Es gibt auch die geistige Kernschmelze
Von Martin Ebel. Aktualisiert am 12.05.2011 1 Kommentar
Daniel de Roulet: Geboren in Genf 1944, lebt in Frankreich. Zahlreiche Romane und Essays. 1975 verübte er einen Brandanschlag auf das Ferienhaus von Axel Springer in Gstaad.
Zum Buch
Daniel de Roulet: «Fukushima mon amour. Brief an eine japanische Freundin», Hoffmann&Campe, ISBN: 3-455-40352-2
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Der Reaktorunfall im japanischen Fukushima hat viele Befürworter der Atomkraft zu Gegnern gemacht. Daniel de Roulet gehört nicht zu diesen Konvertiten. Er hat vor einem Schweizer AKW demonstriert und vor dem schnellen Brüter im französischen Malville. Er hat Hiroshima und Nagasaki besucht, die von Atombomben zerstört wurden.
Aber nicht nur als Citoyen kämpft er gegen die Nukleartechnologie; das Thema durchzieht auch sein literarisches Werk. «La ligne bleue» erzählt von einem Anschlag auf den Informationspavillon eines Kernkraftwerks; Held des Romans «Gris-bleu» ist ein japanischer Ingenieur, dessen Grossmutter in Hiroshima verglüht war. «Kamikaze Mozart», 2007 erschienen und noch nicht ins Deutsche übersetzt, konfrontiert eine japanische Pianistin mit einem jungen Schweizer Ingenieur, der 1942 dabei hilft, das Atomprojekt der Amerikaner voranzubringen. Der Roman, an dem der Westschweizer Autor gerade arbeitet, wird «Fusion» heissen und um die beiden Atomphysiker Robert Oppenheimer und Andrei Sacharow kreisen.
Daniel de Roulet ist also keiner, der jetzt mal schnell auf ein galoppierendes Medienpferd aufspringt. Er ist auch sensibel für die Problematik, sich fremdes Leid literarisch anzueignen. Mehrfach hat er bei Lesungen und Begegnungen mit Japanern bemerkt, dass diese befremdet, wenn nicht verärgert über die künstlerische Zuwendung reagierten.
Und doch: Er hat es wieder getan. Seine neueste Publikation heisst «Fukushima mon amour», die Niederschrift trägt das Datum des 18. März, eine Woche nach dem Erdbeben, erschienen ist sie auf Französisch im April, auf Deutsch kommt sie am 12. Mai heraus. Schnell für ein Buch – und doch schneckenhaft langsam, gemessen an der Rasanz der Aktualität und jener Medien, die sich ihr technisch anpassen können.
Wo andere bloggen, schreibt Daniel de Roulet einen Brief. Einen waschechten Brief, stilistisch betrachtet, auch wenn er an die Empfängerin gemailt wird. Die Übermittlungstechnik hat keine Konsequenzen für Länge, Haltung und inneres Tempo des Textes. «Liebe Kayoko», fängt er an und fragt sich besorgt, ob die radioaktiven Winde Tokio erreichen werden. Wie der Leser weiss, ist die ganz grosse Katastrophe ausgeblieben; was passiert ist, ist schon schlimm genug.
«Du hast nichts gesehen»
Die genannte Kayoko ist offensichtlich eine japanische Schriftstellerin, die an einer amerikanischen Universität lehrt, aber auch in einer Bank arbeitet. Daniel de Roulet ruft ihr einen gemeinsamen Abend in Erinnerung, exakt ein Jahr zuvor, bei dem sie Sake getrunken und «das Fleisch der mit Bier gefütterten Rinder» («getränkten» träfe es wohl besser) gekostet haben. Er lässt seine Aktivitäten gegen AKW Revue passieren und seine Begegnungen mit Japanern.
Der Titel «Fukushima mon amour» bezieht sich auf den Roman von Marguerite Duras und dessen Verfilmung durch Alain Resnais. Dort versucht eine Französin, sich dem schwer getroffenen Hiroshima anzunähern, und bekommt von ihrem japanischen Gegenüber immer nur den Satz zu hören: «Tu n’as rien vu a Hiroshima» (der französische Titel von de Roulets Buch lehnt sich an diesen Satz an).
Mit all dem ist aber ein – wenn auch noch so schmales – Bändchen nicht zu füllen. Deshalb holt de Roulet zum grossen Schlag aus. Er setzt das havarierte Kraftwerk nicht nur in Bezug zu Hiroshima, sondern auch gleich noch zu Auschwitz. Die friedliche Nutzung der Kernenergie ist für ihn ebenso des Teufels wie die Freisetzung ihrer zerstörerischen Potenz in der Atombombe – und die im industriellen Massstab vollzogene Vernichtung von Menschenleben in den Lagern des Dritten Reichs. Eine absurde, nachgerade obszöne Parallele, die Unfall und Massentötung auf den gleichen Nenner bringt und damit jeden Techniker zum Mörder macht.
Sie ist dem Autor nicht einfach unterlaufen, seine ganze Argumentation läuft darauf zu. Er insistiert darauf. «Auschwitz ist für mich das absolute Grauen», schreibt er zwar, hält sich aber nicht daran. Denselben Organisations- und Kontrollwahn, der die geplante Vernichtung kennzeichnete, findet er auch in den Atomreaktoren, die er – wie fixiert auf eine Horrorarchitektur – in aller Welt besucht hat. «Vor diesen allzu perfekten Maschinen erfasst mich das gleiche Gefühl von Masslosigkeit, von menschlichem Wahnsinn, das ich in Sachsenhausen, in Dachau, in Auschwitz erlebt habe. Ich weiss, wie unverschämt es klingen mag, wenn ich sage, die Konzentrationslager seien die Monumente des Wahnsinns der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und die Atomkraftwerke jene der Masslosigkeit der zweiten Hälfte» – es klingt in der Tat unverschämt, und de Roulet schreibt es trotzdem.
Kurz darauf vergleicht er sich, der an der Alarminformatik eines AKW mitgearbeitet hat, mit einem jüdischen Schreiner, aus dessen Brettern die Baracken eines KZ gebaut wurden, in dem er dann selbst einsass. Es folgt unmittelbar der Satz: «Wir sind in die Falle gelaufen, haben an einem System mitgewirkt, von dem wir wussten, dass es einen grausamen Tod bringen wird, und hatten nur phasenweise den Mut, für unsere Ideale zu kämpfen.»
Genauer denken!
Manchmal hilft es schon, etwas genauer zu denken und nicht, vom eigenen Idealismus berauscht, alles mit allem zu vermengen. So etwa beim Besuch eines Restaurants, in dem «Tunesier, Ägypter und Libyer» essen gehen, diesmal aber auch eine «Familie aus Fernost»: «alle Unglücke des Augenblicks in einem Restaurant vereint». Nun, zumindest Tunesier und Ägypter würden sich das Etikett «Unglück» für ihren gesellschaftlichen Aufbruch wohl verbitten. Aber wer die eigene Gesellschaft als «totalitäres System» begreift, hat für solch feine Unterschiede kein Gespür. Und wer am Stacheldraht des Reaktors von Malville reflexartig an den Zaun von Auschwitz denkt, der ist einer fixen Idee verfallen – dass alles Schlimme, was auf der Welt geschieht, ungeachtet seiner Absicht, von der menschlichen Hybris kommt. Das ist aber eine so allgemeine und banale Kategorie, dass man auch gleich zur guten alten Erbsünde zurückkehren kann.
Man kann Daniel de Roulet nicht vorwerfen, dass er aus dem Reaktorunglück ein literarisches Geschäft hätte machen wollen. Dass er an diesem Thema intellektuell versagt: das schon.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.05.2011, 17:18 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
1 Kommentar
Dieser Artikel ruft in mir absolut widersprüchliche Empfindungen aus, ohne dass ich das Buch gelesen habe. Wer den Willen der AKW-Betreiber richtig einschätzt, darf tatsächlich Anleihen bei den KZ tätigen, weil AKW und deren Folgen bei Schäden vergleichbar sind. Geld heiligt nichts. Antworten

Bitte warten






