Eine Studie der Unfreiheit

Von Alexandra Kedves. Aktualisiert am 02.09.2010

«Gnade», der neue Roman von Nobelpreisträgerin Toni Morrison, führt zurück zu den Anfängen des amerikanischen Rassismus.

Toni Morrison ist die grosse Stimme des kleinen, schwarzen Mädchens.

Toni Morrison ist die grosse Stimme des kleinen, schwarzen Mädchens.
Bild: Keystone

Ein kleines schwarzes Mädchen in zu grossen Schuhen, und die werden ihm auch noch geklaut: So ein gnadenloser Romananfang kann nur von Toni Morrison sein. Da ist von «A Mercy» – «Gnade», wie der deutsche Titel lautet – erst mal nichts zu spüren.

«Keiner hatte je über so eine Kleine geschrieben, wie ich es gewesen bin. Keiner hatte sie je als Sujet ernst genommen – also musste ich das tun», erzählt die 79-jährige Grande Dame der amerikanischen Literatur über den Ursprung ihres Debüts «The Bluest Eye» (1970).

Kleines Mädchen auch im Roman

Seither sind die kleinen schwarzen Mädel literaturfähig und sogar nobelpreiswürdig geworden: Toni Morrison, die 1993 die schwedische Auszeichnung erhielt, hat sie regelmässig durch ihre schmerzlichen und schillernden Kosmen geschickt; und auch in «Gnade» steht dieses Mädchen vor uns, mutterseelenallein, denn die Mutter gab es weg.

Florens heisst die Kleine (die mit den zu grossen Schuhen) diesmal. Florens, acht Jahre jung und viel zu alt, muss herhalten für die Schulden eines Gutsbesitzers. Eigentlich hat der Kaufmann Jacob Vaark Geld beim Gutsbesitzer eintreiben wollen, doch stattdessen wirft ihm eine Sklavin ihre Tochter vor die Füsse. Florens kommt auf Vaarks Farm im Norden der USA, und auf dem Hof entwickelt sich eine schwierige, schwankende Wohngemeinschaft – falls man von Wohngemeinschaft sprechen kann, wenn die einen im Stall schlafen und die andern im Haus.

Die Anfänge des Rassismus

Toni Morrison, Phänomenologin und Psychologin des Rassismus, geht in «Gnade» so weit zurück wie noch nie, bis ins Jahr 1682. «Ich wollte an den Punkt kommen, wo Sklaverei noch nichts mit Rassismus zu tun hatte.» Verschiedene Formen von Leibeigenschaft seien damals überall gang und gäbe gewesen, der Fokus auf die Rasse entwickelte sich gerade erst.

Wie in einem Agatha-Christie-Krimi hat Morrison diese Formen der Sklaverei personalisiert und sie hineingezoomt in eine einzige Farm, in ein «little house on the prairie», nur ohne Weichmacher und wonnige Gefühle. Toni Morrisons Huis clos bietet einen Spiegel der Spannungen im heranwachsenden Land.

Pocken, Mord und Liebe

Auf Vaarks Farm leben – ausser ihm – nur Unfreie: Die Hausherrin Rebekka ist eine gekaufte Braut aus England; Lina, das indianische Mädchen für alles, wurde als Kind bei Presbyterianern platziert, die es an Vaark verkauften; und Sorrow, ein rothaariges Findelkind mit schwarzer Haut, wurde Vaark geschenkt, denn ihre Schwangerschaft – die Söhne ihres alten Besitzers hatten sie vergewaltigt – störte. Vaarks weisse Knechte wiederum sind Gefangene ihrer Schuldknechtschaft: Sie gehören über Jahre einem Gläubiger, der ihre Arbeitskraft vermieten kann.

Ihnen allen hat Toni Morrison eine Stimme geschenkt. Fugisch lösen sich die Perspektiven ab, Tatsachenhäppchen schieben sich nur allzu vorsichtig in diese radikal subjektiven Songs, in welche die Autorin ihre Studie der Unfreiheit gepackt hat. Denn das ist dieser 220-seitige Roman, bei aller – stellenweise atemberaubenden – Poetik, bei aller Drastik der Schicksale und bei allem Versteckspiel mit den Fakten: eine Studie. Während sich eine Rückschau auf die andere stapelt und sich so sachte die Story herauskristallisiert, breitet Morrison ein Panorama des jungen Amerika aus: das Bild einer endlosen Schlacht gegen Wildnis und Wetter, Krankheit und Tod, gegen Armut, Klassengrenzen und religiöse Ächtung.

Überlebenskampf

Vaark verreckt an den Pocken, und seine Frau, die früher schon alle ihre Kinder hatte begraben müssen, hat sich angesteckt. Sorrow wird wieder schwanger, Lina versucht vergeblich, das Leben auf dem Hof zusammenzuhalten, und Florens verliebt sich in einen freien Schwarzen – auch das gibt es. Die Schutz-und-Trutz-Gemeinschaft der Frauen zerfällt rasch im Überlebenskampf.

Gerahmt wird das Konzert der auseinanderdriftenden Stimmen von Florens’ Ich-Erzählung. Florens, die unversehens zur Autorin reift, als sei sie eine Heroine des 20. Jahrhunderts, hinterlässt ihrem Geliebten eine letzte Nachricht. «Du sagst, du kennst Sklaven, die freier sind als freie Menschen. Der eine ist ein Löwe in der Haut eines Esels. Der andere ist ein Esel in der Haut eines Löwen. Ich bin Wildnis geworden, aber ich bin auch Florens. Der nicht vergeben wird.»

Moderne Poesie

Hier fällt der Text endgültig aus seiner historischen Simulation heraus und hinein in eine explosive, moderne Poesie. Wie im Nebenbei montiert Morrison zudem Versatzstücke aus dem Abenteuerroman («der Nebel legte sich wie glühendes, zähes Gold über die Welt») oder aus der Parabelwelt heiliger Texte wie etwa Linas Gleichnis eines ewig stürzenden Adlerweibchens und seiner verlorenen Kinder – Emblem der gefallenen USA.

Ihre Verlorenen, Gebrochenen, die wie ein Stück Vieh herumgeschoben werden, sprechen in einer geradezu surrealistischen, psychologisch motivierten Lyrik: Sorrow rettet sich in die Persönlichkeitsspaltung, Lina ins Stockholm-Syndrom als rechte Hand der «Herrin» und Florens in eine Amour fou.

Wo die Bärin Träume frisst

Den Fantasien und Phantasmen wird die beinharte Realität gegenübergestellt, die Morrison genau recherchieren liess: Von den Baumsorten bis zur Agrartechnik stimmt – fast – alles. Wer da im Wald vor sich hin träumte wie der junge Knecht, hatte sein Leben fast verspielt. «Nach einem Augenblick unheimlicher Stille brandete der Gestank über ihn, und im selben Moment brach die Bärin mit gefletschten Zähnen durch die Lorbeerbüsche.» Und wer Trübsal blies wie die Herrin nach dem Tod ihres Mannes, dem wurde die Milch im Tiegel sauer, dem wucherte das Unkraut im Garten.

Da werden, in oft wunderschöner, rhythmischer Prosa, zwei Ebenen der Sinnlichkeit verschränkt: die der Seele und die der Erde. Trotzdem bannt uns die afroamerikanische Romancière nicht so wie sonst. Da faltet sie zwar, wie in «Beloved», Mutter-Tochter-Beziehungen auf, die durch die Sklaverei pervertiert werden; und das Geheimnis von Florens’ Abschiebung klärt sich ebenso auf wie der mysteriöse Titel, bei dem in der Übersetzung leider der unbestimmte Artikel fehlt. Trotzdem bleiben wir meist auf Distanz. Denn die Figuren leben hinter dem Gitter der Versuchsanlage, die Poesie wird von der These niedergedrückt. Toni Morrison, die grosse Stimme des kleinen, schwarzen Mädchens, wollte nie weiss schreiben, «write white», wollte nie assimilieren und erläutern. Diesmal ist es ihr, ab und an, unterlaufen.

Toni Morrison wollte nie weiss schreiben, nie erläutern. Diesmal ist es ihr ab und an unterlaufen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2010, 20:47 Uhr

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