Kultur

Fortleben, auch nach dem Tod

Von Andrea Bollinger. Aktualisiert am 12.06.2009

Wenig bekannt sind die engen familiären Beziehungen Anne Franks zur Schweiz: Die Familie ihrer Tante lebte in Basel, wo sich ihr Cousin Buddy Elias bis heute ihrer Hinterlassenschaft widmet.

Der Basler Schauspieler und langjährige Show-Eisläufer Buddy Elias mit einem Foto seiner Cousine Anne Frank.

Der Basler Schauspieler und langjährige Show-Eisläufer Buddy Elias mit einem Foto seiner Cousine Anne Frank.

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Das Tagebuch

Anne Frank: Tagebuch. Fassung von Otto H. Frank und Mirjam Pressler. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt 2001. 315 S., Fr. 15.–.
Zum Anne-Frank-Fonds siehe www.annefrank.ch.

Ein schwüler Nachmittag im Mai, ein Gewitter dräut über der Herbstgasse, einer ruhigen Seitenstrasse mitten in Basel. Gepflegte Häuser, Rosenbüsche. Eine der Blumen ist nach der wohl berühmtesten Tagebuchschreiberin der Welt benannt: die Anne-Frank-Rose. Im Haus, das sie schmückt, lebt Anne Franks Cousin, der Schauspieler und Präsident des Anne-Frank-Fonds, Buddy Elias. Heute wäre seine Cousine 80 Jahre alt geworden, Anlass für Gedenkveranstaltungen in Deutschland, ihrem Geburtsland, und Holland, ihrer Zufluchtsstätte bis zu jenem Tag im August 1944, als die untergetauchte Familie verraten und verhaftet wurde.

Überall wird er dabei sein, in Berlin, Amsterdam, Bergen-Belsen. Dennoch nimmt er sich Zeit für ein Gespräch über Anne. Das Wohnzimmer des Hauses ist übervoll mit Erinnerungen an die verschwägerten Familien Frank und Elias. Beide waren verankert im liberalen deutsch-jüdischen Milieu der Stadt Frankfurt am Main. Buddy Elias hat Frankfurt als Kind verlassen, weil sein Vater 1931 die Filiale einer deutschen Firma in Basel übernommen hat. Ölbilder zeigen Porträts, zum Beispiel von Alice Frank, der Mutter von Anne Franks Vater Otto. Daneben gerahmte Fotografien von Anne mit ihren Eltern, mit ihrer Schwester Margot.

Ein Platz in Birsfelden

Beim Tee auf der Veranda spricht Buddy Elias davon, dass nun zum ersten Mal in der Schweiz ein Platz nach Anne Frank benannt werden soll – in Birsfelden, dem Ort nahe Basel, wo Otto Frank seit Anfang der Sechzigerjahre gewohnt hatte und wo er auch begraben liegt. Otto Frank, der nach seiner Befreiung aus Auschwitz erfahren musste, dass seine Frau und die beiden Töchter den Nazi-Terror nicht überlebt hatten. Anne und Margot starben wenige Monate vor Kriegsende in Bergen-Belsen an Typhus.

Einige Male hat die Familie Frank vor dem Krieg ihre Verwandten in Basel besucht. Buddy Elias erinnert sich an seine Cousine als ein aufgewecktes, fantasiebegabtes Mädchen, mit dem er oft «Theäterlis» spielte. Einmal habe sie ihn dazu gebracht, Grossmutters Kleider aus dem Wandschrank zu holen, sich zu verkleiden und die Oma zu imitieren. «Anne hat auch immer für Filmstars geschwärmt», erzählt Buddy Elias. In ihrem Tagebuch beschreibt sie, wie sie aus Filmmagazinen Schauspielerfotos ausschnitt und damit die Wände ihres Zimmerchens im Amsterdamer Versteck tapezierte. Und wie sehr sie darunter litt, keine Kinovorstellungen mehr besuchen zu können.

Eine zweite gemeinsame Leidenschaft von Cousin und Cousine war das Eislaufen. «Einmal bin ich mit Margot in Adelboden zum Eislaufen gegangen, aber in jenen Ferien war Anne leider nicht dabei», sagt Elias, der später jahrelang in der Show «Holiday on Ice» auftrat. Anne hat noch erfahren, dass der Basler Cousin sich für eine Karriere als Schauspieler und Show-Eisläufer entschieden hat.

Illusion der Sicherheit

Otto Frank entschloss sich einige Monate nach Hitlers Machtergreifung 1933, Deutschland zu verlassen und nach Amsterdam zu ziehen, wo er geschäftliche Verbindungen hatte. Aber 1940 besetzten die Deutschen Holland, die vermeintliche Sicherheit erwies sich als Illusion, und im Juli 1942 musste sich die Familie Frank zusammen mit vier weiteren Leidensgenossen im Hinterhaus von Otto Franks Geschäftsliegenschaft vor der Gestapo verstecken.

Im Oktober desselben Jahres träumt sich Anne in ihrem Tagebuch weit weg: «Ich stelle mir jetzt vor, dass ich in die Schweiz gehe.» Nach Basel, zu Cousin Bernhard, den alle Buddy nennen, ausser Anne, sie nennt ihn «Bernd». Dann, fantasiert sie, geht sie «mit Bernd los», zum Einkaufen. Natürlich darf das Instrumentarium für das gemeinsame Hobby nicht fehlen: «1 Eiskostüm, 1 Paar Schlittschuhe . . .»

Das Tagebuch, Freundin «Kitty»

Anne Franks Tagebuch – ein Geburtstagsgeschenk, wenige Wochen vor dem überhasteten Untertauchen. Niemand ahnt, was ihr dieses Buch bedeuten wird in den endlosen Monaten im engen Versteck, ohne gleichaltrige Freunde. Sie erklärt kurzerhand ihr Tagebuch zu ihrer Freundin und gibt ihm den Namen «Kitty». Alles, was sie mit der älteren Schwester, den Eltern, den anderen Untergetauchten nicht bereden kann, vertraut sie nun «Kitty» an. Sie beschreibt detailliert die Tagesabläufe im Versteck, die qualvolle Enge, die Spannungen, die daraus entstehen. Sie gibt auch die Diskussionen der Erwachsenen über die Tagespolitik wieder, macht das Tagebuch so zu einem Zeitdokument ersten Ranges.

Der Traum vom eigenen Beruf

Noch berührender aber sind ihre eigenen Gedanken, der unglaubliche Reifeprozess, den sie, auf sich selbst zurückgeworfen, in dem Versteck durchlebt – vom Kind zum nachdenklichen, klug beobachtenden und urteilenden jungen Menschen. Eindrücklich für eine kaum Fünfzehnjährige sind ihre Gedanken zur Frauenemanzipation. Trotz aufkeimenden Depressionen zwingt sie sich zum Lernen (Helfer schaffen Bücher herbei), denn sie will «weiterkommen». Sie kann sich nicht vorstellen, so zu leben wie ihre Mutter und die anderen Hausfrauen aus ihrem ehemaligen Bekanntenkreis. Eine Familie gründen möchte sie, daneben aber Beruf oder Berufung haben, «etwas, dem ich mich ganz widmen kann» – am liebsten eben das Schreiben, als Autorin oder Journalistin.

«Das wäre sie geworden, wenn sie überlebt hätte», zeigt sich Gerti Elias, Buddy Elias’ Gattin, überzeugt: «Eine Powerfrau.» Wie würde sich Buddy Elias seine Cousine heute, als 80-Jährige, vorstellen? «Als elegante Dame, mit schönem weissem Haar. Sie war immer so stolz auf ihr Haar. Es muss schrecklich für sie gewesen sein, als man es ihr abrasierte.» Eine treue Helferin der Familie fand Annes Aufzeichnungen. Nach dem Krieg drängten Freunde Otto Frank zur Veröffentlichung des Werks seiner Tochter. Es wurde zu einem der meistgelesenen Bücher der Welt.

Das Gewitter hat sich verzogen an der Herbstgasse, wo Anne Frank glückliche Tage verbrachte. «Ich will fortleben, auch nach meinem Tod», schrieb sie im März 1944 in ihr Tagebuch. Dies zumindest ist dem mutigen Mädchen, das noch so viele Pläne hatte, gelungen. Auf eindrückliche Weise.

(Der Bund)

Erstellt: 12.06.2009, 11:42 Uhr

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