Kultur

Ein 90-Jähriger wandert aus

Heute Freitag reist der 90-jährige Emmentaler Schriftsteller, Übersetzer und Kulturförderer Hans Ulrich Schwaar zu «seinen» Samen nach Lappland. «Für immer», wie er sagt.

«In der Abgeschiedenheit von Näkkälä spüre ich die Weite, da fühle ich mich frei»: Hans-Ulrich Schwaar. (Walter Däpp)

«In der Abgeschiedenheit von Näkkälä spüre ich die Weite, da fühle ich mich frei»: Hans-Ulrich Schwaar. (Walter Däpp)

Info

Noch bis Ende Oktober sind im Regionalmuseum Chüechlihus Langnau aus der «Stiftung Hans-Ulrich-Schwaar» Bilder von Edouard Vallet ausgesellt.

Der Emmentaler Schriftsteller und Kulturförderer Hans Ulrich Schwaar pendelt seit einem Vierteljahrhundert zwischen Langnau und finnisch-Lappland hin und her. Doch nun, als 90-Jährigen, zieht es ihn endgültig in den hohen Norden. Er will seinen Lebensabend in einem einfachen Blockhaus in der kleinen Samensiedlung Näkkälä statt in einem Wohnblock in Langnau verbringen. «Ins Emmental werde ich nur noch hie und da zurückkehren, ferienhalber», sagt er, «und werde im Ochsen in Lützelflüh wohnen – dort, wo nun ein Lapponia-Raum eingerichtet ist.

Bei den Samen habe er im Laufe der Jahre gelernt, seine «Gemütskräfte» zu stärken, sagt Schwaar: «Es ist die Freude, die mich in de Norden zieht. Ich bin stolz, den Samen nun so nahe zu sein, dass ich ihnen wirklich willkommen bin. Näkkälä macht mich frei. Da ist es mir wohl. Da bin ich ungestört.»

In ein Heim will er nicht

In der kargen Abgeschiedenheit der Tundra spüre er Weite, da fühle er sich frei – mehr als im Emmental. Das harmonische Miteinander von Mensch und Natur gebe ihm dort Glücksgefühle – «so, wie die Musik mir in den Tönen Glücksgefühle geben kann. Oder die Malerei in den Farben. Oder die Literatur mit ihren Sprachharmonien.»

Befürchtungen hat er keine, obschon er gesundheitlich zu kämpfen hat: Seine Augen sind schwach geworden, sehr schwach. Und Herzprobleme schränken ihn ein: «Nach schweren Herzoperationen vor fünf Jahren kam ich an meine Grenzen. Vernunftsmässig müsste ich also hier bleiben. Hier müsste ich früher oder später in ein Heim. Aber das will ich nicht. Ich habe stets die Freiheit gesucht, will mich auch jetzt nicht einengen lassen.» Sein Leben habe viele unerwartete Kurven gemacht. Deshalb sei er auch jetzt zuversichtlich: «Es wird auch diesmal gut herauskommen – auch dann, wenn es ums Sterben gehen werde, «um den Übergang in eine unsichtbare Welt». Schon vor Jahren habe er gewünscht, dass man seine Asche einmal in Lappland verstreuen soll. Doch: Wo er sterben werde, kümmere ihn nicht.

Die Samen als Teil der Natur

Auch in der Einsamkeit Näkkäläs sei er übrigens nicht allein, sagt er: Der Rentierhirte Iisakki-Matias Syväjärvi sei da. Der 65-jährige Same, in dessen Hütte er seit 25 Jahren Gastrecht geniesst, habe seine Rentiere verkauft. Er sei nun öfter zu Hause. Und vor allem scheine es, dass er nun besser mit dem Alkohol umgehen könne als früher. In dieser sehr einfachen Hütte habe er «ein kleines Budeli mit einem Bett und einem Schreibtisch». Mehr brauche er nicht. Deshalb sei er froh, seine Wohnung in Langnau nun endgültig geräumt zu haben und seine reiche Bildersammlung in guten Händen zu wissen – in der «Stiftung Hans Ulrich Schwaar».

Es sei eine Erleichterung, sich von allem zu trennen, was sich im Laufe der Jahre angesammelt habe: «Es het mer glugget.» In Näkkälä brauche er nichts mehr. Geld spiele dort keine Rolle: «Deshalb sind die Samen viel näher beim Wesentlichen des Lebens. In ihrer Einfachheit fühlen sie sich als Teil der Natur.»

Hans Ulrich Schwaar war Lehrer in Trubschachen, an der Oberschule Gohl und in der Weiterbildungsklasse in Langnau. Er förderte seine Schüler im Sport und in der Musik. Er war Orientierungsläufer und Mittelstreckler, hätte an den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki starten können, wenn nicht ein Unfall ihn gebremst hätte. 1948 gründete er die Stiftung «Kunst auf dem Lande», um der Landbevölkerung den Zugang zur Kunst zu ermöglichen. Die Sammlung umfasst 2500 Kunstwerke und heisst nun «Stiftung Hans Ulrich Schwaar». Rund hundert Werke samischer Künstler hat er im Laufe der Jahre gekauft – und den Samen zurückgegeben. Die Sammlung gehört nun dem Samenmuseum in Inari. Schwaar ist ein geachteter Kenner der samischen Kultur. Als 78-Jähriger bestand er an der Universität im schwedischen Umea die Prüfung in samischer Geschichte und Mythologie – mit Auszeichnung.

«Farbigs Bärndütsch» ist in Arbeit

Auch als Schriftsteller und Übersetzer kann Schwaar auf ein reiches Lebenswerk zurückblicken – mit rund dreissig Publikationen. Zwischen 1977 und 1984 übersetzte er fünf Werke von Charles-Ferdinand Ramuz ins Berndeutsche, unter anderem «Farinet», «Aline» («Lineli»), «Le petit village» («Ds Dörfli») und «La grande peur dans la montagne» («Di grossi Angscht i de Bärge»).

Daneben entstanden eigene Geschichten um einfache Leute aus dem Emmental, etwa «Ämmegrien», «Ghoblets u Unghoblets» oder «Gryymts u Ungryymts» – und später seine vielen Berichte aus Lappland und über die Kultur der Samen. Er hat auch Aleksis Kivis finnischen Klassiker «Seitsemän veljesta» («Di siebe Brüeder») ins Berndeutsche und viele Mythen und Gesänge (Joik) der Samen ins Deutsche übersetzt – und dafür 1988 den bedeutenden Ritterorden der «Weissen Rose» Finnlands erhalten. 1982 ist er auch mit dem Literaturpreis, 1992 mit dem Kulturpreis des Kantons Bern ausgezeichnet worden.

Schwaars bisher letztes Werk ist eine Berndeutsch-Trilogie in Stabreimen – als Antwort auf die für ihn unverständliche behördliche Weisung, Berndeutsch vom Schulunterricht zu verbannen: «Rychs Bärndütsch» ist bereits erschienen, «Läbigs Bärndütsch» ist druckfertig, «Farbigs Bärndütsch» ist noch in Arbeit, wie er sagt. (Der Bund)

Erstellt: 20.08.2010, 10:27 Uhr

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