«Erst war ich sehr skeptisch»
Wohnt gemeinsam mit Ehemann Lukas Hartmann in Spiegel bei Bern: Simonetta Sommaruga. (Bild: Keystone )
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Herr Hartmann, bald erscheint Ihr neuer Roman. Leiden Sie?
Lukas Hartmann: Und wie. Es ist ja nie vorauszusehen, wie das Buch ankommt.
Nun ja, die meisten Ihrer Romane schafften es jeweils locker auf die Bestsellerliste.
Davon gehe ich nie aus – vielleicht aus Selbstschutz. Man gibt so viel von sich in ein Buch hinein, und wenns auf die Publikation zugeht, fühlt es sich wie eine offene Wunde an.
In Ihrem neuen Roman «Finsteres Glück» wird bei einem Autounfall die Familie eines kleinen Jungen ausgelöscht. Diesen Stoff haben Sie schon vor sieben Jahren aufgenommen, aber nie publiziert. Warum jetzt?
In den letzten zwei Jahren bin ich intensiv mit dem Thema Tod und Trauer konfrontiert worden. Es sind aber auch frühere Verlusterfahrungen eingeflossen. Als Schriftsteller kann ich solch prägende Erlebnisse verwandeln, indem ich eine Geschichte daraus gestalte. Vor sieben Jahren war es eine Zeitungsmeldung, die mich auf den Stoff gebracht hat. Die Figur des Jungen hat aber auch mit mir selbst zu tun, denn man wird wieder zu einem kleinen Kind, wenn man jemanden verliert.
Kommt man durchs Schreiben zu neuen Einsichten?
Durch die intensive Auseinandersetzung mit meinen Figuren erweitert sich jeweils mein Horizont. Und zwar im ganz grundsätzlichen Sinn, was Menschen ausmacht, was Menschen möglich ist, wozu sie fähig sind. Dadurch lerne ich zwangsläufig meine eigenen dunklen Seiten kennen. Vielleicht wollte ich in diesem Buch auch mir selbst beweisen, dass es möglich ist, das Schlimmste zu überleben und irgendwo wieder Fuss zu fassen.
Hat Schreiben also einen heilenden Nebeneffekt?
Schon. Ich merke aber oft erst im Nachhinein, warum ich ein Buch geschrieben habe. Wie bei diesem hier.
Dem eine tiefe Melancholie anhaftet.
Aber auch so etwas wie Hoffnung Ich habe beim Schreiben ein Zweiweltenprinzip: Meine Kinderbücher sind oft sehr übermütig und lustig. Meine Romane vielleicht eher schwerblütig. Und ich wünsche mir immer, dass ich einmal beides zusammenbringe.
Haben Sie das Gefühl, den Erwachsenenbüchern fehle etwas?
Denen fehlt immer etwas. Aber auch den Kinderbüchern. Gleichzeitig bin ich nicht sicher, ob ich es merken würde, sollte ich beides tatsächlich zusammenbringen.
Haben Sie heute eigentlich schon etwas geschrieben?
Ja. Wenn ich kann, schreibe ich jeden Tag, so von 9 bis 15 oder 16 Uhr. Es gibt Leute, die meinen, da könne ich ja genauso gut im Büro arbeiten. Doch genau das habe ich eben nicht gewählt. Als Schriftsteller bin ich privilegiert, mein Leben so zu gestalten, wie ich es mir wünsche. Dazu gehört aber auch eine verinnerlichte Selbstdisziplin.
Was antworten Schriftsteller beim Znacht auf die Frage «Wie war dein Tag?».
Es kann gut sein, dass ich mit meiner Frau über meine Figuren spreche. Manchmal mag ich auch gar nichts von meiner Arbeit erzählen, weil es noch zu früh ist. Oder ich will wissen, ob das Romanthema überhaupt jemanden interessiert. Und natürlich rede ich über ganz banale Alltagsdinge wie Sie auch.
Wird das Schreiben mit den Jahren immer schwieriger?
Nein, es schwankt. Es kommt ganz auf den Stoff an, auf meine innere Gestimmtheit, auf Ablenkungen, auf Reaktionen, auf vieles. Ich denke aber, dass ich heute besser erzählen kann als vor zwanzig Jahren. Die Gefahr der Routine ist mir dabei bewusst. Einen halben Satz, ein gewisses Bild nochmals zu verwenden, wäre einfach. Wenn ich glaube, etwas schon einmal geschrieben zu haben, schaue ich es nach. Man darf sich wiederholen, aber bitte in schönen Variationen.
Wo möchten Sie sich steigern?
Wahrscheinlich würde ich gern einmal ein wirklich gutes Buch schreiben Sie brauchen jetzt nicht zu lachen, ich kokettiere nicht. Ich entdecke immer wieder Textpassagen oder Gedankengänge, die mir einfach nicht besser gelingen wollten, obwohl ich vieles darangesetzt habe. Fontane ist mir da jeweils ein Trost, er hat seine besten Bücher erst mit über 70 geschrieben.
Was ist die grösste Angst des Schriftstellers?
Dass mich keine Stoffe mehr bedrängen. Und dass ich physisch nicht mehr zu schreiben fähig wäre. Das Schreiben ist ein Lebensstrom, und wenn dieser zu einem Rinnsal würde oder ganz abbrechen würde, kann ich mir nicht vorstellen, was wäre. Aber das konnte ich mir in meinem Leben bei vielem nicht vorstellen.
Sie liefern mir gerade das Stichwort: Ihre Frau Simonetta Sommaruga könnte bald Bundesrätin werden. Um welche Eigenschaften beneiden Sie sie?
Um ihren Mut, sich auf solche Weise auszusetzen. Und ich glaube, sie ist wesentlich teamfähiger als ich. Schriftsteller neigen dazu, Einzelgänger zu sein.
Was wird aus Ihrem Privatleben, sollte Ihre Frau gewählt werden?
Die Chance, Bundesrätin zu werden, hat meine Frau nur einmal im Leben. Und mir würde es ein hoch spannendes Beobachtungsfeld eröffnen und Insiderwissen liefern, das ich allerdings nicht verwenden dürfte. Oder vielleicht doch – mit achtzig. Aber im Ernst: Ich war am Anfang sehr skeptisch. Gleichzeitig bin ich es heute schon gewohnt, viel allein zu sein. Wenn meine Frau und ich uns sehen, pflegen wir einen sehr intensiven Austausch. Und diesen wollen wir unbedingt beibehalten – auch wenn sie gewählt wird.
Dann müssten Sie genau abwägen, worüber Sie schreiben. Politische Romanstoffe wären tabu.
Ich weiss, man würde es sofort als Schlüsselroman lesen. Aber diese Selbstzensur kenne ich schon, seit meine Frau in den Ständerat gewählt wurde. Viel schlimmer wäre, wenn man mich bloss als Herr Sommaruga wahrnehmen würde – der schreibende Gatte...
...dem gegenüber die Literaturkritik auf einmal sehr befangen sein könnte.
Das beschäftigt mich weniger. Es könnte übrigens auch das Gegenteil hervorrufen: Polemiken gegen meine Person. Aber zum Glück würde es an der Schweizer Grenze aufhören. (Berner Zeitung)
Erstellt: 21.08.2010, 22:18 Uhr






