Die Welt ist sein Gehirn

«Weniger als nichts» ist in Wirklichkeit ein Buch über alles: Der slowenische Starphilosoph Slavoj Žižek schreibt auf 1400 Seiten über Hegel, Heidegger, Hollywood, tote Fische, Fossilien und Sex.

Hyperaktiver Idealist mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom und südslawischer Macho: Slavoj Žižek. Foto: Matt Carr (Getty Images)

Hyperaktiver Idealist mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom und südslawischer Macho: Slavoj Žižek. Foto: Matt Carr (Getty Images)

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Es ist schon ein ziemlicher Hammer, dass Bücher auch Objekte der physischen Welt sind. Denn es gibt nichts, was weniger greifbar wäre als der Inhalt ­eines Buchs, die Substanz, die in ihm steckt. Gedanken, Begriffe, Ideen – im strengen Sinn existiert das alles ja gar nicht, und wenn man zu lange und zu inten­siv darüber nachdenkt, was es ­damit auf sich hat, dann wird man irre oder doch zumindest seltsam. Das ist ja auch der Grundverdacht gegen alle Philosophie: dass sie ein Hobby für Spinner ist, die wirre Dinge reden und denen man eigentlich einen Schwerstbehindertenausweis um den Hals hängen müsste, weil sie mit all den verrückten Ideen im Kopf gar nicht überlebensfähig sind in der echten, wahren, zweifellos vorhandenen Realität.

Allen, die so denken, würde man gerne das neue Buch von Slavoj Žižek an den Kopf werfen, damit sie spüren, wie sehr sie sich irren. Es ist 1408 Seiten stark und ziemlich schwer, und selbst in ungelesener Form demonstriert es auf perfekte Weise seinen Gegenstand: dass nämlich etwas so Leichtes und Ungegenständliches wie das Denken – «Weniger als nichts», wie der Titel des Buches heisst – der allerstärkste Beweggrund von allen sein kann, eine Triebkraft, die nicht nur die angeblich entrückte Sphäre der Ideen beherrscht, sondern auch die gesamte Wirklichkeit unablässig verformt. Es gibt in der Menschenwelt kein Objekt, das nicht bis zum Zerbersten mit Gedanken vollgestopft wäre. Ein Buch ist in dieser Hinsicht ein Ding unter Dingen – man sieht ihm seine Ideenhaftigkeit nur leichter an als einem Higgs-Teilchen oder einer Zigarette.

Jackpot garantiert

Wir befinden uns übrigens schon längst mitten im Thema des Buchs, nämlich der Philosophie des deutschen Idealismus, die so gar nichts zu tun hat mit irgend­einer klassizistischen Idealwelt voller hehrer Ideale. Vielleicht musste ein Typ wie Žižek kommen, um dieses Missverständnis endgültig aus der Welt zu schaffen – ein slowenischer Nomade, der aussieht wie ein Diogenes aus der Mülltonne, der redet wie ein Wasserfall und der von ordentlichen deutschen Professoren nicht ernst genommen wird, weil er als unseriös gilt, als Scharlatan, der zu jedem Unsinn sofort eine gigantische Theorie entwickelt.

Stimmt ja auch. Slavoj Žižek ist wie ein Spielautomat, bei dem man garantiert den Jackpot knackt. Man muss nur ein bisschen Spielgeld hineinwerfen, schon wird man unter einem gigantischen Haufen von Münzen begraben. In «Weniger als nichts» werden tote Fische, Hosni Mubarak, der Hollywoodfilm «Thelma & Louise», Heinrich von Kleist und Martin Heidegger, Papst Benedikt XVI., die Liebe, Fossilien, das gödelsche Theorem und sogar Boris Jelzin untersucht. Das Einzige, was all diese Phänomene (die surrealistische Aufzählung liesse sich ewig fortsetzen) verbindet, ist die Tatsache, dass es sie gibt. Für Žižek ist die Welt halt ein synaptischer Megazusammenhang, ein externes Gehirn, in dem alles mit allem verschaltet ist. Die Verbindungsleitungen sind schon da, es muss bloss irgendjemand den Strom einschalten.

Nur: Warum soll man sich das geben? Einmal alles mit allem, bitte! Wozu die Überdosis Geist in Form eines anderthalbtausendseitigen Buchs, das viele, die behaupten, es Seite für Seite durchgelesen zu haben, als lügende Kreter entlarvt, weil die Lektüre bei einem angemessenen Lesetempo von zwanzig Seiten pro Stunde zwei volle Arbeits­wochen in Anspruch nimmt? Warum soll man einem Mann zuhören, der sich selbst als einen Idioten einführt und sein Buch bewirbt als einen «Hegel-Leitfaden für Imbezille, deren IQ sich, beleidigend gesprochen, ungefähr auf dem Niveau ihrer Körpertemperatur (in Grad Celsius) bewegt?» Muss man erst komplett dumm werden, um zum absoluten Wissen vorzudringen?

Slavoj Žižek hat ein Buch über alles geschrieben, und er hat ein Buch über Georg Wilhelm Friedrich Hegel geschrieben. Das ist im Grunde dasselbe, denn Hegels Philosophie ist eine Theory of Everything, die grösste und schönste, die jemals erschaffen wurde, im Grunde eine Neuerrichtung der Welt.

Alles Denken vor Hegel war Vorgeschichte, alles danach Fussnote zu ihm – dieser Einschätzung folgt auch Žižek, obwohl «Weniger als nichts» dann doch mehr sein will als alles, keine Fussnote, sondern eine Wiederholung Hegels.

«Man kann nicht direkt zur Wahrheit gelangen», das ist die Lehre der Dialektik. Der Geist muss sich in einer grau­samen Serie von Enttäuschungen und Rückschlägen durch die gespenstische Masse der Phänomene hindurcharbeiten, nur um am Ende festzustellen, dass diese Bewegung selbst schon die ganze Wahrheit war.

«Weniger als nichts» ist eines der seltenen Bücher, in denen das Denken sich beim Lesen selbst begegnet. Es kommt dabei ständig zu Explosionen. Indem sich Žižek, sonst als Psychoanalytiker und postmoderner Marxist unterwegs, hier als linientreuer Hegelianer zu erkennen gibt, versteht man sein sprunghaftes Philosophieren neu. Er ist ein hyperaktiver Idealist mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, der seinen Blick über eine Welt schweifen lässt, die nicht mehr so wohlgeordnet ist wie der preussische Beamtenstaat, zu dem der Philosophieprofessor Hegel gehörte.

Das Normale als Grenzfall

Aber auch bei Žižek ist nur das Ganze das Wahre, nicht die isolierte Aussage. Obwohl sein Text vor den üblichen Sig­nalwörtern wie «Objekt klein a» und «phallischer Signifikant» nur so wimmelt, könnte man kein Lexikon «Žižek – Deutsch, Deutsch – Žižek» anlegen. Man darf das Verpackungsmaterial – und bei Žižek gibt es mehr davon als in einer amerikanischen Spielzeugfabrik – nicht wegwerfen, seine Überlegungen nicht in Klartext übersetzen wie die Phrasen eines Hochstaplers. Ihre Bedeutung liegt in ihrer Entfaltung, die in diesem Fall nicht wie bei Hegel an einen Bildungsroman erinnert, sondern eher an die Verfolgungsjagd in einem Actionfilm. Žižeks Schwäche für Paradoxien – etwa den Solipsisten, der seine Mitmenschen verzweifelt davon zu überzeugen versucht, dass nur er selbst existiert, oder den keinen Widerspruch duldenden Prediger der Toleranz – ist eben keine Marotte. Die Welt besteht aus Grenzfällen, und das Normale ist nur ein Grenzfall dieser Grenzfälle.

Der Boden, auf dem wir uns im Alltag bewegen, besteht also aus Widersprüchen. Deshalb ist Karl Marx mit seinem Versuch, Hegel vom Kopf auf die Füsse zu stellen, zumindest in der Wirklichkeit gescheitert. Žižek weiss das, am Ende seines Buchs erinnert er leicht melancholisch an die «verlorenen Prozesse der Weltgeschichte». Er selbst, Lacanianer und letztlich doch auch südslawischer Macho, interessiert sich eigentlich weder für den Kopf noch für die Füsse besonders. Der Drink davor, die Sache selbst, die Zigarette danach – so heissen streng dialektisch die Teile seines Werks.

Es geht also um Sex. Der Trieb ist die Idee, die alles bewegt. Und jede selbstzweckhafte Tätigkeit ist Sexualität, «der ganze Teufelskreis vergeblicher Wiederholungen». Als Beispiel nennt Slavoj Žižek einen Händedruck, der zu lange festgehalten wird. Man könnte auch dieses Buch nehmen, das nicht enden will.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.02.2015, 18:22 Uhr

Slavoj Žižek: Weniger als nichts.Hegel und der Schatten des dialektischen Materialismus. Aus dem Englischen von Frank Born.
Suhrkamp, Berlin 2014.
1408 S., ca. 68 Fr.

«Treffen sich zwei Hegelianer»

Žižeks Witze

Slavoj Žižek kann auch kürzer, leichter und witziger als in dem oben besprochenen Grosswerk. In dem zeitgleich erschienenen Taschenbuch «Treffen sich zwei Hegelianer» stehen ausschliesslich Witze. Sie sind, so viel Philosophie muss sein, nicht auf das kurze Auf- und Ablachen aus, sondern auf Erkenntnis; und die kann auch erst mal unangenehm sein. Žižeks Witze sind, wen wunderts, nicht politisch korrekt und oft auch nicht stubenrein, das heisst, sie haben sehr oft mit Juden, mit Religion oder mit Sex zu tun. Dafür führen sie oft weiter, als man ihnen ansieht. Das bekannte Schema «Gute Nachricht – schlechte Nachricht» benutzt Žižek etwa, um die hegelsche Dialektik These-Antithese-Synthese zu erklären. Auch der Psychoanalytiker Jacques Lacan benutzte Witze zur Veranschaulichung komplexer Sachverhalte; Žižek zitiert etliche von ihnen. Nicht von Lacan stammt dieser: «Ein Rabbi wendet sich verzweifelt an Gott und fragt, was er mit seinem missratenen Sohn tun solle. Antwort: Mach es wie ich, verfasse ein neues Testament!» Das ist die verknappte Fassung, Žižek erzählt die Witze, weil sie auch noch etwas demonstrieren sollen, oft etwas umständlich.

(Slavoj Žižek: Žižeks Jokes. Treffen sich zwei Hegelianer. Aus dem Englischen von Frank Born. Suhrkamp. 156 S., ca. 12 Fr.)(ebl)

Video

Slavoj Žižek über rassistische Witze: Der slowenische Starphilosoph ist ein hyperaktiver Idealist mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Sehen Sie selbst! Quelle: Youtube

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