Erst glühte sie für die Hitler-Jugend, heute ist sie eine Ikone des Widerstands
Von Alexandra Kedves. Aktualisiert am 11.06.2010 5 Kommentare
Buch
Barbara Beuys: Sophie Scholl. Hanser. 494 Seiten, ca. 44 Fr.
Nach sechs Sekunden ist es vorbei: Sophie Scholls Leben findet am 22. Februar 1943 um 17 Uhr durch die «Fallschwertmaschine» im Gefängnis München-Stadelheim sein Ende. Um 17.02 stirbt ihr Bruder Hans, um 17.05 ihr Mitstreiter Christoph Probst. «Es lebe die Freiheit!», lauteten die letzten Worte von Hans Scholl. Und «Freiheit, FREIHEIT» hatte seine Schwester Sophie unbemerkt auf die Rückseite der Anklageakten geschrieben. Erst Jahrzehnte nach der Hinrichtung wurde dieses Vermächtnis der 21-Jährigen entdeckt: ein weiterer Baustein im Mythos Weisse Rose. Heute gibt es kaum eine Stadt in Deutschland ohne Geschwister-Scholl-Schule, und am Eingang der Maximilians-Universität München erinnern steinerne Flugblätter an den Widerstand der Geschwister.
Nun hat die Publizistin Barbara Beuys Sophie Scholls Weg vom begeisterten Jungmädel Hitlers zur scharfen Kritikerin des Naziregimes nachgezeichnet. Sie zeigt uns einen grossen Menschen in all seiner Widersprüchlichkeit. Grundlage für das komplexe Bild ist der immense Nachlass der älteren Schwester Inge Aicher-Scholl, die von Briefen der Grosseltern über die Tagebücher der Familienmitglieder bis hin zu Schulzeugnissen alles sammelte. Das Institut für Zeitgeschichte in München hat die Dokumente erschlossen, und Beuys nutzt sie als Erste – für ihre nachempfindend verfasste Biografie «Sophie Scholl».
Ausführlichkeit und Nachempfindung: Das sind die Qualitäten des 500-seitigen Bandes. Das Buch ist ein Protokoll des seelischen Pulsschlags der heranwachsenden Widerstandskämpferin, ihres unbedingten Willens, unabhängig zu sein – auch als Frau in einer Männerwelt. Besonders aber das Ringen um den richtigen Glauben bestimmt den Weg der Scholl-Geschwister, führt sie erst in die Naziideologie hinein und dann aus ihr heraus. Denn die evangelische Prägung machte sie offen für die Gemeinschaftserlebnisse in den NS-Jugendorganisationen, obwohl die Eltern Scholl – er ein Liberaler, sie eine ehemalige Diakonisse – Hitler kritisch begegneten. Die katholische Kirche hielt dem Druck der Nazis länger stand, und mit ihrer Theologie sollten sich die jungen Scholls, inspiriert durch ihren Freund Otl Aicher, intensiv beschäftigen.
Um 1938 kippte die braune Gesinnung des Mädchens, für das der Geburtsort Forchtenberg ein Paradies war und das nach dem Umzug nach Ulm politisiert wurde; genau datieren lässt sich der Moment des Umschlags nicht. Ihre Karriere von der Jungmädelschaftsführerin (1935), Scharführerin (1936), Gruppenführerin (1937/38) erhielt Ende der Dreissiger einen Knick; es gab Differenzen in der BDM-Gruppe, zudem wurden die Geschwister Sophies kurz verhaftet. Aber die BDM-Abende besuchte Sophie Scholl dennoch ohne Not bis 1941.
«Man muss die Widersprüche stehen lassen, so unbefriedigend es ist», räumt Beuys ein. Sophie Scholls Briefe am Tag nach der «Reichskristallnacht» etwa beschäftigen sich nicht mit dem braunen Terror, sondern mit Beziehungs- und Selbstfindungswehen. Sie war keine Heilige, sondern in vieler Hinsicht eine ganz normale Jugendliche.
Das letzte Rätsel bleibt ungelöst
Eben da haben Beuys’ Ausführlichkeit und Nachempfindung auch ihre Kehrseite. So erfahren wir alles, wirklich alles über Sophies Irrungen und Wirrungen um die Liebe zum Soldaten Fritz Hartnagel: Jedes Kärtchen, das sie abschickte oder auch nicht, wird bis ins Kleinste referiert und interpretiert. Derweil man sich durchs Weh des Teenies quält, schrumpft einem die kluge junge Frau leider stellenweise zur theologisch beschlagenen Neurotikerin.
Sie kennt ihren Augustinus und den Renouveau catholique, man liest und schreibt im «Aicher-Scholl-Bund» über Theologisches, und die winzigste Seelenzuckung wird durchphilosophiert; die Biografie hätte hier durch stärkeres Bündeln gewonnen. Eine klare Kontur wird auch durch die merkwürdigen Vergleiche mit den Widerstandskämpfern Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Dietrich Bonhoeffer nicht geschaffen: Beuys’ grosse Bögen halten nicht.
Gerne hätten wir dagegen noch mehr über die Genese der Weissen Rose gelesen; wobei Beuys hier die offenen Fragen der Geschichte anspricht: Über die letzten Monate der Münchner Studentin weiss man weniger. Erschöpfung machte Sophie Scholl reizbar. Vervielfältigen, Briefe eintüten, adressieren, heimlich verschicken – bei den Scholls wurde rund um die Uhr gearbeitet, und Sophie Scholl wurde noch stiller. Ab wann sie vom Widerstand ihres Bruders wusste, lässt sich nicht sicher sagen. Auch das letzte Rätsel wird nicht gelöst: Warum sind die beiden Scholls an jenem Februarmorgen wieder ins Universitätsgebäude zurückgekehrt, nachdem sie die Flugblätter bereits dort deponiert hatten? Und warum liessen sie sich widerstandslos von einem Hausschlosser abführen? War es Übermut, eine Fehleinschätzung, ein Fanal in aussichtsloser Lage (schliesslich hatten alle Aktionen nichts angestossen). Die Fragen bleiben; das Vermächtnis auch. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.06.2010, 12:13 Uhr
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5 Kommentare
Tragische ist, dass wir wieder in einer Zeit leben, in der die moralische Blindheit herrscht. Unmoral. Da werden alle schönen Werte auf die Schlachtbank geführt. Und wieder hat "Niemand" etwas gesehen, gewusst. Siehe aktuelle Kriege, entfesselt von komplett Wahnsinnigen, im Namen des Friedens. Die Kriegsmuster die ablaufen, wiederholen sich immer wieder, in neuerer Zeit, dank Medienmanipulation. Antworten
Ob das Leben von Sopie Scholl widersprüchlich war... ein junger Mensch eben, der zu seinen Ueberzeugungen heranreifte... sie war ihrer Zeit voraus... vergessen wir nicht, dass wir heute auch solch mutige Menschen unter uns haben, die für den Frieden z.Bsp. in Palästina/Israel kämpfen und grössenteils unerkannt sind! Machen wir die Augen auf, hören wir was dort geschieht: jetzt - nicht in 20 Jahren Antworten
"Sie war keine Heilige, sondern in vieler Hinsicht eine ganz normale Jugendliche." - gerade diese Aussage ist die wichtigste Erkenntnis: Jede/r kann und soll im richtigen Moment den Widerstand leben = Zivilcourage. Und lobenswert auch die Gewaltlosigkeit des Widerstands ... wären es mehr gewesen, dann wäre der erfolg sicher gewesen (à la Gandhi). Sich ein(unter)ordnen scheint (!) einfacher! Antworten
für jeden, der sich für biographien aus dieser zeit interessiert, ist das buch "Das denkende Herz" zu empfehlen. ein zutiefst berührendes tagebuch, geschrieben von Etty Hillesum, einer jungen holländerin mit jüdischen wurzeln, die in einem KZ umkam. leider ist ihr tagebuch nie so bekannt geworden wie die von anne frank, meines erachtens sehr zu unrecht. Antworten







Fritz Nussbaumer
Wer damals wissen wollte, konnte wissen. Wer heute wissen will, kann wissen. Es ist aber unendlich schwer, für seine Weltanschauung einzustehen, wenn man eingetrichtert bekommt, dass die Geburt reiner Zufall und der Tod endgültig ist bis zum jüngsten Tag. Erst die Gewissheit einer Reinkarnation macht die freie Tat möglich. Antworten