Ein Schriftsteller pensioniert sich
Von Alexander Sury. Aktualisiert am 26.11.2011 2 Kommentare
Lesung
In der Veranstaltungsreihe «Der Bund im Kairo» liest Alex Gfeller am Montag, 28.11., um 20.30 Uhr im Café Kairo Bern.
www.cafe-kairo.ch
«Brachland» heisst eines seiner Bilder, es zeigt leuchtende Wiesenblumen vor sattem grünem Hintergrund. Der Maler ist immer wieder aufs neue angetan vom anarchischen Wildwuchs und von all der botanischen Pracht, die sich auf unproduktivem Ödland zu entwickeln vermag. Er fotografiert die Blumenwiesen und malt nach diesen Vorlagen zu Hause an der Staffelei mit Acryl auf Spanplatte. Sein Stil wirke «spätexpressionistisch», befand kürzlich ein Freund. Der Künstler zuckt etwas ratlos mit den Schultern, die Etikette scheint ihn nicht allzu sehr zu beeindrucken.
Schriftsteller oder Maler? Diese Frage beschäftigte bereits den 14-jährigen Alex Gfeller, aufgewachsen in einer Arbeiterfamilie in Bümpliz. Das Quartier im Westen Berns war in seiner Kindheit eine Hochburg der Partei der Arbeit. Anfang der 70er-Jahre war er selber einige Jahre Mitglied der PdA, was ihm Ficheneinträge des Staatsschutzes bescherte, seine Arbeit als Lehrer zur Qual machte und vielleicht gar seine Karriere als Autor zerstörte. Der ausgebildete Sekundarlehrer war der «gefährliche Kommunist», der nach ersten Publikationen im Lenos- und später im Zytglogge-Verlag seit 20 Jahren vom Literaturbetrieb konsequent totgeschwiegen wird, weder Preise erhält noch zu Lesungen eingeladen wird. So sieht es Alex Gfeller. Ist das die Verschwörungstheorie eines nach anfänglichen Achtungserfolgen zunehmend frustrierten Schriftstellers?
Aufwachsen in «Opportunien»
In diesem roten Bümpliz seiner Kindheit, erinnert sich Gfeller, sei er, abgesehen von zwei Ausnahmen, nahezu in einer «klassenlosen Gesellschaft» aufgewachsen: «Über uns standen nur der Advokat mit seinem Doktortitel und der Pfarrer mit seinem Auto.» Das «Klassensystem» in der Schweiz holte Alex Gfeller im Gymnasium ein, das er als Erster in seiner Familie besuchte («Meinen Grossvater traf fast der Schlag»). Er war in ein Mädchen aus gutem Hause verliebt und musste bei einem Besuch zu seinem grossen Erstaunen feststellen, «dass meine Angebetete in einer Art Schloss» lebte. Später sollte sich Gfeller mit rhetorisch hochtourig drehenden Hasstiraden am «Schloss» Schweiz («Transplantatorische Zufallsrepublik Opportunien») abarbeiten, die den Österreich-Verwünschungen eines Thomas Bernhard kaum nachstehen.
Ähnlich wie Bernhard kann sich Gfeller mit sturzbachartigem Redefluss und rhythmisch brillant komponierten Wortschwallen in einen Zustand höchster – sprachlich jedoch durchaus kontrollierter – Erregung hinaufschwingen. Satzperioden voller Einschübe und Präzisierungen, Analogien und Paraphrasierungen zeugen von einem aussergewöhnlichen, wenn auch oft berserkerhafte Züge annehmenden rhetorischen Talent. In seiner im Rahmen von «literarischen Aufräumarbeiten» publizierten Schweizer Geschichte «Kurzer Abriss» bot er für die Diagnose des geistigen Zustands der Schweiz ein ganzes Arsenal von Perversionen und Geisteskrankheiten auf: « Katatonie als intellektuelles und kulturelles Programm, Apathie als gelebte Gegenwart, Nekrophobie als erotischer Traum, Koprophagie als treibende Kraft.» Ungebrochene Heimatliebe sucht sich ein anderes Vokabular.
5800 Seiten Nonkonformismus
Möglicherweise hätten einige «verkrachte Kunstmaler in der weit verstreuten Verwandtschaft» als «abschreckende Beispiele» seinen Entscheid für das geschriebene Wort beeinflusst, mutmasst Alex Gfeller. Mit Literatur kam er dank der belesenen Mutter früh in Berührung; sie las englische, französische und italienische Klassiker und bewunderte Autoren für deren Zivilcourage und intellektuelle Unerschrockenheit. Eines Tages kaufte sie ihrem Sohn eine Hermes-Baby-Schreibmaschine. «Das war ein deutliches Zeichen», sagt Alex Gfeller. Schon damals habe er Schriftsteller «rundweg als die kompetentesten Leute erachtet, die eine Gesellschaft aufweisen kann.» Davon ist Alex Gfeller auch heute noch überzeugt.
Jetzt also die Malerei, nachdem das literarische Feld endgültig bestellt ist. Der 64-Jährige sitzt an einem nebligen Novembertag im Restaurant Rotonde in Biel und erklärt nüchtern: «Ich habe mein Zeug geschrieben und öffentlich gemacht. Mehr kann ich nicht tun.» Als Schriftsteller sei er jetzt pensioniert. Während Jahrzehnten war dieser Mann von einem immensen Schaffensdrang getrieben: Seit 40 Jahren produziert Gfeller nahezu ununterbrochen Romane («Der Filz»), Erzählungen («Das Komitee»), Theaterstücke («Ach und Krach»), Essays und Drehbücher (etwa die Vorlage zum Film «Füürland» von Clemens Klopfenstein).
Verlage als «Literaturvernichter»
Was davon als episches Werk gilt, liegt seit 2010 als Book-on-Demand in einer 15 Bände umfassenden Gesamtausgabe vor. Die Bücher liegen nicht in den Buchhandlungen auf, werden aber auf Bestellung gedruckt und ausgeliefert. «Alle meine Arbeiten sind auf dem Markt, das erfüllt mich mit grosser Befriedigung», sagt Gfeller. Mit den Verlagen, diesen «Literaturvernichtern», hat er endgültig abgeschlossen. Einen «vernünftigen Verlag mit einer politischen Haltung» zu finden, das sei heute fast unmöglich.
Alex Gfellers Werk ist mit seinen 5800 Seiten nicht nur quantitativ imposant, die gesammelte Prosa zeugt in Stoffwahl und Umsetzung auch von der radikal sozial- und systemkritischen Haltung eines unbeugsamen Nonkonformisten. Noch während des Sekundarlehrerstudiums recherchierte er die Geschichte der PdA in der Schweiz. An der Universität wollte er zum Thema eine Arbeit schreiben, was der zuständige Geschichtsprofessor empört ablehnte. «Er wollte mich wegen dieses Sakrilegs fast aus der Uni rauswerfen» sagt Alex Gfeller trocken, «es herrschte halt Kalter Krieg».
Allein gegen alle im «Scheinland»
«November», die Chronik der «Vernichtung der Partei der Arbeit» erschien 1976 im Basler Lenos-Verlag, den Kontakt hatte der Schriftsteller Christoph Geiser hergestellt. Ende der 70er-Jahre überraschte Gfeller in der Blütezeit feministischer Literatur mit «Marthe Locher», einem «Frauenbuch» über ein Mädchen vom Lande, dessen Hoffnungen auf eine bessere Zukunft sich in der Stadt nicht erfüllen. Die Erzählung «Das Komitee» (1983), dem «Zivilschutzwesen» gewidmet, stellte Überlebende einer Atomkatastrophe ins Zentrum, die auf ihr Ende warten.
Der Roman «Der Filz» über politische Korruption im Kanton Bern, 1992 im Zytglogge-Verlag erschienen, markierte den Bruch in Gfellers Autorenkarriere. Das Buch, das mit satirischer Schärfe von den Folgen eines im Taxi vergessenen «Mäppchens» mit säuberlich aufgelisteten Schmiergeldzahlungen an politische Parteien und ihre Würdenträger erzählt, sei schlicht «totgeschwiegen» worden – keine Rezensionen, keine Lesungen. «Ich hatte den Eindruck», sagt Gfeller, «dass ich für die Öffentlichkeit als Schriftsteller plötzlich nicht mehr existierte.»
Abrechnung mit der Schweiz
Seine eigentlichen Hauptwerke jedoch, die schrieb Alex Gfeller nach dem inoffiziellen «Rauswurf» aus dem Literaturbetrieb. Mit der «Europäischen Trilogie» erwies er dem «vereinigten Europa» seine Reverenz und erhofft sich damit «in aller Unbescheidenheit», dereinst auch als «europäischer Autor» wahrgenommen zu werden.
Der «komödiantische» Roman «Im Scheinland» (2008) bildet zweifellos den Höhepunkt von Gfellers Abrechnung mit der Schweiz: Eine «Freiheizliche Bewegung» verspricht in einem kleinen Binnenland zwischen den «Bergzügen Wampen und Schori» die garantierte Endlösung aller wirtschaftlichen, politischen und sozialen Probleme. Unrentable Kostenträger wie «Scheinrentner», «Scheininvalide» oder «Scheinscheinländer» werden in einem «Institut für forensische Euthanasie» umweltschonend verheizt und in billigen Biostrom umgewandelt.
Seit seinem 18. Lebensjahr ist das Töfffahren eine Leidenschaft von Alex Gfeller. Mit seiner Harley Davidson war er schon in Estland, Portugal oder Schweden. Er kommt ins Schwärmen: «Wenn man zehn Stunden auf dem Töff sitzt, ist das eine psychische Erholung und gleichzeitig ein meditativer Akt.» Im Roman «Der Florettfechter» (2008) ist ein «Mann im Ruhestand» mit seinem Motorrad als Flaneur auf zwei Rädern im Schweizer Alpenraum unterwegs, auf seinen «Reisen ins Landesinnere» fährt der bekennende Misanthrop («Fraternité? Soll das ein Witz sein? Das ist in einer kapitalistischen Welt das Weltfremdeste überhaupt, und eine andere gibt es nicht») durch Gegenden, «die den Durchreisenden in Relikten und Fragmenten immer noch erahnen lassen, wie mausarm dieses Land einst gewesen ist», er logiert in Pensionen, begegnet anderen Bikern und philosophiert über die Bevormundung des Bürgers durch Zerstreuung und Reizüberflutung: «Herausfinden, was er – und mit ihm die ganzen stumpfsinnigen, blödsinnigen Massen voller Vollidioten – nicht wissen soll, nicht zu wissen braucht oder nicht wissen darf, ist gewissermassen ein Hobby von ihm.»
Gefangen im «teuflischen Dreieck»
Einen «authentischen, autochthonen Text» zu schreiben, das gelang Alex Gfeller nach eigenem Urteil mit dem Roman «Die letzte Meise» (2010). Dieses Werk ist eine gnadenlose Abrechnung mit der Schule in Gestalt einer Fabel, wobei sich die Schüler als Würmer, die Eltern und Schulkommissionsmitglieder als Katzen und die Lehrer als Meisen «grundsätzlich spinnefeind» sind und ein «teuflisches Dreieck» bilden.
Auch Alex Gfeller war bis zu seiner Frühpensionierung im August 2001 eine Meise, Lehrer in einer Bieler Quartierschule. Von Beginn habe er den Ruf eines «Kommunisten» gehabt, ständig sei er als Mitglied der «Fünften Kolonne» unter Beobachtung gestanden. «Ich habe mich im Lehrerzimmer wohlweislich nie politisch geäussert und meine Arbeit hyperkorrekt gemacht.» Unter den Lehrern waren Offiziere der Schweizer Armee. Einmal bot ihm ein Lehrer seine Dienstpistole zum Kauf an, ein anderer fragte ihn wegen eines angeblichen Übersetzungsproblems bei Tolstois «Anna Karenina» um Rat. Alex Gfeller ist überzeugt, dass man ihn mit solchen Aktionen als «russischen Agenten» zu entlarven versuchte.
Frühpensionierung als immense Erleichterung
Als ihm die Schulinspektorin im Rahmen eines «Tribunals» eine Strafuntersuchung androhte wegen Gfellers angeblicher Unfähigkeit, gerechte Noten zu geben, hielt er dem Druck nicht mehr länger stand. Er, der seine Arbeitstage jeweils um sechs Uhr im Bieler Bahnhofbuffet mit der Zeitungslektüre begann, sei auf dem Weg zur Schule eines Tages «abgezweigt und nach Hause gefahren». Zu seiner Frau sagte er: «Ich werde nie wieder einen Fuss in diese Schule setzen.»
So ist es gekommen. Die Frühpensionierung hat er als immense Erleichterung erlebt, Gfeller streckt theatralisch die Zunge heraus, seine Miene signalisiert Aufatmen. «Ich konnte mich in den letzten zehn Jahren intensiv dem Schreiben widmen und mehrere grosse Arbeiten beenden.»
Ob diese gfellersche Meise allzu sehr Verschwörungstheorien anhängt, muss hier offenbleiben. Eines aber ist gewiss: Die Meise entkam den Würmern ebenso wie den Katzen. Auf Dauer hatte sie sich in keinen Käfig sperren und sich die Flügel nicht brechen lassen; sie ist – so das einmal mehr wortgewaltige Fazit in Gfellers Opus magnum – «eigentlich seit jeher ganz und gar fundamental und prinzipiell unterwerfungsunfähig gewesen, ausbeutungsresistent, ausschlachtungsunfähig, auswertungsimmun und absolut ausnutzungsindisponibel». Jetzt ist sie frei, die Meise, erfreut sich ihres Leben und fliegt über saftige Blumenwiesen. Und schreiben wird sie nie mehr. Vielleicht. (Der Bund)
Erstellt: 26.11.2011, 10:32 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
2 Kommentare
es war sehr berührend, dich im Kairo an deiner Lesung wiederzubegegnen. Deine "Sprachgewalt" kann ich nur bewundern und mir hat das Mythologiefenster deiner Literaturstoffwelt enorm behagt! Ich freue mich enorm, wenn du mich nächstes Jahr mit Ruedi Zundel in meinem Atelier in Bolligen besuchen kommst. Ich werde auch einige Götter aus dem Olymp anfragen, ob sie auch kommen mögen... Antworten

Bitte warten






