Kultur

«Eine andere Spezies wird unseren Platz übernehmen»

Interview: Philippe Zweifel. Aktualisiert am 16.02.2012 13 Kommentare

Bestseller-Autor T.C. Boyle über das Ende der Menschheit, seine Glücksformel, sein neustes Buch – und den Grund, weshalb seine Geschichten kaum verfilmt werden.

Der grünste unter den US-amerikanischen Autoren sympathisiert mit Aussteigern, ohne sie zu idealisieren: T. C. Boyle mit seinem Hund Dardar.

Der grünste unter den US-amerikanischen Autoren sympathisiert mit Aussteigern, ohne sie zu idealisieren: T. C. Boyle mit seinem Hund Dardar.
Bild: Keystone

T.C. Boyle

T.C. Boyle, 62, gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen US-Schriftstellern. Er stammt aus Peekskill im US-Staat New York und lebt in Kalifornien. In seinen Büchern hat er sich immer wieder mit Umweltthemen auseinandergesetzt. Sein neuer Roman «Wenn das Schlachten vorbei ist» ist kürzlich erschienen und handelt von dem erbitterten Kampf verschiedener Natur- und Tierschützer (Buchkritik siehe Linkbox).

Book-Trailer

T. C. Boyle, aus dem Engl. von Dirk van Gunsteren. Hanser, München 2012, 462 S. ISBN: 978-3-446-23734-6.

Wenn das Schlachten vorbei ist

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Herr Boyle, Ihr neuer Roman beschreibt einen mörderischen Konflikt zwischen zwei Tierschützern, wie man rivalisierende Spezies am besten voneinander schützt. Ist in der Natur denn nicht alles Nahrung für irgendjemand anderen?
Allerdings. So läuft es in der darwinistischen Welt, in der wir leben. Stellen Sie sich eine ideale Lebensform vor, eine, die bloss Sonnenlicht, Wasser und Erde braucht, um zu überleben – eine Pflanze also. Und denken Sie an die Nische, die diese Lebensform für eine andere Lebensform kreiert, die nur existiert, um von ihr zu profitieren. Und so weiter und so fort.

Die Natur als grosses Restaurant, wie Woody Allen einmal sagte. Doch wem gehört das Restaurant – der Menschheit?
Das ist genau die Frage, die mich in meinem neuen Buch interessiert. Wir scheinen das Restaurant dank der natürlichen Auslese zu besitzen. Aber ich fürchte, dass die Schlussrate der Hypothek uns umbringen wird. Dann sind wir tot, individuell, aber auch als Spezies. Natürlich wird eine andere Spezies unseren Platz übernehmen, aber dieser Prozess ist nicht unendlich, schliesslich ist die Überlebensdauer unseres Planeten begrenzt – nur noch 3,5 Milliarden Jahre sind übrig!

Bis zur unweigerlichen Ausrottung der Menschheit dauert es ungleich weniger lange, sagen Sie. Jegliche Rettung komme zu spät. Wenn sowieso alles dem Untergang geweiht ist – wieso sollte man sich um die Natur kümmern?
Weil wir die Natur sind und jeder Moment für uns als Individuum kostbar ist. Samuel Beckett war über die menschliche Existenz so deprimiert wie man es nur sein kann. Trotzdem hatte er seinen Spass im Leben – und wie. Ich bin da seit langem weniger genussvoll und versuche, mich stattdessen mit Natur und Kunst zu umgeben. Das ist eine prima Palliativmedizin gegen die Verzweiflung, ich empfehle es jedem, der nicht an Gott glauben kann.

Sie arbeiten wie ein Verrückter. Das könnte man als den protestantischen Weg zum Glück bezeichnen…
Naja. Ich versuche einfach stets an das nächste Projekt zu denken und überlege mir ständig neue Ausdrucksmöglichkeiten. Mein nächstes Buch, das im September in Englisch herauskommt, ist zum Beispiel der Versuch, ein kompromisslos realistisches Buch zu schreiben – ohne die Eigenarten des unverbesserlichen Besserwissers. Ausserdem ist es in einer weiblichen Perspektive geschrieben.

Wieso?
Keine Ahnung. Weil ich es noch nie gemacht habe?

Ich frage das, weil mir scheint, dass sich Ihre Literatur über die Jahre verändert hat. Vor allem die Hauptfiguren sind sympathischer geworden.
Das müssen andere beurteilen. Es ist aber schon so, dass ich früher mehr an Sprache und Ideen interessiert war als an meinen Figuren. Heute sind meine Bücher da mehr in der Balance.

Nichtsdestotrotz sind Ihre Figuren nach wie vor (und zum Glück) sehr komplex. Ist das der Grund, wieso kaum ein Buch von Ihnen verfilmt worden ist?
Sie haben Recht. Man sollte meinen, dass all die Geschichten, die ich geschrieben habe, eine Goldmine für Filmemacher wären. Und ein Filmemacher oder Drehbuchautor mit genügend Enthusiasmus sollte auch mit komplexen Figuren etwas anfangen können. Tatsächlich sind aber nur zwei meiner Romane, «The Road to Wellville» und «The Lie», verfilmt worden. Allerdings sind unzählige Kurzfilme aus meinen Kurzgeschichten entstanden. Das freut mich natürlich.

Mögen Sie denn nicht selber ein Drehbuch aus Ihren Geschichten schreiben?
Nein, daran habe ich überhaupt kein Interesse. Mein Job ist die Schriftstellerei, obwohl ich Film liebe.

Schade, der Book-Trailer zu «Wenn das Schlachten vorbei ist» hat doch Spielfilm-Potenzial.
Ich liebe diesen Trailer! Meine Tochter hat ihn zusammen mit ihrem Freund gedreht. Wenn jemand daraus einen Spielfilm machen will – nur zu. Aber der Zweck des Trailers ist es, Aufmerksamkeit auf das Buch zu lenken.

Sie sind ein beliebter Interviewpartner, Sie geben – anders als viele andere berühmte Schriftsteller – auch sehr viele Interviews. Warum?
Nun, ich befolge einfach die Anweisungen meines Agenten! Aber es ist schon so: Ich mag es, Interviews zu geben. Schreiben ist eine einsame Angelegenheit, der Kontakt und Austausch mit anderen Menschen liegt mir am Herzen. Davon zeugt auch meine kurze, aber heftige Karriere als Frontmann der Band The Ventilators.

…sowie Ihre Professur.
Genau. Das bringt mich aus dem Haus, sehr zur Erleichterung meiner Frau. Ich unterrichte übrigens nicht erst seit ich als Autor Erfolg habe, sondern seit ich 21 bin. Ich brauche das, es ist in meinem Blut, ausserdem finde ich es äusserst anregend.

Sie werden immer wieder als «politischer Schriftsteller» bezeichnet. Ist das ein Kompliment oder eine Beleidigung?
Weder noch. Obwohl ich diese Auszeichnung als einengend empfinde. Anders als viele meiner literarischen Zeitgenossen, bin ich an soziopolitischen Themen interessiert, was aber stets auch zu den grossen Fragen führt, die wir zu Beginn des Gesprächs erörtert haben. Wichtig ist mir vor allem, dass ich dabei nicht belehrend bin, sondern komplexe Zusammenhänge zu erklären versuche – das Urteil und die Schlussfolgerungen aber dem Leser überlasse.

Oft schlachten Schriftsteller in Büchern ihr eigenes Leben aus. Sie tun das nicht. Wie kommen Sie auf Ihre Themen?
Ein interessanter Punkt. Ich war tatsächlich nie ein autobiografischer Autor, sondern schöpfe meine Stoffe über die Vorstellungskraft. Das heisst nicht, dass ich autobiografisches Material aus Prinzip ausschliesse. Solches kommt in meinem Werk vor, wenn auch nur selten, etwa in Kurzgeschichten wie «Greasy Lake» oder «Up Against the Wall». Und zufälligerweise habe ich gerade vor zwei Tagen eine Kurzgeschichte fertig geschrieben, die Erinnerungen an meine 20er beinhaltet, die dann aber zu einer völlig anderen, erfundenen Geschichte führen. Die Geschichte heisst «Birnam Wood» und ich war sehr erfreut zu sehen, wohin sie sich entwickelte.

Umweltschutz, Migration, Geschlechterkampf: Ihre Themen sind stets aktuell. Die Finanzkrise und gerade die Occupy-Bewegung wäre doch ein ideales Thema für Sie!
Ich sage niemals nie, aber meine Interessen liegen ehrlich gesagt anderswo.

Um was gehts denn in Ihrem neuen Buch?
Die Handlung ist, wie schon in «Wenn das Schlachten vorbei ist», auf einer der Channel Islands angesiedelt, dieses Mal in zwei Zeitperioden, 1888 und zwischen 1930–1942. Das Buch ist jedoch keine Fortsetzung von «Wenn das Schlachten vorbei ist», eher eine Art Compagnon. Weiter kommt eine Kurzgeschichtensammlung heraus, in der auch neue Geschichten enthalten sind. Ist es nicht wunderbar? Vorher haben wir davon gesprochen, wie man Verzweiflung vermeidet – für mich ist der Fall klar: Im strahlenden Traum des Geschichtenerzählens zu leben, ist, was mich im Gang hält. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.02.2012, 11:58 Uhr

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13 Kommentare

Philipp Rittermann

16.02.2012, 12:10 Uhr
Melden 17 Empfehlung

cooler, hochintelligenter typ mit charisma und einer klaren linie. ich mag seine geschichten. Antworten


Ben Müller

16.02.2012, 13:17 Uhr
Melden 14 Empfehlung

einer der interessantesten Zeitgenossen zurzeit. Auf die Frage 'mit wem würden sie gerne mal zu Abend essen' wäre meine Antwort TC Boyle. Antworten




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