«Freuds Psychoanalyse ist so unwirksam wie Homöopathie»
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 04.05.2010 28 Kommentare
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Michel Onfray: «Le crépuscule d'une idole
l'affabulation freudienne», Grasset, Paris, 612 Seiten.
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Wenn schon Vatermord, so wird sich der französische Philosoph Michel Onfray gesagt haben, dann gleich richtig. «Le crépuscule d’une idole: L’affabulation freudienne», heisst sein Werk, das mit der Psychoanalyse im Allgemeinen und mit deren Begründer Sigmund Freud im Besonderen abrechnet - und das in einem Land, wo die Psychoanalyse unter Intellektuellen ungebrochene Faszination ausübt. Dagegen ist Onfray mit seinem Buch angetreten, natürlich im vollen Bewusstsein, dass ein Angriff auf den Übervater der Psychoanalyse in Frankreich nicht ungehört verhallt.
Freud ein Nazi-Sympathisant?
Die Psychoanalyse tauge nicht mehr, als der Exorzismus eines Priesters, so behauptet Onfray in seinem 600 Seiten starken Buch. Ihre Wirkung sei vergleichbar mit jener der Homöopathie – ein einziger Placebo-Effekt. Psychoanalyse sei eine nutzlose Übung, eine Art Religion. Darüber hinaus lässt er an der Person Freud kein gutes Haar. Ein Versager und Lügner sei er gewesen, habe über den Erfolg seiner Behandlungsmethoden gelogen, sei vom sexuellen Missbrauch besessen gewesen und habe diese Obsessionen zu Allgemeingültigkeiten stilisiert. Das Buch wirft ihm ausserdem Frauenhass, Homophobie und zuletzt noch Antisemitismus vor. Ziemlich umfassend- und ziemlich gewagt wenn man bedenkt, dass Freud selber Jude war und einen Teil seiner Familie in den Konzentrationslagern der Nazis verloren hat.
Man mag von Freud halten, was man will, dass sein Werk im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts eine Wirkung ohnegleichen entfaltete, kann kaum jemand bestreiten – und zwar nicht nur in den Praxen der Psychoanalytiker, sondern bis tief ins gesellschaftliche Bewusstsein, wie das unermüdliche Analysieren psychologischer Abgründe in den heutigen Massenmedien beweist. Die Psychoanalytikergilde Frankreichs hätte den Angriff Onfrays also relativ gelassen nehmen können. Doch wie um die Thesen des Philosophen zu bestätigen, reagierte das intellektuelle Paris heftig auf den blasphemischen Vorstoss. Frankreichs Vorzeige-Analytikerin Elisabeth Roudinesco lastete Onfrays Buch an, es sei voller Fehler und Gerüchte und genüge keinerlei wissenschaftlicher Standards. Freud, so Roudinesco im «Nouvel Observateur», sei weder ein Faschist gewesen noch habe er je autoritäre Systeme unterstützt. Onfray missbrauche Freud dagegen selber, indem er ihn benutze, um die Thesen der extremen Rechten Frankreichs zu rehabilitieren.
Instant-Bestseller
Ähnlich äusserte sich Serge Hefez, ein weiterer Psychoanalytiker. «Onfray beleidigt uns, wenn er behauptet, die Psychoanalyse könne Menschen nicht heilen. «Was tun wir denn alle in unseren Kliniken, Ehen und Spitälern, wenn nicht den Patienten helfen, wieder die Akteure ihrer eigenen Geschichte zu werden?» fragt er in Antwort auf Onfreys Vorwurf, die Psychoanalyse habe keinen einzigen Patienten geheilt.
Etwas differenzierter nimmt Philippe Grimbert Stellung, ein weiterer Psychoanalytiker. «Ja, Freud machte Fehler», hielt dieser in einer Debatte um Onfreys Buch fest. Freud habe sich vielleicht nicht offen gegen Hitler ausgesprochen, aber hätte Onfray das getan im von Nazis besetzten Österreich? Und ja, Freud habe vielleicht einiges überzeichnet. Für all jene, denen eine Analyse geholfen habe, sei es ein Affront, wenn Onfrey behaupte, Freud sei ein intellektueller Lügner gewesen, so Grimbert: «Onfrey hat recht, die Psychoanalyse heilt keine Menschen, sie rettet sie.»
Onfrey dürfte sich über die ganze Aufregung ins Fäustchen lachen. Sein Buch hat sich in den ersten 10 Tagen bereits über 40'000-mal verkauft und steht auf der Bestseller-Liste. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.05.2010, 14:45 Uhr
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28 Kommentare
Psychoanalyse ist keine Wissenschaft, und der Vergleich mit der Homoeopathie ist treffend. Es kann auch jeder von beiden halten, was er will. Jedoch: Wenn ich gezwungen werde, als Krankenkassen-Praemienzahler und als Steuerzahler diesen Hokuspokus zwangsweise mitfinanzieren zu muessen, hoert bei mir das Verstaendnis und der Spass auf. Wenns mich nichts kostet, nehm ich mir alles! Freud herrscht... Antworten
"Die Psychiatrie ist in ihrer Praxis und in ihrer Theorie ein Machtinstrument der herrschenden Klasse. Schon im 18. Jahrhundert sah sich der Staat mit der Notwendigkeit konfrontiert, einige schwer unterscheidbare Personengruppen zu verwalten. Andererseits musste der Staat durch ein kollektives Kontroll-und Repressionssystem geschützt werden". (Giovanni Jervis, Kritisches Handbuch der Psychiatrie) Antworten
Da irrt sich dieser Autor, aber gewaltig. Ich habe in einer Phase der tiefen Depression die psychoanalytisch orientierte Kur erfahren können. Die Fortschritte in meiner seelischen Veränderung waren zwar langwierig und mühsam, dauerten, waren dafür aber anhaltend. Einsichten brauchen Überzeugungsarbeit, weil sie gegen Widerstand stehen. Die Psychoanalyse hat mir geholfen, klar zu kommen. Antworten
Die Forschung hat schon vor langer Zeit gezeigt, dass weder Psychoanalyse noch Homöopathie irgendeine (nicht Plazebo) heilende Wirkung bei psychischen bzw. physischen Leiden haben. Wieso es immer noch Leute gibt, die das nicht wahrhaben wollen, kann ich mir nur mit absoluter Unwissenheit in wissenschaftlichen Belangen erklären. Antworten
"...dass sein Werk im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts eine Wirkung ohnegleichen entfaltete, kann kaum jemand bestreiten." Dieses Argument gilt auch fuer Hitles "Mein Kampf" und fuer Maos Rotes Buch. Wirkungsgeschichte und inhaltliche Substanz oder Qualitaet sind zwei paar Schuhe. Psychologie ist auch heute keine Wissenschaft, sondern vielleicht ein teurer Blick in die Kristallkugel. Antworten
Es gibt neben der Psychoanalyse sehr viele andere Therapiemöglichkeiten. Lassen sie sich unbedingt vor einer Therapie über die verschiedenen Möglichkeiten der Behandlung informieren. Auch den Erfolg einer Therapie hat man im Übrigen evaluiert. Und lassen sie sich von einem angehenden Psychologen sagen: Psychoanalyse ist nicht gleich Psychologie. Antworten
Habe die Schulmedizin ausgeschöpft - Psychopharmaka, Dermatologen. Nichts war nachhaltig. Mit Homöopathie konnte ich die SSNRI cold turkey absetzen, Depressionen sind weg, sowie Hauptprobleme. Placebo Effekt? Da kann ich nur lachen... Zudem waren die Kosten (selbst bezahlt) ein Bruchteil derjenigen der sogenannten "Schulmedizin" (von der Krankenkasse übernommen). Antworten
@Tobias Lienhard: "ist der Grad der Enttäuschung bei der Psychologie über über alle Patienten und kurz oder lang wohl ziemlich nahe bei 100%" Heilung ist eben vielleicht unter den herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen prinzipiell gar nicht möglich - allenfalls behelfsmässige Anpassung, was entschieden nicht das selbe ist... Antworten
Es existieren meines Wissens keine Studien, welche klar und eindeutig den Beweis erbringen, dass die Psychoanalyse etwas bringt, und wenn ja, was. Sie kostet Unsummen, flattiert die Eitelkeit des Psychiaters und nährt narzistische Ansätze und Abhängigkeiten beim Patienten. Im übrigen ist ein Werk nicht deshalb gut, weil während eines Jahrhunderts viel zu viele blind hinter dem Credo herliefen. Antworten
@Lienhard Mannomann, woher hast du denn deine informationen? Aus der Bild? Wenn du Psychotherapie grundsätzlich nicht magst, ist das deine Meinung und somit ok. Dieses über einen Kamm aber ballern geht ja mal gar nicht. Vor allem wenn es erwiesenermaßen falsch ist. Antworten
Wenn man all die zufriedenen Patienten der Homöoptahie befragen würde, würde man Erstaunliches feststellen. Sie erzielt sehr viele Erfolge. Im Gegensatz dazu ist der Grad der Enttäuschung bei der Psychologie über über alle Patienten und kurz oder lang wohl ziemlich nahe bei 100%. Mehr als ein bisschen "Herz ausschütten" darf man tatsächlich nicht erwarten. Antworten
Wenn Freud ganz und gar unrecht gehabt hätte mit seiner Entdeckung von Zusammenhängen des Unbewussten mit dem Bewussten, dann müssten aber zuerst mal alle Religionen ganz schnell zusammenpacken! Noch heute weigern sich viele Leute, Zusammenhänge zu sehen zwischen Gewalt und Sexualität (was mehr bedeutet als nur penetrieren!). Dies ist eben einfacher. Antworten
Es wäre schön wenn Onfrey auch betonen würde;das man vor der Freud Ära,die Patienten mit Elektroschocks und mit bestimmten Gewaltanwendungen "heilen" wollte.Freuds Psychoanalyse-Lehre wurde damals Anno 1900 als "die richtige" humane Behandlung von Nervenkrankheiten akzeptiert. Erstaunlich,dass man kaum Notiz von C.Jung, Alfred A., J.Breuer Notiz nimmt, obwohl alle richtungsweisend bis heute waren. Antworten
Nun - zeitgemäss ist eine jahrelange Regressionstherapie nicht. Wiewohl der Psychoanalysenlehre eine Aktualisierung gut täte. In der Heilkunde gilt: wer dem Heilsuchenden nachhaltig helfen kann, ohne diesen in eine Abhängigkeit jedweder Couleur zu bringen oder zu belassen, der heilt! Dies geschieht stets persönlich und nicht einfach nur durch Anwendung einer Methode, eines Paradigmas oder Präps. Antworten
Dass die Psychoanalyse verteufelt wird, ist nichts Neues, es überrascht aber die Energie, mit welcher das nach mehr als 100 Jahren psychoanalytischer Forschung, Entwicklung, Verbreitung und Popularisierung noch immer geschieht. Man könnte ja meinen, wir lebten noch im Mittelalter, als es noch eine dominante Meinung zu allem gab, dabei hat sich ja auch das Feld der Psychoanalyse stark pluralisiert. Antworten
Völlig einverstanden, hab die kümmerlichen Versuche von Freudschülern an der eigenen Psyche erlebt, keine Hilfe. 30 Jare später Burnout, Diagnose bipolar 2-Störung (manisch depressiv), mit Hilfe von Medis geheilt und folgerichtig ein Fall für die IV. Jetzt glücklich und aktiv, 64-jährig und Freude an den nächsten 30 Jahren. Antworten
Zu seiner Zeit galt Freud als einer der besten Schriftsteller Österreichs. Sicher hat er unser aller Denken geprägt. Frustration, Unterbewusstes, Über-Ich, Sublimierung und viele damit verbundene Konzepte sind zum Allgemeingut geworden. Ob er damit jemand geholfen hat? Sicher hat eer die Welt neu geordnet, denn jedes begriffliche System ordnet die Welt. Antworten
Man kann sich auch fragen, ob denn die "Psychoanalyse" den Leuten geholfen hat oder nicht schlicht und einfach die Tatsache, dass da eine Person (Therapeut) war, die zugehört hat, einen ernst genommen hat, von der man sich akzeptiert gefühlt hatte, bei der man sein Herz ausschütten konnte. Dasselbe würde demnach auch für andere Therapierichtungen gelten. Die Psychoanalyse einfach eine Mythologie? Antworten
psychologie heilt keine menschen. und retten tut sie die menschen schon gar nicht. sie narkotisiert sie. es ist eine beruhigungstablette. sie zeigt quasi den richtigen weg, aber schauen sie sich die chronologie der ehen an, die psycholgen in anspruch nahmen, katastroph`opfer, etc. REDEN sie mal mit denen. was aber VIEL interessanter ist: schauen sie sich mal die psychologen/iater an. best actor Antworten








Blaser Urs-Peter
Alle Achtung. Ein philosofischer Emporkömmling weiss die PR-Maschinerie in Funktion zu setzen. Hauptsache die Kasse stimmt. Ohne marktschreiende Behauptungen kein Umsatz. Selbst dann, wenn im übrigen Teilwahrheiten und Mist vermarktet wird. Lasst doch Psychoanalyse und Homöopathie am Leben, denn heilen tut sich ohnehin der Patient selbst...oder er stirbt, aber dafür glücklich. Antworten