Die Wörterdiebe

Der Schweizer Bestsellerautor Michael Theurillat hat für seinen neuen Roman wortwörtlich von Wikipedia abgekupfert. Ist das schlimm?

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Hört man Plagiat, kommt einem Guttenberg in den Sinn. Der deutsche Politiker verlor dieses Jahr seinen Posten als Verteidigungsminister, nachdem bekannt geworden war, dass Passagen seiner Doktorarbeit kopiert sind. Vielleicht hätte Guttenberg Schriftsteller werden sollen. In dieser Branche nämlich kann man noch ungestraft kopieren.

Das bewies vor einem Jahr Michel Houellebeq, der für seinen Roman «Karte und Gebiet» Passagen aus Wikipedia übernommen hatte. Nun hat auch die Schweiz ihren Wikipedia-Dichter. Bestseller-Autor Michael Theurillat hat, so ist in der «Weltwoche» zu lesen, in seinem neuen Krimi «Rütlischwur» die Beschreibung des islamischen Geldüberweisungssystem Hawala eins zu eins vom Onlinelexikon abgeschrieben.

Nennen wir es «Inspiration»

Nun basiert ein Grossteil der Literatur auf einem Ideenklau, der sich mal auf Themen, mal auf Plots oder Passagen beschränkt. Man denke an Joyce' «Ulysses» oder T. S. Elliots «The Waste Land». Auch Shakespeare war darin ein Meister. Es stellt sich also die Frage: Wie schändlich oder illegal ist Abkupferei in der Literatur tatsächlich? Wo sind die Grenzen zwischen Inspiration, Intertextualität und Plagiat?

Ein erhellendes Beispiel zum Thema ist der Fall Helene Hegemann, die Deutschlands Literaturbetrieb vor einem Jahr einen kleinen Skandal bescherte. Ihr Debütroman «Axolotl Roadkill» wurde in etlichen Feuilletons gefeiert, von anderen aber als Plagiat gescholten. Denn Teile des Buchs waren aus dem Internetroman eines anonymen Bloggers kopiert und nicht entsprechend ausgewiesen worden. Von geistigem Diebstahl sprachen Hegemanns Kritiker, von einem Beispiel avantgardistischer «Sampling»- oder «Sharing»-Kultur ihre Verteidiger.

«Patchwork» und «Verwebungen»

Die Entschuldigung Hegemanns war, wie immer bei literarischen Plagiatsvorwürfen, das Spannendste an der Angelegenheit. Bei Theurillat zum Beispiel klingt sie so: «Ich sage nirgends, dass diese Textstelle im Buch von mir ist. Was ich schreibe, ist alles eine Mischung aus Realität und Fiktion. Auch Houellebeq verteidigte sich damals erfinderisch. Er bestreite die Übernahme gar nicht, verwehre sich aber gegen den Begriff des Plagiats und bevorzuge stattdessen «Patchwork» und «verweben». Das sei sein Stil, der übrigens an Perec and Borges angelehnt sei. Wobei er es bedaure, die Wikipedia-Einträge leicht umgeschrieben zu haben. Eigentlich hätten sie im Originalton besser geklungen.

Angriff, das weiss Michel Houellebeq natürlich, ist die beste Verteidigung. Denn was ihm auch bekannt sein dürfte, ist, dass Plagiate eigentlich nur dann eigenständige Kunst sind, wenn sie ausdrücklich als Plagiate ausgewiesen werden. Damit jeder Rezipient überprüfen kann, wie kreativ das Material genutzt wurde. Das gilt auch für die Inhalte von Wikipedia, die laut der Creative-Commons-Lizenz zwar frei verfügbar, aber eben auch zu kennzeichnen sind. Houellebecq hat in der englischen Übersetzung seines Romans Wikipedia denn auch freiwillig als Quelle im Anhang hinzugefügt. Einklagen lassen sich Houellebeq oder Theurillat allerdings kaum. Denn ein Wikipedia-Eintrag entsteht als Gemeinschaftswerk – wer da als Opfer eines geistigen Eigentumsraubs als Kläger auftreten könnte, ist unklar.

Ist literarischer Wikipedia-Klau ein Skandal? Nein. Peinlich? Vielleicht. Ausdruck von Faulheit? Mit Sicherheit. (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 08.12.2011, 14:20 Uhr)

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