Kultur

Enfant fatale

Von Rico Bandle. Aktualisiert am 08.03.2010 11 Kommentare

Helene Hegemann wurde gerade erst 18 und ist die umstrittenste Figur im deutschsprachigen Literaturbetrieb. In Zürich standen die Leute noch um 22 Uhr Schlange, um ihr zuzuhören.

Will nichts von einem Plagiat wissen: Helene Hegemann im Gespräch mit Stefan Zweifel im Theater Neumarkt. (Video: rb)

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Birgit Minichmayr liest aus Helene Hegemanns «Axolotl Roadkill» im Theater Neumarkt:

Anfang Jahr in Berlin: Eine 17-Jährige Autorin gibt ein Buch über das Innenleben junger Stadtmenschen, über Drogen und Sex heraus – und die Kritiker der angesehensten Zeitungen brechen einstimmig in Jubelstimmung aus – was wohl mehr mit Fantasien zu tun hat, die die junge Autorin bei den zumeist männlichen Kritikern geweckt hatte, als mit dem zum Teil rüden und direkten Strassenslang im Buch.

Dann kommt heraus, dass Helene Hegemann zumindest auf einer Buchseite aus einem fremden Werk kopiert hatte. Die Begeisterung schlägt in Wut über: Das «Wunderkind» ist als «Betrügerin» enttarnt! Die Zeitungen analysieren den Fall tagelang. Für viele Leser wird Hegemann dadurch erst recht zur Heldin, und Harald Schmidt lädt sie als Krönung in seine Sendung ein.

«Nicht ganz auf der Höhe liegende Fragen»

Letzten Samstag in Zürich: Der Superstar ist im Zürcher Theater Neumarkt zu Gast. Noch um 22 Uhr, Lesung und Diskussion hätten bereits beginnen sollen, stehen die Leute vor der Billettkasse Schlange. Alle wollen sie sehen, die Frau, die angeblich den «grossen Roman einer Generation» geschrieben hatte und den ganzen Literaturbetrieb in Wallung brachte. Vorerst überlässt sie die Bühne der Schauspielerin Birgit Minichmayr, die einige Passagen aus ihrem Buch liest, dann setzt sie sich selbst dem Publikum aus und – das Erstaunlichste an dem Abend – bringt den Moderatoren Stefan Zweifel dermassen ins Schleudern, dass er sich am Schluss ihr zuwendet und sagt: «Ich entschuldige mich für meine nicht ganz auf der Höhe liegenden Fragen.»

Zweifel, bekannt als Kritiker im SF-«Literaturclub» und als Vorzeigeintellektueller an jedem Anlass und in jeder Publikation gerne gesehen, sorgt bei der Autorin schon mit der ersten Bemerkung für Stirnrunzeln. Er wolle mit ihr über das Buch reden, falls es denn überhaupt ein Buch sei, meint er, das Buch in der Hand haltend. Zweifel bringt den Roman in Verbindung mit grossen Werken der Weltliteratur, immer wieder fällt der Name Rimbaud. Hegemann sitzt stumm da und kann nur staunen darüber, was da alles in ihr Buch hineininterpretiert wird.

Hegemann will keinen Roman mehr schreiben

Die ganze Unbeholfenheit der Literaturkritik mit diesem Werk kommen in den ausschweifenden, zwanghaft hochgestochen Fragestellungen Zweifels zu Tage. Als Hegemann nach einer endlosen Formulierung Zweifels antwortet, «Ich weiss nicht, worauf Sie mit der Frage aus sind», erntet sie den Applaus des Publikums. Als Zweifel den doch ziemlich abstrakten Gedanken aufwirft, «Es stellt sich natürlich die Frage: Was ist das für ein Ich, das das Buch geschrieben hat?», kann sie nichts anderes sagen als: «Ja, ja, ich habe das Buch geschrieben.» Die Sympathien hat sie damit rasch auf ihrer Seite.

Nach wenigen Fragen, fast als Rechtfertigung, meint Zweifel: «Ich habe mich noch nie so schlecht gefühlt, vor und während eines Gesprächs.» Zweifel ist aber nicht etwa gesundheitlich angeschlagen, als Grund für sein Unwohlsein nennt er die missliche Lage, in der sich Hegemann wegen der Plagiatsvorwürfe befindet. Beim Wort Plagiat kommt Hegemann erstmals so richtig in Redefluss. Sie streitet ab, dass es sich bei ihrem Fall um ein solches handelt, redet von einer «riesigen Seifenblase», juristisch sei dies alles nicht haltbar, es werde demnächst gerichtlich verboten, ihr Buch als Plagiat zu bezeichnen. Dass ein Plagiat nicht bloss eine juristische Angelegenheit ist, bleibt unerwähnt. Zweifel hakt nicht nach, weshalb soll er auch, er findet die Plagiatsdebatte «uninteressant» und «obszön».

Hegemann erzählt gerne, was sie alles nicht sein will: Keine «Copy/Paste-Gallionsfigur», keine «authentische Kuh» und in Zukunft auch keine Schriftstellerin mehr, zumindest was Prosatexte anbelangt. «Das langweilt mich zu Tode», sagt sie, Prosa zu schreiben sei zu «autistisch». Ganz im Gegensatz zum Schreiben von Drehbüchern oder Theaterstücken, da kämen Schauspieler und Regisseure hinzu, die die eigene Arbeit weiterführten. Aber eigentlich würde sie beruflich am liebsten gar nichts mehr mit Schreiben zu tun haben, sie denke an eine Jura-Studium. Und spricht aus, was sich viele Beobachter schon lange gedacht haben: «Ich habe einen eigenen Sinn für Gerechtigkeit entwickelt.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.03.2010, 11:24 Uhr

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11 Kommentare

Marco Lardi

08.03.2010, 11:45 Uhr
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Da holt Helene Hegemann den Literaturbetrieb aus seinem Dornröschenschlaf und alle schreien, dass sie nicht aufgeweckt werden wollen. Mich erinnert das ganze getue der Gesellschaf,t höchstens an Eifersucht, der nicht im Mittelpunkt stehenden Langweiler. Antworten


Marcel Eichenberger

08.03.2010, 12:42 Uhr
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Wenn man sich mal mit dem Vater Carl-Georg Hegemann auseinandersetzt, sieht man das Ganze aus einem ganz anderen Winkel. Antworten



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