Kultur

Eine nie dagewesene Erfolgswelle

Von Rico Bandle. Aktualisiert am 05.10.2010 20 Kommentare

Schweizer Autoren werden derzeit mit internationalen Preisen überhäuft und stürmen die Bestsellerlisten. Was ist das Geheimnis dieses plötzlichen Erfolgs?

1/7 Kann den Erfolg kaum fassen: Melinda Nadj Abonji erhielt für ihr Buch «Tauben fliegen auf» den vielbeachteten Deutschen Buchpreis.
Bild: Keystone

   

Gestern erhielt mit Melinda Nadj Abonji erstmals eine Schweizerin den mit 25'000 Euro dotierten Deutschen Buchpreis. Letzte Woche wurde Dorothee Elmiger mit dem angesehenen Aspekte-Literaturpreis des ZDF ausgezeichnet, das Literatur-Urgestein Paul Nizon mit dem Österreichischen Staatspreis. Doch nicht nur, was die Anerkennung von Expertenjurys anbelangt, reitet die Schweizer Literatur auf einer Erfolgswelle, auch was die Verkäufe betrifft.

Im Februar dieses Jahres kam es zu einer bisher einmaligen Konstellation auf den deutschsprachigen Bestsellerlisten: Sowohl in Deutschland (Spiegel-Bestseller) als auch in Österreich und der Schweiz stand mit Martin Suter ein Schweizer an der Spitze. Suters «Der Koch» ist mit Abstand das erfolgreichste Schweizer Buch der Saison, aber längst nicht der einzige einheimisch Bestseller. Zurzeit sind vier der zehn Plätze auf der Schweizer Bestsellerliste von hiesigen Autoren besetzt: Hansjörg Schneider (Rang 2), Lukas Hartmann (Rang 4), Martin Suter (Rang 5) und Eveline Hasler (Rang 9). Und dies ist keine kurzlebige Momentaufnahme, schon seit vielen Wochen sind Schweizer gleich mehrfach auf der Top-Ten-Liste vertreten – ein Zustand, von der die Musik- und die Filmbranche nur träumen können.

Erfolgreiche Immigrantenstories

Bei den Erfolgsbüchern sticht ein Thema heraus: die Immigration. Melinda Nadj Abonji beschreibt im preisgekrönten autobiografischen Buch, «Tauben fliegen auf», wie eine Familie aus Serbien in die Schweiz kommt, Martin Suters «Der Koch» handelt von einer tamilischen Küchenhilfe in der Schweiz, das eben erschienene Buch von Rolf Dobelli, das auch zum Bestseller werden dürfte, beschreibt den Aufstieg eines italienischen Immigranten in Zürich. Zwar hat die eigenwillige, von innen kommende Sprache Nadj Abonjis mit der süffigen Schreibe eines Suters oder Dobellis wenig gemeinsam, doch das Thema scheint sowohl die Massen als auch die Experten zu faszinieren. Dies ist nichts Neues. Auch der grösste internationale Erfolg eines Schweizer Films, der Oscar für den besten fremdsprachigen Streifen, ging mit Xavier Kollers «Reise der Hoffnung» an eine Immigrantenstory.

Alleine an der Thematik kann der Erfolg aber nicht liegen, dafür gibt es zu viele erfolglose Migrantengeschichten. Woran liegt er dann? Sind die Werke das Resultat gezielter Kulturförderung? Kaum. Melinda Nadj Abonji erhielt zuletzt 2006 einen Werkbeitrag von der Pro Helvetia in der Höhe von 20'000 Franken, Dorothee Elmiger wurde von der nationalen Kulturstiftung nicht unterstützt, die Bestsellerautoren erhalten ohnehin ausser Beteiligungen an Lesereisen oder Übersetzungen kein Unterstützungsgeld.

Rund zwei Millionen Franken fliessen zurzeit jährlich in die Literaturförderung der Pro Helvetia, doch selbst Angelika Salvisberg, Leiterin Literatur der Pro Helvetia, will den Einfluss dieses Geldes auf die aktuellen Erfolge nicht überbewerten: «Wir haben Nadj Abonji in einer Phase unterstützt, in der man den Erfolg noch nicht abschätzen konnte, das ist auch unsere Aufgabe.» Dass in kurzer Zeit so viele gute Bücher auf den Markt kamen, könne man leider nicht einfach auf die Fördermassnahmen zurückführen.

Verlagsarbeit wichtiger als öffentliche Förderung

Beim Verkaufserfolg erweist sich der Verlag als ein entscheidender Faktor. Fast alle Schweizer Bestsellerautoren publizieren ihre Werke im Diogenes Verlag in Zürich. «Der Diogenes Verlag hat wieder viele Schweizer Autoren im Programm, noch vor zehn Jahren war das ganz anders», sagt der Literaturjournalist Charles Linsmayer. Dank der professionellen Vermarktung fänden so die Bücher eine viel grössere Beachtung, auch international. «Ein Lukas Hartmann hatte bei seinem alten Verlag Nagel & Kimche nie das Gewicht, das er heute bei Diogenes erhält», sagt Linsmayer. Auch für den Autoren der Hunkeler-Krimis, Hansjörg Schneider, hat sich der Wechsel zu Diogenes gelohnt: Bis vor einer Woche stand er ganz oben auf der Schweizer Bestsellerliste, noch vor dem US-Star Jonathan Franzen.

Linsmayer erwähnt aber noch andere Faktoren, die zum aktuellen Höhenflug der Schweizer Literatur beitragen, von der Arbeit der Literaturhäuser, der kleineren Verlage bis zur neuen Ausbildungsstätte, dem Literaturinstitut in Biel. Bei der Euphorie dürfe aber nicht vergessen werden: Nur wenige Autoren in der Schweiz können vom Schreiben tatsächlich leben.

Nachtrag 18.30 Uhr: Der Verlag Nagel & Kimche legt Wert auf folgende Stellungnahme: «Lukas Hartmann war in seiner Zeit bei Nagel & Kimche regelmässig über viele Wochen hinweg in den Top-Ten der Schweizer Bestsellerliste vertreten, wie auch andere Autoren des Verlags.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.10.2010, 14:40 Uhr

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20 Kommentare

Markus Hagedorn

05.10.2010, 15:59 Uhr
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@ Gilbert Cretier: Und das obwohl der Blick eine urspruengliche Links-Zeitung war....ist? Klar ist, dass die SVP die Einfachheit der Mehrheit der Bevoelkerung ausnutzt und zu komplizierten Sachlagen strunzeinfache Antworten gibt.....und auch, dass die restlichen Parteien keine so klare Linie wie die SVP abgeben....LEIDER! Antworten


Peter Beutler

05.10.2010, 16:02 Uhr
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Wie die meisten hier, habe ich zwar das Buch von Melinda Nadj Abonji noch nicht gelesen.Aber ich habe Auszüge davon gehört - aus RadioDRS. Das Buch behandelt ein Thema, dass in unserem Land gerade zu wüsten Hasstiraden führt. Es geht um die Migranten, um vielleicht einen Drittel unserer Landsleute.Ich bin davon überzeugt: diese Menschen bringen uns weit merh als sie uns nehmen. Lesen wir das Buch Antworten




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