Kultur

Ein Unfallopfer wird zum Erlöser

Von Andreas Tobler. Aktualisiert am 26.08.2010

Lukas Hartmann könnte als Ehemann von Simonetta Somaruga bald zum Bundesratsgatten werden. Jetzt legt der Schriftsteller einen neuen Roman vor. Er packt den Leser mit voller Wucht.

Sein neues Werk überzeugt: Lukas Hartmann. (Bild: Keystone )

Buch

Lukas Hartmann: Finsteres Glück. Roman. Diogenes, Zürich 2010. 305 S., ca. 36 Franken.

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«Finsteres Glück» ist ein starker Roman. Hartmann erzählt darin aus der Perspektive der Psychotherapeutin Eliane Hess, die am Abend des 11. August 1999 ins Krankenhaus gerufen wird: Der achtjährige Yves, der als Einziger seiner Familie einen Autounfall überlebt hat, braucht ihre Hilfe. Was für die Psychologin eigentlich Routine sein sollte, wächst ihr schon bald über den Kopf: Sie verliert ihre professionelle Distanz, baut zu Yves eine intensive emotionale Bindung auf und kämpft wie die Grusche im «Kaukasischen Kreidekreis» um den Jungen (einen Hinweis auf Brechts Stück finden wir im Roman).

Im Mittelpunkt steht aber nicht das Gerangel um das Kind zwischen der Psychologin und Yves’ Verwandten. Auch nicht die sich verdichtenden Hinweise auf die Probleme in der Ehe von Yves’ Eltern und die Rekonstruktion der letzten Ereignisse vor dem Unfall, die das Buch mit der Spannung eines Krimis aufladen. Im Zentrum des Romans steht die Ergründung der Frage, warum sich Eliane mit aller Kraft an diesen Jungen klammert. «Finsteres Glück» gibt auf diese Frage mehrere, sich ergänzende Antworten. Und mit jeder Begründung, die Hartmann gibt, vermag er uns stärker in das Leben seiner Psychologin hineinzureissen.

Das Kind als asexueller Ersatz

Eliane ist in ihrem Leben an einem Nullpunkt angelangt. Ihr erster Ehemann starb durch plötzlichen Herztod; mit ihrem zweiten hat sie sich auseinandergelebt. Geblieben sind ihr die beiden Töchter. Doch diese nabeln sich von ihr ab, haben ihr – wie sie selbst sagt – alle «Gluckengefühle» ausgetrieben, die sie nun gegenüber Yves wieder empfinden kann. Yves, der schliesslich bei Eliane aufwachsen darf, ist für die Psychologin der Sohn, den sie sich lange vergeblich gewünscht hat. Der Roman legt die Vermutung nahe, dass Yves mit seinen «Moorwasseraugen», seinem engelsgleichen Gesicht, seinem mageren Knabenkörper und seinen schwarzen Locken für Eliane auch ein erotisches Objekt und ein asexueller Ersatz für einen fehlenden männlichen Partner ist. «Du brauchst einen Mann, aber nicht diesen», meint Elianes Kollegin dazu.

Bemerkenswert vielschichtig sind also die Motive der Psychologin, sich an den Jungen zu klammern. Die Begegnung mit Yves führt aber nicht nur zu einer Neuordnung von Elianes emotionaler Innenwelt, sie entfaltet auch eine Wirkung in ihrem sozialen Umfeld: Die gemeinsame Aufgabe, sich um den Jungen zu kümmern, bringt Eliane ihren Töchtern wieder näher. Ausserdem kommt es zu einer Annäherung zwischen der Psychologin und ihrem ExMann Adrian, der sich bereit erklärt, für Yves die Rolle der männlichen Bezugsperson zu übernehmen. So gesehen werden die Begegnung und das Umsorgen des Jungen zu einem «Zeichen dafür, dass sich das, was Leben heisst, stärken und erneuern lässt. Ein magischer Akt, so mag mans nennen, gerichtet gegen die Zumutung des Todes.»

Verdeutlichung des Deutlichen

Schrittweise und irritierenderweise auch dann noch nachvollziehbar, wenn es ins Irrationale geht, baut Hartmann den Achtjährigen im Leben seiner Protagonistin zu einem Erlöser auf. Das christliche Motiv wird explizit: Nach einer Erinnerungsfahrt zum Unfallort, auf der Eliane Yves von seinem Trauma zu erlösen versucht, führt sie ihn vor den Isenheimer Altar in Colmar. Auf den Tafeln dieses Altars, dem Hauptwerk Matthias Grünewalds, werden Stationen aus dem Leben von Jesus dargestellt. Auf Eliane, die von sich selbst sagt, sie sei nicht gläubig, sie möchte es aber manchmal sein, übte dieser Altar stets eine «dunkle Faszination» aus.

Dunkel ist auch die Faszination, die von Hartmanns profaner Erlösungsgeschichte ausgeht. Beunruhigend an seinem Buch ist, dass man darin – vom Autor geschickt manipuliert – ganz auf die Seite von Eliane gezogen wird, dass man sich an ihrem mit einem Trauerrand umgebenen Glück zu erfreuen vermag und dass dabei die Frage ausser Kraft gesetzt wird, ob die Umklammerung des traumatisierten Jungen und seine Indienstnahme als Erlöser überhaupt zu verantworten ist. Und wenn man sich in diesen Roman hineinziehen lässt, wird man sich wohl nicht zuletzt auch die Frage stellen müssen, ob man frei ist vom Wunsch nach Erlösung – gerade wenn man nicht gläubig ist oder sein möchte.

Wahrscheinlich hätte Hartmann seinen starken Roman sogar noch etwas stärken können, wenn ihn das Lektorat an einigen Stellen von der Verdeutlichung von bereits Deutlichem und insbesondere davon abgebracht hätte, in die Romanhandlung einen fiktiven historischen Exkurs über Grünewald und dessen Adoptivsohn einzufügen. Aber auch so, wie der Roman nun vorliegt, packt er einen mit voller Wucht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.08.2010, 11:44 Uhr

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