Festgefroren im sibirischen Eis
Von Guido Kalberer. Aktualisiert am 27.05.2010
Das Buch
Warlam Schalamow: Künstler der Schaufel. Erzählungen aus Kolyma 3. Aus dem Russischen von Gabriele Leupold. Mit einem Nachwort von Michail Ryklin. Matthes & Seitz. 605 S., ca. 50 Fr.
Es ist nun schon der dritte Band der «Erzählungen aus Kolyma», und so was wie Gewöhnung will sich einfach nicht einstellen! Fast atemlos folgt man den Berichten aus den sibirischen Lagern, friert und leidet mit den Gefangenen mit, die völlig der Willkür der Leiter und Aufseher ausgesetzt sind. Jedes Wort kann das letzte sein und jeder Schritt ein tödlicher Fehltritt.
Dies wissen die Insassen, die so erschöpft sind, dass manche das nahe Ende als Erlösung herbeisehnen. Mit den Kräften schwindet die Hoffnung, dieser eiseskalten Hölle auf Erden zu entkommen. Die Grausamkeit ist Alltag: Folter, Mord und Totschlag üben auf die Zwangsarbeiter einen Terror aus, der Tag und Nacht andauert. Auch wer flüchtet, ist nicht gerettet: Wird man nicht gefasst, droht in den unwirtlichen Weiten dieses von Dauerfrost überzogenen Landstriches der sichere Tod durch Erfrieren oder Verhungern. «Von der Kolyma kann man nicht fliehen», heisst es in den Notizen des 1907 in Wologda geborenen Schriftstellers Warlam Schalamow, und dass es daher für die Flucht – wie für keine andere Expedition – schwierig sei, Kameraden zu finden.
Kampf ums Überleben
Bei den «Erzählungen aus Kolyma» handelt es sich eigentlich um Berichte, die sich der Materie in erschreckender Weise angleichen: Kalt und frostig, hart und ohne den Hauch einer Illusion schildert der wegen «konterrevolutionärer Agitation» in den äussersten Nordosten Sibiriens deportierte Warlam Schalamow die trostlose Situation in den Lagern: Solidarität unter den Gefangenen gibt es nicht, da jeder nur um sein eigenes Überleben kämpft; Hierarchien werden streng eingehalten, um die bescheidenen Privilegien zu sichern, und Denunzianten winken bei der Essensausgabe Sonderrationen.
Eine brutale, von mafiösen Ganovengruppen kontrollierte Hackordnung, NA wie es nur der rechtsfreie Raum eines Arbeits- oder Konzentrationslagers kennt, reduziert das Individuum auf die nackte Existenz («Homo sacer» nennt der italienische Philosoph Giorgio Agamben diesen vogelfreien Menschen, der die zahlreichen Lager des 20. Jahrhunderts bevölkerte). Schalamow ist so nahe am Geschehen, dass der Leser auf fast unheimliche Weise Anteil nimmt an dem moralischen Desaster, das sich nicht bloss «jenseits von Gut und Böse» abspielt, sondern «jenseits alles Menschlichen» überhaupt.
Die Waffe der Wehrlosen
«‹Hier sind deine Briefe, FaschistenAas!› Bogdanow riss die Briefe meiner Frau in Fetzen und warf sie in den brennenden Ofen, die Briefe, auf die ich mehr als zwei Jahre gewartet, auf die ich inmitten des Bluts, der Erschiessungen und der Schläge in den Goldbergwerken der Kolyma gewartet hatte.» Was auch immer der Gefangene sagt oder tut, er wird in jedem Fall unterliegen. Diese Ohnmacht spricht aus jeder Zeile der Erinnerungen, die Warlam Schalamow nach seiner Haftentlassung Ende der 50er-, Anfang der 60er-Jahre niedergeschrieben hat. Seine einzige Waffe ist die Ironie, «die Waffe der Wehrlosen».
Welche Tortur, die langen Jahre der Inhaftierung (von 1929 bis 1931 und von 1937 bis 1956) noch einmal Revue passieren zu lassen. Welche Befreiung wohl auch! Keine Spur von Altersmilde, keine Spur auch von Verklärung. Beschrieben wird eine Welt, in der die reine Gewalt das einzige Prinzip ist, dem alle gehorchen, ob sie wollen oder nicht, ob sie oben sind oder unten.
Die Willkür war im buchstäblichen Sinne omnipräsent: «Garanin ist einer der zahlreichen Henker Stalins, der zur rechten Zeit von einem anderen Henker umgebracht wurde.» Oder: «Viele von Krists Kameraden waren schon erschossen. Erschossen war auch der Untersuchungsführer.» Wer sich sicher wähnte in diesem wahnsinnigen Terrorsystem der totalen Verunsicherung, hatte die Rechnung ohne Stalin gemacht. Es konnte jeden und jede treffen, und das grundlos. So wie der Brigadier Herr über Leben und Tod der Arbeiter war, so war der grosse Führer Herr über Leben und Tod der Folterer. Schalamow, der von Henkern spricht, «die zufällig zu Opfern wurden», beschreibt in diesem Band die Jahre 1937 und 1938 – genau jene Zeit, die der in Frankfurt an der Oder lehrende Historiker Karl Schlögel in seinem grossartigen Buch «Terror und Traum. Moskau 1937» (Hanser-Verlag) akribisch untersucht; es lässt sich keine bessere Ergänzung zu Warlam Schalamow denken: Denn was in Kolyma passiert, wird im fernen Moskau entschieden.
Die Lektüre spricht auf einzigartige, extreme Weise die Sinne des Lesers an: «Ich dachte an nichts, und im Frost darf man auch an nichts denken – der Frost nimmt dir die Gedanken und verwandelt dich schnell und leicht in ein Tier.» Jeder Gang durch die kritisch beobachtende Meute der Aufseher und Gefangenen gerät zu einem Spiessrutenlauf: Was wollen sie heute von mir, haben sie etwa gesehen, dass ich unter dem Hemd ein Stück Brot versteckt habe? Doch nein, sie haben es auf meinen Schal abgesehen: «Ich knotete mir den Schal vor dem Einschlafen heroisch um den Hals und litt unter den Läusen, an die man sich nicht gewöhnen kann, so wenig wie man sich an die Kälte gewöhnen kann.»
Manches Bild lässt sich kaum mehr aus dem Gedächtnis löschen, etwa «wenn sich ein Wollpullover durch die dort eingenisteten Läuse von selbst bewegte». Oder die «kalte Luft, die sengend wie kochendes Wasser ist». Sensible Naturen muss man vor der Lektüre von Schalamows Berichten regelrecht warnen.
Kritik an den Ganoven
Im zweiten Teil dieses Bandes zeigt Warlam Schalamow, dass er auch ganz anders schreiben kann. Er analysiert in den «Skizzen der Verbrecherwelt» das System der Ganoven, das allen Lagern gemein war. Gefangene, die es mit viel Brutalität zu etwas gebracht haben in der Hierarchie der Verbannten. Da sie ohne jeden Skrupel oder Rücksicht auf Menschenleben agieren, kann Warlam Schalamow nicht verstehen, wie grosse russische Romanciers wie Dostojewski, Gogol oder Tschechow diese Gangster in romantischer Weise verklärten. Er wirft ihnen vor, durch die Heroisierung dieser Leute zu einem regelrechten Kult beigetragen zu haben. Die Frage, wie die Darstellung von Gewalt diese wiederum befördert, beschäftigt uns auch heute noch intensiv – nicht nur deshalb sind diese Ausführungen höchst aktuell und lesenswert.
«Kein Trost, nirgends. Doch das Menschenmögliche, das Literatur leisten kann, hat Schalamows lakonische Prosa erweitert», schreibt der renommierte Russlandkenner Ralph Dutli. Dass die Erzählungen auf diese schonungslose Weise nun auch die deutschsprachigen Leser erreichen, ist das Verdienst von Gabriele Leupold, die «Künstler der Schaufel» übersetzt hat. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.05.2010, 15:45 Uhr








