Die Zähne, die hat er auch gezeigt
Auszug aus: «Die Papiereltern», Teil 3: «Herbst»
«Der Austritt von Dr. Laubscher aus dem internationalen Team für Implantologie blieb in der Zahnwelt nicht unbeachtet. Der vernunftresistente Bauer aus dem Berner Oberland hatte sich wieder einmal quergestellt. Einer Gottesanbeterin gleich, die ihr Männchen nach dem Akt auffrisst, wurde er kurz nach seinem heftigen universitären Begattungsschlaf getötet und aufgefressen. Wie auf Kommando waren viele seiner guten und netten Kollegen plötzlich gegen ihn, gaben ihrem Missfallen über den schändlich in Ungnade Gefallenen gelegentlich Ausdruck. Einige suchten und sammelten zusätzliche Argumente gegen ihn wie andere Briefmarken. Das Orakel von Roeder bewahrheitete sich wesentlich schneller, als Pascal sich vorstellen konnte: «Von uns hast du nichts mehr zu erwarten!» Das war keine simple Warnung, es war ein Versprechen. Seit dem Bannstrahl von Roeder trug er das Schandmal Kains. Er war gebrandmarkt für alle Zeiten und Ewigkeiten.
Als Dr. Laubscher knapp zwei Monate nach seinem Bruch mit Roeder am Kongress des eidgenössischen Zahnärzteverbands im Kursaal in Interlaken erstmals wieder in der Öffentlichkeit auftrat und am Haupteingang auftauchte, hob schon von Weitem ein Tuscheln und Zeigen, Gestikulieren und Augenzwinkern, Grinsen und Mutmassen an, als hätte er gelbe Haare und vier Beine. (. . .) Keinen Deut besser behandelten ihn die Kongressteilnehmer der Universität. Allen voran Adrian Gring, dem Professor Roeder für den Ruf nach Bern fürsorglich den Steigbügel hingehalten hatte. Da standen sie, seine Berufskollegen, wie Totengräber bereit, mit dem Grabaushub zu beginnen. Die Glockenseile im Kirchturm spannten sich zusehends. Es fehlte nur noch der Leichnam. Er stand lebendig aufgebahrt vor ihnen: Pascal Laubscher.
Den Zahnärztekongress in Interlaken, in seinem geliebten Berner Oberland, würde Pascal nie vergessen, auch nicht, wenn er sieben lange Leben hätte. Er schlenderte vor Beginn nichtsahnend auf dem Trottoir vom Westbahnhof her Richtung Kursaal, als er auf der Höhe des Grandhotels Jungfrau Viktoria eine Handvoll Kollegen passierte. Allesamt externe Oberassistenten von Roeder. Er grüsste sie im Vorübergehen wie früher freundlich und nickte ihnen zu. Pascal kannte jeden Einzelnen. Drei von ihnen sassen in der eigenen Praxis in Bern und zwei im Solothurnischen.
Alle hatten zwar Zahnmedizin studiert, fachlich lagen jedoch Meilen zwischen ihnen und Pascal. Sie amtierten sozusagen als Freiwillige im klinischen Studentenkurs von Roeder, wo Zahnfüllungen und Wurzelbehandlungen gelehrt wurden. Es war überhaupt nicht das Gebiet der Oralchirurgen oder Implantologen. Pascal stand somit in keiner Art und Weise in Konkurrenz zu ihnen. Ganz anders in Sachen Gunst und Gnade des Professors: Zu Laubschers Roeder-Zeiten waren die Fünf eifersüchtig auf ihn gewesen, sehr sogar, wie kleine Buben auf einen neuen Schüler, dem der Lehrer etwas mehr Aufmerksamkeit schenkt. Nichtsdestotrotz hatte Pascal im Institut mit dem einen oder andern ein kurzes Wort gewechselt und war seines Weges gegangen. Man war ja etwa gleich alt.
Doch an jenem Kongresstag wechselten sie kein Wort, nicht einmal einen Blick. (. . .) Laubschers Spiessrutenlauf an diesem Tag nahm kein Ende. Wo er hinkam, schaute man sofort weg oder gaffte ihn blöd an und tuschelte sogleich hinter seinem Rücken. Kaum zu glauben, welche Anstrengungen unternommen wurden, um ihn zu diskreditieren und zu verleumden. Nach dem sehr unfreundlichen Verhalten der externen Oberassistenten und dem reservierten Verhalten der Stadtberner Berufsbrüder bekam Pascal den Eindruck, seine Abtrünnigkeit und Fehde mit Roeder sei das Hauptthema in den Pausen der Tagung. Fast alle Zahnärzte schienen die Geschichte des Nestbeschmutzers Laubscher oder Teile davon zu kennen.
Pascal hatte so etwas schon mehr als einmal in seinem Leben erfahren: zuerst an der Schulweihnacht in der Primarschule in Meiringen, später in den Physikstunden am Gymnasium in Thun, dann in der Vorklinik in der Anatomie bei Professor Vogel und kaum in der Klinik, durch die Hässlichkeiten von Konrad Kurz. Boshaftigkeiten, besonders verleumderische, verbreiten sich immer sehr schnell, viel rasanter als Feuer im dürren Herbstlaub bei heftigem Föhn. Daher wehte Pascal in Interlaken Schadenfreude und auch ein wenig versteckter Neid ins Gesicht. Das schmerzte heftig und liess tiefe Narben in seinem Herzen zurück. Es war wieder einmal so ein Moment in Pascals Leben, wo es ihm richtig schwerfiel, an das Gute im Menschen zu glauben.
Die meisten mochten dem «Implanteur von Herzogenbuchsee» mit seiner Schraube und vollmundigen Sofortstegmethode die Niederlage so richtig gönnen. Roeders Bann hatte am Kongress den ganzen Tag über starke Wirkung gezeigt. Doch Pascal erduldete den Tag und schwieg, still vor sich hinleidend. Was hätte er schon gegen diese Übermacht und Voreingenommenheit tun können?
Und dabei hatte sich doch der grosse Professor Roeder geirrt. Aber wie so oft in der Wissenschaft benötigte es Jahre, um den Irrtum zu korrigieren, wie damals, als die Erde eine Scheibe bleiben sollte. (. . .) Erst als Pythagoras und zweihundert Jahre später auch Aristoteles die Scheibe zur Kugel erklärten, fand die Tellertheorie ein Ende. Nun war der Hohlzylinder nicht die Erde und Pascal nicht Pythagoras oder Aristoteles, was allerdings nichts am Glaubenskrieg änderte. Da interessierte es auch niemanden, wer eigentlich recht hatte und wer nicht. Roeders Wort genügte. Schon geraume Zeit hatte der eine oder andere Kollege den «Schrauben-Laubscher» neidisch und argwöhnisch beobachtet. Und nicht wenige davon wurden im Lauf der Zeit zu derart primitiven Neidern, dass sie beinahe schon stolz auf ihre Missgunst waren und ihr Übelwollen auch nicht mehr sehr zu verbergen suchten. Die Hetzer nahmen sich nicht die Mühe zu überlegen, dass Neid nicht einfach über Nacht gekrochen kommt und sich aus Freude still in die Herzen der Scheelsüchtigen schleicht wie ein Ringelwurm in die feuchte Erde nach einer verregneten Nacht, sondern dass Mühsal und Tränen, Arbeit und Entbehrung dahinterstecken, bis ein Mensch überhaupt eine Spur Neid wert ist.
Pascal wurde beneidet; er schien eine Persönlichkeit geworden zu sein. Jeder Rutenhieb, der auf ihn herniederpeitschte, mochte viel charakterliche Schwäche des Schlagenden entladen, aber wenig an sachlicher Stärke. Pascal durchlitt einen Karfreitag, litt am Körper und an der Seele ob all der Niedertracht seiner Kollegen. Nie so sehr wie an diesem Tag in Interlaken hätte er die halbe Welt gegeben, ein unbekannter Landzahnarzt in einem abgelegenen Kaff zu sein, vielleicht in Guttannen oder Gadmen, ja einer zu sein aus dem ganz grossen Haufen, der von Implantaten nichts wusste und von morgens bis abends Zähne flickte und zufrieden war.
Das Blut aus seiner verletzten Seele tropfte ins seichte Gewässer der Zahnärzteschaft und keiner merkte es. Im Gegenteil: Seine Kollegen tummelten sich wie Haie darin und schnappten gierig nach Laubscher. In Interlaken wurde Pascal richtig bewusst, wie fischig viele seiner Kollegen waren: aalglatt und leicht am Geruch zu erkennen. Das Betrübliche war, dass ausgerechnet diese glitschigen Fische seit Jahren die Kommissionen des Zahnärzteverbands besiedelten und das Sagen hatten. Nach einer gewissen Amtszeit wanderten sie in die nächste Kommission und dann wieder in die nächste. jahre-, oft jahrzehntelang sah man stets die gleichen Mäuler und Augen, Ohren und Nasen, die über den Verband wachten und dessen Schicksal in ihre eigenen Bahnen zu lenken versuchten.
(. . .) Ehrgeiz und der Wunsch vorwärtszukommen, sind jedem Menschen mehr oder weniger eigen, nicht allen im gleichen Ausmass und auf derselben Ebene. Schlimm ist jener dran, der aus Ehrgeiz den Verstand verliert und beispielsweise als Mitglied des Gemeinderats oder Gesundheitsrats die Macht des Amts missbraucht und Menschen manipuliert.
Dr. Laubscher sollte dies noch in aller Härte zu spüren bekommen.»
An diesem goldenen Herbsttag überzieht die Sonne die untere Berner Altstadt mit einem zart schimmernden Schleier. Eine Stimmung von betörender Friedlichkeit. Der Hausherr steht auf der grosszügigen Terrasse des herrschaftlichen Kopfhauses am Nydeggstalden und atmet tief ein. «Der Herbst ist meine liebste Jahreszeit. Wissen Sie, ich habe mein Leben immer in Jahreszeiten gesehen.» Das dreigeschossige Haus ist das «älteste und schönste Haus von Bern». So steht es in «Herbst», dem dritten Teil des autobiografischen Romans «Die Papiereltern» von Philippe Daniel Ledermann, der sich im Buch Pascal David Laubscher nennt.
Bereits im Mittelalter ist das Haus nachweisbar, nach dem Stadtbrand von 1405 wurde es auf den Resten der Befestigungsmauer aus dem 13. Jahrhundert wieder aufgebaut. Dieses Haus, dessen Interieur ganz im Zeichen des Jugendstils steht, atmet Geschichte. Für einen Menschen, den es als dreijähriges Adoptivkind von Genf ins Berner Oberland verschlug und der lange Zeit nichts über seine Herkunft wusste, muss eine solche Wohnadresse jenseits des Besitzerstolzes eine ganz besondere Aura von Zugehörigkeit und Geborgenheit verströmen.Der erste Band der Autobiografie beginnt mit einem traumatischen Erlebnis des zehnjährigen Pascal. Am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien fragt Lehrer Gehring die Kinder, wo sie denn hinreisen müssten, gäbe es heute eine Volkszählung wie zu Zeiten von Kaiser Augustus. Der junge Pascal Laubscher antwortet bestimmt: «Ich muss nach Affoltern.» Der Lehrer schüttelt den Kopf und erwidert kalt: «Hier im Rodel steht etwas ganz anderes. Hier steht Genf, schwarz auf weiss. Du müsstest nach Genf und nicht nach Affoltern.» Ein Mitschüler kommentiert die Szene hämisch mit den Worten: «Er hat nur Papiereltern.»
Der in Meiringen als Sohn eines Kaminfegermeisters aufgewachsene Ledermann zeigt über den Läuferplatz auf die andere Seite des Flusses. Von dort hätten die Aufständischen – meist bäuerlicher Herkunft – 1802 mit Kanonen über die Aare geschossen. Die verhasste, von Napoleon installierte helvetische Republik war die Zielscheibe; als «Stäcklikrieg» ist der Aufstand in die Geschichte eingegangen.
«Mechaniker im weissen Kittel»
Der 67-jährige Berner Zahnarzt und Oralchirurg, Erfinder der weltweit benutzten Ledermann-Schraube, hat etwas von einem Feldherren im Ruhestand, der viele Gefechte gegen das zahnmedizinische Establishment ausgefochten hat. Es sind Konflikte, die an die Geschichte von David und Goliath erinnern oder an den Sinnspruch, wonach der Prophet im eigenen Land nichts gelte. «Was mir widerfahren ist, passiert auch heute noch Menschen, die sich mit ihren Ideen und Erfindungen exponieren.» Ledermann hat überlebt, aber viele Verletzungen davongetragen; die Narben sind äusserlich nicht sichtbar. An der Konfirmationsfeier damals in Meiringen hatte der Pfarrer als Leitspruch seiner Predigt Matthäus, Kapitel 16, Vers 26 ausgewählt: «Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden seine Seele?»
Der «Mechaniker im weissen Kittel», wie Ledermann sich mit koketter Nonchalance bezeichnet, kann auf ein imposantes Lebenswerk zurückblicken: Er ist nicht nur ein wohlhabender Mann geworden, kraft seiner Erfindung ist er auch ein Wohltäter; oft war er die letzte Hoffnung von «Esskrüppeln», die an Schwund des Kieferknochens litten und sich teils kaum mehr artikulieren konnten. Manche hatten allen Lebensmut verloren, dachten an Selbstmord. Ledermann konnte ihnen wieder zu einem lebenswerten Leben verhelfen, während seine Berufskollegen mit der auf Infekte anfälligen Hohlzylindermethode keine dauerhaften Erfolge erzielten. Die zahnimplantologische «Revolution» kam nicht etwa von oben, von den allwissenden Honoratioren der Universität, nein, sie hatte ihren Ursprung auf dem Land, im Oberaargau: Als junger Zahnarzt in Herzogenbuchsee entwickelte Ledermann in den 1970er-Jahren eine ebenso simple wie geniale Methode: Morgens wurden vier speziell präparierte Schrauben («Gezeichnet hatte er die Schraube abends nach der Sprechstunde mit dem Reisszeug, das er noch aus der Lehre als Mechaniker besass.») in den Kieferknochen eingesetzt und am Nachmittag ein Steg draufgesetzt, daran konnte die Prothese festgeklemmt werden. Und das Erstaunlichste, fast an ein Wunder Grenzende daran war die «Sofortbelastung»: Die Patienten konnten nach der Operation von der ersten Minute an wieder essen, ja sogar herzhaft in einen Apfel beissen. Ledermann verkörperte damit einen bedeutenden Fortschritt in einer Zeit, als Implanteure für Zahnärzte etwa denselben Stellenwert besassen wie «Geistheiler für die Schulmediziner».
Die Jagd auf den «Ketzer»
Der Kontrast zur bislang praktizierten Methode konnte drastischer nicht sein: Zahnlose mit einem massiv «atrophierten» Unterkiefer durchlitten ein Martyrium: Sie mussten sich einer Operation unterziehen, in der ihnen Knochen von Rippen oder vom Beckenkamm auf den Unterkieferbasalbogen transplantiert wurde. Was anschliessend passierte, hat Ledermann anschaulich geschildert: «Danach mussten die Transplantate mit Drahtschlaufen fixiert und mit Haut von der Innenseite des Oberschenkels abgedeckt werden – grauenvolle Eingriffe mit längerem Spitalaufenthalt und fürchterlichen Schmerzen mit dem eher kläglichen Resultat, dass das Knochentransplantat oft nach ein, zwei Jahren wegschmolz wie Butter an der Sonne.»
Als Ledermann mit seiner «Schraube» erste Erfolge feierte und gleichzeitig die bisherige Praxis kritisierte, wurde er zum Paria. In «Herbst» fasst Ledermann sein Sakrileg gleich selber zusammen: «Wie konnte sich der unbekannte Praktiker vom Lande nur erdreisten, ein neues prothetisches Konzept zu entwickeln und damit eine alte Lehrmeinung zu bodigen und bewährte Pfade der ‹Zahnarzterei› einfach zu verlassen?» Ja, wie konnte er nur? Sein Doktorvater beschied ihm am Ende des zweiten Bandes der «Papiereltern» mit dem Gestus des Richters: «Von uns hast du nichts mehr zu erwarten.» Seine Gegner bliesen zur Jagd auf den «Ketzer» («Wenn einer so Auto fahren würde wie Laubscher implantiert, hätte man ihm den Fahrausweis längst entzogen.») und begannen mit einer jahrelangen Belagerung.
Schicksal oder Zufall?
Bei besagter Belagerung Berns im «Stäcklikrieg» 1802 traf eine Kanonenkugel die Ecke eines Hauses am Läuferplatz. Ledermann zeigt auf das gegenüberliegende Gebäude. Energisch wirkt er in seinen Gesten, eloquent in seinen Worten. Das Mauerstück des Altbaus mit dem Einschussloch wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in einen Neubau wieder eingesetzt. Die Ergebnisse des Aufstands wurden von französischen Truppen rückgängig gemacht, nachdem diese im Oktober 1802 wieder einmarschiert waren. In der von ihm diktierten Mediationsakte machte Napoleon allerdings Zugeständnisse und gab den zentralistischen Einheitsstaat zugunsten einer föderalistisch organisierten Schweiz auf. Je nach Blickwinkel ein Rebell, ein notorischer Unruhestifter oder gar ein Revolutionär ist auch Philippe Daniel Ledermann. «Ich bin ein ehrlicher Mensch und kann einfach nicht schweigen, wenn ich etwas als falsch erkenne», sagt der Mann, dessen Lebensmaxime lautet: «Wer aufgibt, hat schon verloren. An Widerständen wächst der Mensch.»
Im Buch schreibt er von einem «übertriebenen Wahrheitswahn», der ihn zu einer radikalen Kritik des «fehlkonstruierten Zahnimplantats seines Doktorvaters» verleitet habe. «Ich hätte besser schweigen und in meiner Praxis mit meiner Methode einfach weiterfahren sollen», sagt er heute. Mit dem Rücken zur Wand, allein gegen eine schier unüberwindliche Übermacht, erwachte in ihm der Kämpfer: «Wenn es ihm schlecht ging, wuchsen dem Waisen von Genf unbekannte, fast imaginäre Kräfte, als kämen sie aus der Vergangenheit, vielleicht aus der Aura seines leiblichen Vaters. Diese fiktiven Kräfte spürte er auch jetzt in seinem Innern auflodern. Der Erhaltungstrieb in seinem Erbgut schien sich zu regen.»
Wer die Autobiografie von Philippe Daniel Ledermann liest, der sieht sich unweigerlich konfrontiert mit grossen Fragen nach der Rolle von Schicksal und Zufall im Leben, nach den Anteilen von Vererbung und Umwelteinflüssen bei der Ausbildung der Persönlichkeit. Tatsache ist: Ledermann ist bei liebevollen Adoptiveltern, bei «Ätti» und «Müeti» im Oberhasli aufgewachsen, in dieser «gottgefügten Ordnung», wo die Kinder wie selbstverständlich in die Fussstapfen der Eltern traten. Er aber hat seinen eigenen Weg gesucht, andere Zukunftspläne geschmiedet: im Landschulheim Oberried bei Belp bereitet der Primarschüler sich auf die Lehrlingsaufnahmeprüfung vor, er tritt eine Lehre als Mechaniker bei der Hasler AG an. Allein, Pascals Wissenshunger ist nicht gestillt, er will aufs Gymnasium und bricht nach bestandener Prüfung die Lehre ab.
Der Drang, seine eigenen Wurzeln zu kennen, macht sich beim Studenten immer stärker bemerkbar; in Bern findet er zwar vorübergehend eine «Heimat» bei der schlagenden Verbindung der «Rhenanen». Ein harmloses Liebesabenteuer mit der Tochter eines «Altherren» wird jedoch streng geahndet und führt zum Ausschluss – später wird er rehabilitiert. Noch als Gymnasiast absolviert er an einem Westschweizer Spital eine Pflegepraktikum; bei einer Operation jagt der Chirurg den vermeintlichen «Voyeur» mit Schimpf und Schande davon.
Woher komme ich?
Das Missverständnis wird unter Vermittlung einer Oberschwester geklärt; im Büro des Chirurgen kommt ihm diese Respektsperson unerklärlich vertraut vor: «Und da war auch wieder jene Stimme, deren Klang und Timbre unergründlich tief in Pascals Seele hineingeschossen war.» Aus dem leicht geöffneten Bücherschrank dringen die Klänge von Beethovens «Tripelkonzert – auch hier hat der junge Mann in einem tranceähnlichen Zustand das Gefühl, «als sei er mit diesen Klängen seit Menschengedenken vertraut.» Erst später wird er erfahren, dass dieser Professor Ubertin sein leiblicher Vater ist. Der Chirurg stirbt einige Jahre später bei einem Autounfall, ohne je erfahren zu haben, wer dieser junge Mann war. Er könne keine bewussten Erinnerungen an diese Genfer Zeit haben, sagt Ledermann, «aber der Geruch von Croissants oder die Sopranarie ‹O mio babbino caro› aus einer Puccini-Oper erfüllen mich immer mit grosser Wehmut.»
Wie sein Vater stammt auch Ledermanns Mutter aus dem Genfer Stadtpatriziat. Er kommt ihr auf die Spur, nachdem er im Sekretär der Adoptiveltern ein mit Name und Geburtsdatum versehenes Foto eines jungen Mädchens gefunden hat. Auf der Einwohnerkontrolle in Genf rührt er mit seiner Geschichte die Beamten zu Tränen, findet so seine Halbschwester und über sie die Mutter: Tristesse Guisan, geborene Junod. Die Mutter stirbt nur zwei Monate nach der Begegnung mit dem Sohn. Sie erzählt Pascale von der Liebesgeschichte zweier verheirateter Menschen, eine Scheidung war damals undenkbar. Als sie von Ubertin ein Kind bekommt, wird sie von der Familie verstossen. Verzweifelt gibt sie den Sohn zur Adoption frei, um ihm eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Ätti und Müetti in Meiringen hat Ledermann nie ein Wort über seine Wurzelsuche gesagt: «Sie wären verletzt gewesen und hätten annehmen müssen, ich würde mit meinem Schicksal hadern.»
Die Frau an seiner Seite
Wir sitzen am Tisch neben der offenen Küche. Von den Möbeln und Lampen über die Vasen und Kerzenleuchter bis zu den Gemälden wirkt alles mit grossem Sachverstand ausgewählt. Auch der kleine Windhund Juri fügt sich organisch in dieses Umfeld ein. Die gemeinsame Liebe zum Jugendstil ging so weit, dass das Ehepaar 1989 an der unteren Gerechtigkeitsgasse ein eigenes Hotel ganz im Stil der Epoche eröffneten: das Belle Epoque.
Er wisse, dass er kein «Einfacher» sei, sagt Ledermann mit einem Seitenblick zu seiner Frau, «ich habe halt einen Oberländer Gring und ein stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl.» Seine Frau Marina, Wegbegleiterin seit über vierzig Jahren, nickt lächelnd. In den «Papiereltern» stimmt Ledermann eine Ode an «seine» Frau Carmela an, es ist eine leidenschaftliche und mit der Beredsamkeit eines mittelalterlichen Barden vorgetragene Liebeserklärung. Seine spätere Ehefrau lernte er beim Abschlussball der Arztgehilfinnenschule kennen, wo er als Student unterrichtete. «In ihrem Körper lebte das warme Gemüt Iberiens und die stolze Seele einer jungen Donna.» Seine Frau sei als «Verkörperung der reinen uneigennützigen Liebe», eine der beiden Kraftquellen, aus denen Ledermann alias Laubscher Kraft schöpfe, die andere ist die «Achtung vor der Schöpfung».
Die Berufung und ihr Preis
Oft habe sie Angst um ihren Mann gehabt, gesteht Marina Ledermann, wenn er bei einem Konflikt – und Auseinandersetzungen gab es wahrlich genug – wieder stur und mit gesenktem Kopf wie ein «Muni i Chrishuufe» gerannt sei. «Für meine Frau stand die Familie halt immer im Zentrum», betont Ledermann mit beschwichtigendem Unterton. Und so gross seine Liebe zu seiner Frau und der gemeinsamen Tochter immer gewesen sei, «war ich halt, das darf man ja sagen, ehrgeizig im Beruf.» Marina Ledermann meldet sanft Widerspruch an: «Doch, Philippe, dein Ehrgeiz war für dich manchmal wichtiger als die Bedürfnisse der Familie.» Ledermann schweigt einen Moment und schüttelt langsam den Kopf: «Ich will jetzt keine Rangfolge aufstellen, was mir wichtiger war.»
Nach den ersten beiden Bänden «Frühling» und «Sommer» (2002 und 2003 erschienen), die in einer üppigen, an Jugendstilgemälde gemahnenden Sprache voller kraftvoller Bilder und einprägsamer Vergleiche Kindheit und Jugend wiederaufleben liessen und die abgebrochene Mechanikerlehre, das Gymnasium sowie das Zahnmedizinstudium in Bern nachzeichneten, hat der nun erschienene dritte Teil seiner Autobiografie den Charakter eines Schlüsselromans.Die Namen seiner Widersacher in der Universität und in den Standesorganisationen sind zwar Pseudonyme, sie liegen aber klanglich bewusst nahe am Original. Alles sei «wahr» in diesem dritten Band, sagt Ledermann bestimmt, «ich habe sogar bei gewissen Vorkommnissen gebremst und nicht alles geschrieben.» Das Manuskript legte er einem Juristen vor, um sich gegen Klagen wegen Persönlichkeitsverletzung abzusichern. Der «Vernichtungsfeldzug» mit Vorwürfen wie «Tierversuche an Menschen» hätten in immer neuen Anläufen und Variationen vor allem ein Ziel verfolgt: Ledermann die Berufszulassung zu entziehen. Er tritt unter anderem aus dem von ihm mitgegründeten internationalen Team für Implantologie aus und kommentiert dessen Attacken mit einem für sein Temperament charakteristischen Vergleich: «Einer Gottesanbeterin gleich, die ihr Männchen nach dem Akt auffrisst, wurde er kurz nach seinem heftigen universitären Begattungsschlaf getötet und aufgefressen.»
So wie er über die Gabe verfügt hätte, beim Operieren stets hoch konzentriert alle Anfeindungen und Intrigen auszublenden, so könne er auch in ein Stadium der «Schreibwut» eintauchen, sagt Ledermann. Der letzte Band seiner Tetralogie «Winter» hat er bereits geschrieben («Jetzt kommt noch die Kürzungsarbeit.»), er beginnt mit dem Tod von Müetti 1998. Als Schreiber kennt er keine Bürozeiten: «Meine Muse ist unberechenbar.» Es gebe Tage, da gehe überhaupt nichts, und dann fliesse es plötzlich aus ihm heraus, «als ob mir jemand alles diktieren würde». In diesem Zustand befinde er sich in einer eigenen Welt und tauche nur langsam wieder auf. Schriftsteller war ein Jugendtraum von Ledermann, zahlreiche Kurzgeschichten und Gedichte sind noch unveröffentlicht. Sein Leben habe er jedoch ohne den Gedanken an eine Veröffentlichung angefangen aufzuschreiben, betont er. «Man kann es eine Art Therapie nennen, ich brauchte ein Ventil für meine Nöte.» Zu Hilfe kamen ihm dabei «mein phänomenales Gedächtnis» und sporadische Tagebuchnotizen, «mit denen ich als Neun- oder Zehnjähriger begonnen hatte».
«Der Winter ist angebrochen»
Als der 2007 verstorbene Schriftsteller und Unternehmer Hannes Taugwalder als Patient Ledermanns Praxis aufsuchte, erzählte ihm der Zahnarzt im Gespräch, dass er privat auch schreibe. Taugwalder las die autobiografischen Aufzeichnungen, erkannte ein Erzähltalent von «fast gotthelfscher Prägung» und sprach sich vehement für eine Publikation aus; als sich auch ein befreundeter Zahnarzt in Zürich und der ehemalige NZZ-Literaturpapst Werner Weber positiv äusserten, machte sich Ledermann auf Verlagssuche. Der erste Band erschien 2002 bei Erpf, der zweite im gleichen Jahr im selbst gegründeten Nydegg-Verlag (den er verkauft hat, und der heute Krimis im Programm hat).
Der dritte Band liess fast ein Jahrzehnt auf sich warten. «Diese lange Pause war nicht geplant», räumt Ledermann ein, «ich habe die anfallende Arbeit in der Praxis unterschätzt.» 2006 übergab er die Praxis im Erdgeschoss am Nydeggstalden seinem Nachfolger – nicht ganz freiwillig. Bei der Operation eines «Springfingers» wurde ein Nerv in seiner rechten Hand verletzt. «Ich bin dem Arzt nicht böse», sagt Ledermann lachend. «Offenbar passen die eigenartig verlaufenden Nervenläufe zu meiner Persönlichkeit.» Aber ganz untätig ist er nicht: «Bimanuelles Operieren» ist zwar nicht mehr möglich, aber etwa einmal im Monat macht er bei einem Zahnarzt noch Knochenbohrungen und setzt Implantate. Und wo befindet er sich jetzt im Zyklus der Jahreszeiten, im Spätherbst seines Lebens? «Nein, nein», Ledermann winkt ab, «der Winter ist angebrochen.» Er schaut seine Frau an. «Aber auch diese Jahreszeit hat ihren Reiz.»
Der dritte Teil von «Die Papiereltern» ist im Landverlag, Langnau erschienen. Ebenfalls neu aufgelegt als Taschenbücher sind die Bände «Frühling» und «Sommer». (Der Bund)
Erstellt: 22.10.2011, 12:06 Uhr
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