefürchtet als geliebt. Nicht nur, weil sie als Mathematiklehrerin, Ehefrau und Mutter oft barsch und ungeduldig ist: Die heile Welt eines beschaulichen Küstenstädtchens in Maine hat keinen Platz für Bosheit und Schmerz. Olive ist der Drachen im Haus, die Schlange im Paradies. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und weder auf Freund noch Feind Rücksicht: George W. Bush ist für die grimmige Demokratin ein gehirnamputierter Cowboy, Henry, ihr Mann, ein gutmütiger Trottel. In Olives rauer Schale steckt aber ein grosses, weiches Herz und ein hellwacher Kopf; beides macht sie nicht gerade glücklich.
Henry nimmt seiner Frau die spitze Zunge nicht übel. Was sie an ihm hat, begreift sie erst richtig, als er im Pflegeheim vor sich hindämmert. Wohin soll sie jetzt mit ihrer Liebe? Dass sie ihn einst beinahe verlassen hätte für einen Lehrerkollegen, kann sie ihm jetzt nicht mehr beichten. Ihr Sohn Christopher hat sich, spät genug, aus ihrer erdrückenden Umarmung gelöst und in eine überstürzte Ehe geflüchtet. Mutter Olive hatte mit ihrem Misstrauen und Sarkasmus zuvor jede Frau weggehackt, die sich zwischen sie und ihr Küken zu stellen wagte.
Nicht jeder Bruch heilt
Olive weiss, dass «Leben miteinander verwachsen wie Knochen und dass nicht jeder Bruch heilt»: Kein Dritter, kein Job in New York, kein Therapeut, nicht einmal Terrorängste und Tod sollen sich darum zwischen Mann und Frau, Eltern und Kinder drängen; egal, wie krumm auch immer ihre Schicksale zusammengewachsen sind. In der Familie schmecken selbst bittere Enttäuschungen nach Glück. Man tröstet sich mit selbst gebackenen Muffins und muffigen Lebensweisheiten: «Irgendwie geht es immer weiter.»
«Mit Blick aufs Meer» ist ein im besten Sinne konservativer Roman: warmherzig, anrührend, lebensklug, aber nie sentimental. Wo John Updike die Affären und Alltagstragödien seines neuenglischen Bürgertums vorzugsweise mit dem phallokratischen Blick des Mannes beschrieb, schreibt Elizabeth Strout – mit ähnlich feiner Ironie und literarischer Eleganz, aber mehr Mitgefühl – aus der Perspektive älterer Frauen, die wissen, wo der Hüfthalter drückt: Unter all den verlorenen Illusionen und begrabenen Leidenschaften rumort ein unersättlicher Lebenshunger, die verzweifelte Sehnsucht, lieben zu dürfen und geliebt zu werden.
Strouts Roman, 2009 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, ist eigentlich eine Sammlung von Erzählungen, die sich über mehr als zwei Jahrzehnte erstrecken. Olive ist mal Haupt-, mal Nebenfigur, aber immer Herz und Seele der Geschichten. In «Flut» rettet sie einem ehemaligen Schüler das Leben, indem sie ihn so lange mit Erinnerungen zuquasselt, bis der Mann seine Selbstmordpläne vergisst. In «Hunger» kann sie zwar nicht die magersüchtige Nina retten, aber wenigstens ihrer Freundin Daisy zu einem späten Glück verhelfen. In «Reisekorb» tröstet Olive das arme Dummchen Marlene, die gerade ihren Mann verloren hat und hilflos mit ansehen muss, wie ein junger Taugenichts ihre Cousine verführt; dabei beneidet die grosse Kümmererin die Jugendlichen um ihre provozierende Unbekümmertheit.
Nein, «es ist nicht gerecht»: Das Leben beschenkt die Jungen mit einem Glück, mit dem sie nichts anzufangen wissen, und nimmt den Alten selbst den kümmerlichen Trost ungehorsamer Kinder und siecher Ehepartner. Am Ende, in «Fluss», wird Olive doch noch für ihre ruppige, selbstlose Liebe belohnt: Ausgerechnet Jack Kennison, ein Republikaner, den sie bislang für einen aufgeblasenen Schnösel hielt, holt sie aus der Einsamkeit und Resignation. Das Leben als Süssigkeit
«Was doch die Jungen alles nicht wussten, dachte sie, als sie sich neben diesen Mann legte und er sie an der Schulter berührte, oh, was die Jungen alles nicht wussten. Sie wussten nicht, dass unförmige, alte, verschrumpelte Körper so hungrig waren wie ihre eigenen, festen Leiber; dass Liebe nicht leichtsinnig abgewiesen werden durfte, als wäre sie ein Törtchen auf einem Teller von Süssigkeiten, der immer wieder herumgereicht wird. Nein, wenn Liebe zu haben war, dann griff man entweder zu, oder man griff nicht zu. Und ihr Teller war randvoll gewesen von der Güte Henrys, aber sie hatte darüber die Nase gerümpft, weil sie nicht begriff, was eigentlich jeder Mensch begreifen sollte: dass so Tag um Tag unter den Fingern zerrann.»
Elizabeth Strouts Roman feiert die jubelnde, verschwenderische Lebenslust der Jugend und die melancholische Weisheit des Alters, das letzte Aufbäumen der morschen Liebesknochen. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, kleben die alten Ehepaare zusammen wie «zwei zusammengeklappte Scheiben Schweizer Käse», aus denen das Leben grosse Löcher herausgefressen hat. Kein Grund, die Nase zu rümpfen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.07.2010, 12:30 Uhr

















