Kultur

Geheimnisse einer blutigen Epoche

Von Pierfrancesco Basile. Aktualisiert am 30.03.2011

Roberto Cotroneo hat einen ambitionierten Roman über die bleiernen Jahre des italienischen Terrorismus geschrieben.

Fragen ohne eindeutige Antworten: Der italienische Autor Roberto Cotroneo.

Fragen ohne eindeutige Antworten: Der italienische Autor Roberto Cotroneo.

Zum Buch

Roberto Cotroneo: «Die Jahre aus Blei» Insel-Verlag

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1978 wurde der italienische Christdemokrat und langjährige Ministerpräsident Aldo Moro von den Roten Brigaden entführt und nach 55-tägiger Gefangenschaft ermordet. Roberto Cotroneo war damals ein siebzehnjähriger Gymnasiast. Nun hat der Schriftsteller und Journalist einen Roman geschrieben, der in jene Zeit zurückführt. «Die Jahre aus Blei» heisst er auf Deutsch: Gemeint ist die Zeit zwischen den späten 60er- und den frühen 80er-Jahren, als Italien durch eine Reihe blutiger Anschläge destabilisiert wurde – Anschläge, deren Opfer oft zufällig gewählt wurden mit der Absicht, die Bevölkerung zu verunsichern.

Moro allerdings war kein Zufallsopfer. Er hatte sich offen gezeigt für die Idee, die Kommunistische Partei (PCI) in die Regierung einzugliedern. Dies hätte einerseits die angespannte politische Lage beruhigen können, andererseits hätte es aus der Perspektive radikaler kommunistischer Kreise das Ende des revolutionären Traums bedeutet. Darin lag seine «Schuld».

Liegt die Schuld bei den Vätern

Moros Ermordung lässt viel Raum für literarische Spekulationen, denn die Umstände sind bis heute nicht geklärt. Welche Rolle spielten Geheimdienste und ausländische Mächte? Hatten die USA ein Interesse daran, die Kommunisten im strategisch wichtigen Italien von der Regierung fernzuhalten? Wie konnte eine relativ kleine Terrororganisation den staatlichen und militärischen Apparat in die Ecke treiben? Wurde ihr geholfen, wurde sie sogar instrumentalisiert?

Cotroneo übernimmt eine fiktive Insider-Perspektive, um die Geheimnisse dieser blutigen Epoche zu erforschen. Die Geschichte entwickelt sich aus den alternierenden Monologen der beiden Hauptfiguren. Giulia und Cristiano sind Ex-Terroristen mit ganz unterschiedlichem familiärem Hintergrund: Sie ist die Tochter eines der wichtigsten Vertreter des PCI, er der Sohn eines Faschisten. Und diese Väter haben nichts von der Gutmütigkeit eines Don Camillo oder Peppone: Ihre Härte, ihr Benehmen und ihre Ansichten bestimmen die Schicksale ihrer Kinder ein Leben lang.

So skizziert Cotroneo nicht nur zwei parallele Biografien, er stellt auch grundsätzliche Fragen: War der Terror nur eine Fortsetzung von Konflikten aus dem Zweiten Weltkrieg? Tragen die Terroristen keine Verantwortung, weil die Schuld bei den Vätern liegt? Solche Fragen tauchen immer wieder auf, ohne eindeutig beantwortet zu werden.

Am Anfang des Romans trifft man Giulia und Cristiano etwa 20 Jahre nach Moros Ermordung. Giulia führt in der besten römischen Gesellschaft ein erfolgreiches, aber nicht authentisches Leben neben einem Mann, den sie weder schätzt noch liebt. Anders als sie, die von ihrem Vater geschützt wurde und an keiner gewalttätigen Aktion direkt mitbeteiligt war, musste Cristiano als Mörder aus Italien fliehen. In der Ödnis eines argentinischen Dorfes fragt er sich nun, ob dieser Ort nicht das eigentliche Utopia sei – das Nirgendwo, für das er getötet hatte.

Der Vatikan und die Freimaurer

Giulias Entdeckung eines Schriftstücks von Cristianos Vater zwingt ihn dann aus seinem Exil zurück in die Heimat. Dort will er herausfinden, ob er Teil eines grösseren Spiels gewesen ist, wie ihm der Text seines Vaters zu verstehen gibt. Erst als dieser auftaucht (und da hat man immerhin schon gut die Hälfte des Romans gelesen), kommt die Geschichte wirklich in Schwung. Von nun an liest sich das Buch wie ein guter Krimi, und dies, obwohl der Autor kein Klischee scheut: Geheimdienste, der Vatikan, die Finanzkreise und die Freimauer melden sich, und auch eine geheimnisvolle übernationale Organisation, die es vielleicht gar nicht gibt und die ein bisschen an James Bonds Spectre erinnert.

Allen Klischees zum Trotz gelingt es Cotroneo, die Atmosphären und Dramen jener Zeit aufleben zu lassen. Besonders überzeugend wirkt dabei die Figur der zweideutigen Francesca, einer in Paris lebenden ehemaligen Terroristin, die als Kontaktperson für Cristiano und Giulia dient. Und es gibt Momente echter Tiefe im Gespräch zwischen Giulia und ihrer Mutter, als sich zeigt, dass diese schweigende Frau immer viel stärker war, als ihre eher oberflächliche Tochter dachte.

Je weniger der Autor versucht, die bleiernen Zeiten zu erklären, desto besser gelingt es ihm, eine mitreissende Geschichte zu erzählen. Doch Cotroneo hatte einen höheren Anspruch als den, nur einen spannenden Kriminalroman zu schreiben. So wie Giulia und Cristiano, dies die allzu durchsichtige Botschaft, soll sich das heutige Italien darum bemühen, Klarheit über jene grausamen Jahre zu schaffen. Ob das Buch – das in Italien mit geschicktem Timing 2008 erschienen ist, also exakt 30 Jahre nach der Ermordung Moros – dazu beitragen kann, ist allerdings fraglich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2011, 16:58 Uhr

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