Er will, dass die Sprache «scheppert»

Roland Reichen erzählt er in einer bewusst defekten Sprache von Benachteiligten und psychisch Kranken. Am Dienstag erhält er einen Buchpreis des Kantons Bern.

        Ein Meister der Sprachverstümmelung: Der Spiezer Roland Reichen.

Ein Meister der Sprachverstümmelung: Der Spiezer Roland Reichen. Bild: zvg

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In seinem kurzen Leben wird der Fieder nie wirklich Boden unter die Füsse bekommen. Er wächst zusammen mit einem Bruder in einem unwirtlichen, engen Berner Oberländer Tal auf, das Krutzhüttli steht mitten auf morastigem Schwemmboden: Sundergrund heisst der Unort, ein Grund ohne Grund.

«Sundergrund» heisst auch der zweite Roman des 41-jährigen Roland Reichen. Dieser Fieder infiziert sich durch eine dreckige Nadel mit dem «Käfer» und muss an seiner eigenen «Grebt» wegen eines fehlenden «CD-Pleiers» in der Kirche sogar auf sein Lieblingslied verzichten: «Uad ä ­uandrful Uörld».

Der gebürtige Spiezer Roland Reichen stammt aus einer Arbeiterfamilie. Er ist promovierter Literaturwissenschaftler und sorgte 2006 mit seinem im fiktiven Dorf Brasiwil angesiedelten Debüt «Aufgrochsen» (Bilgerverlag) – einer Mischung aus Fluchen, Seufzen und Spucken – für einiges Aufsehen. Kritiker warfen ihm vor, er veranstalte eine Freak­show, verrate seine Figuren und gebe sie der Lächerlichkeit preis. Reichen erntete aber auch Anerkennung für seinen Versuch, in der defekten Sprache die existenzielle Misere seiner Aussenseiter zu spiegeln.

Im Dorfroman «Aufgrochsen» leiden der wegen einer unbehandelten Hirnhautentzündung verblödete Bub und das klumpfüssige Friedli unter Gewalt und Frömmelei, sie werden zwangsverheiratet und geben ihre eigenen Beschädigungen weiter an ihre Kinder. Der im Berner Verlag Edition Taberna Kritika erschienene zweite Roman «Sundergrund» liest sich acht Jahre später wie eine konsequente Fortschreibung der im Erstling mit einer gewissen inneren Notwendigkeit umgesetzten Sprachverstümmelung.

Die Stimme der «Mönschli»

Wie «Aufgrochsen» erzählt auch ­«Sundergrund» von sozial Benachteiligten, von Drogensüchtigen und psychisch Kranken. «Es sind Menschen, die den gesellschaftlichen Normen nicht entsprechen können», sagt Roland Reichen. Er habe deshalb gewollt, «dass dieser soziale Konflikt, in dem meine Figuren stehen, auch in der Sprache des Romans zum Ausdruck kommt».

Bei Roland Reichen haben diese «Mönschli» am Rande der Gesellschaft eine Stimme, auch wenn ihre verkümmerte Sprache keinen Ausweg weist. Reichen, der «persönliche Betroffenheit» als Antrieb für seine schriftstellerische Arbeit nennt, sucht diese «Mönschli» auch als Lesepublikum auf: Im vergangenen Jahr las er etwa an einer Berner Heroinabgabestelle aus «Sundergrund» vor.

Auf die Idee, Hochsprache und Dialekt zu mischen, hat ihn während seines Studiums an der Universität Bern die österreichische Nachkriegsliteratur gebracht, Autorinnen und Autoren wie die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek oder der früh verstorbene Werner Schwab. Reichen zitiert denn auch Schwab, wenn er sagt: «Ich wollte, dass die Sprache ‹scheppert›.» Im Vergleich zu «Aufgrochsen» hat er Dialekt und Hochsprache in «Sundergrund» noch stärker vermischt, die Dosis an syntaktischen Missbildungen und Mundart-Stolpersteinen noch einmal erhöht.

Mit sage und schreibe 850 fortlaufend unten auf den Seiten aufgeführten Fussnoten bewegt sich der Text denn auch – zumindest was den Anmerkungsapparat anbelangt – quantitativ auf dem Niveau einer Dissertation. Reichen selber betrachtet «Sundergrund» als «organische Fortsetzung» seines Debüts. Während acht Jahren arbeitete er an seinem «Romänli» oder «Büechli», wie er den Roman selber nennt. «Ich habe noch einiges Material zu ‹Sundergrund›, das ich im Roman nicht unterbringen konnte. Daraus entstehen momentan Kurzgeschichten.»

Napoleon und der Bauernknecht

Ende Jahr möchte Roland Reichen einen neuen Roman über einen historischen Stoff beginnen; im Zentrum steht ein Bauernknecht aus dem Berner Mittelland, der für die Armee Napoleons zwangsrekrutiert wird. An der Universität Bern arbeitet Reichen an der historisch-kritischen Jeremias-Gotthelf-Gesamtausgabe mit. Gegen Ende seines Studiums, als er wieder einmal Gotthelf las, wurde ihm bewusst, dass es mit dem Emmentaler Pfarrer auch in der Schweizer Literatur eine lange Tradition des Dialektgebrauchs gibt. Bei der Stoffwahl für seinen neuen Roman habe die Arbeit an der Gotthelf-Gesamtausgabe durchaus eine Rolle gespielt: «Gotthelfs Bruder Fritz starb als Söldner in fremden Diensten.»

Neben seiner Tätigkeit als Autor und als wissenschaftlicher Mitarbeiter bildet Reichen zusammen mit den beiden Schriftstellerkollegen Hartmut Abendschein und Christian de Simoni die Formation Hybrido Unreim. Hinter ihren Auftritten steckt die Absicht, nicht nur aus ihren Büchern zu lesen, sondern auch Quellen und Einflüsse offenzulegen, die sie beim Schreiben inspiriert haben: andere Texte, Archivfunde, Gegenstände oder Fotos. Im neuen Programm «Es schläft ein Lied in allen Dingen» – unter anderem am 18. Oktober im Kulturlokal Ono in Bern – stehen musikalische Einflüsse im Zentrum. «In ‹Sundergrund› haben die Trash-Metal-Band Slayer und der österreichische Schlagersänger Hansi Hinterseer eine gewisse Rolle gespielt», sagt Reichen. «Womöglich werde ich im neuen Programm einen Ausschnitt aus ‹Des Fahren mit die Schi› vorsingen.» (Der Bund)

Erstellt: 23.06.2015, 08:20 Uhr

Kantonale Literaturpreise

Das Amt für Kultur des Kantons Bern und die kantonale deutschsprachige Literaturkommission verleihen 2015 fünf Literaturpreise für herausragende literarische Arbeiten. Ausgezeichnet werden neben Roland Reichen Lukas Bärfuss, Michael Fehr, Rolf Hermann und Guy Krneta. Zwei Anerkennungspreise gehen an Fitzgerald & Rimini und die Ludwig-Hohl-Biografin Anna Stüssi. Die Preisverleihung findet heute um 19.30 Uhr in der Dampfzentrale Bern statt. Sie ist öffentlich, der Eintritt frei.

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