Kultur

Die «Still-Ayatollahs» auf dem Vormarsch

Elisabeth Badinter hat eine Polemik gegen die neue Lust am Muttersein geschrieben. Heute erscheint das in Frankreich heftig debattierte Buch unter dem Titel «Der Konflikt» auf Deutsch.

Elisabeth Badinter bezeichnet sich selbst als «mittelmässige Mutter».

Elisabeth Badinter bezeichnet sich selbst als «mittelmässige Mutter».
Bild: AFP

Elisabeth Badinter: Der Konflikt. C. H. Beck, München 2010. 222 S., ca. 32 Fr.

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Auf den ersten Blick scheint es paradox: Frankreich hat mit über zwei Kindern pro Frau die höchste Geburtenrate in der EU. Gleichzeitig arbeiten Französinnen im europäischen Vergleich nach der Geburt ihres ersten Kindes am häufigsten wieder Vollzeit. Sie stillen weniger und geben ihre Kinder schon früh in die Obhut staatlicher Krippen oder Kindergärten. Doch das Mutterbild in Frankreich befindet sich unter dem Einfluss der Wirtschaftskrise wie auch der ökologischen Bewegung im Wandel. Immer mehr junge Französinnen lehnen heute das Modell der «Rabenmutter» ab und verfolgen stattdessen das Ideal einer neuen Mutterschaft.

In ihrem neuen Buch, das in Frankreich für Furore sorgte, tritt Elisabeth Badinter gegen den «Naturalismus» an, der die hart erkämpften Freiheiten und Gleichheitsrechte der Frauen infrage stelle. Unter Berufung auf angeborene Mutterinstinkte kehre eine wachsende Zahl junger Französinnen zum traditionellen Rollenbild zurück – ganz im Sinne der Männer, die sich ohne weibliche Konkurrenz ihrem Beruf widmen könnten und im Haushalt keinen Finger krumm zu machen bräuchten.

Tyrannei der Mutterpflichten

Das Baby als «stärkster Alliierter der männlichen Herrschaft»? Von einer Ironie der Geschichte spricht Badinter, Historikerin und bis vor kurzem Philosophieprofessorin an der renommierten Pariser Ecole polytechnique. In dem Moment, in dem sich die westlichen Frauen vom Patriarchat hätten befreien können, hätten sie zu Hause einen neuen Meister gefunden: das Baby und Kleinkind. Der wachsende Zwang zum wohlgeratenen Kind verlange nach einer Mutter, die immer zur Verfügung stehe und ihr Leben rund ums Kind organisiere.

Der moralische Druck, der von Konservativen ebenso wie Vertretern der Ökobewegung, von Ärzten, Hebammen und Stillberaterinnen ausgeübt wird, beginnt gleich nach der Geburt. Eine gute Mutter greift nicht zum Fläschchen, dem Symbol für gerechte Verteilung der elterlichen Rollen, sondern stillt ihr Kind mindestens sechs Monate lang. Um des Kindeswohls willen bleibt sie freiwillig die ersten drei Jahre zu Hause und gibt damit eigene berufliche Ambitionen auf: Muttersein wird zur Vollbeschäftigung, das eigene Kind zum Lebenswerk.

Grössere Toleranz gefordert

Die «sanfte Tyrannei der Mutterpflichten», so Badinter mit spürbarer Verbitterung, habe mehr erreicht, als die grössten Chauvinisten jemals zu hoffen gewagten hätten. Dabei sei Mutterliebe keineswegs natürlich: Seit dem Mittelalter war es in Frankreich nicht nur unter Frauen der Aristokratie und des Grossbürgertums üblich, ihr Neugeborenes für mindestens ein Jahr zu Pflegemüttern oder Ammen aufs Land zu geben. Später kümmerten sich Gouvernanten um den Nachwuchs, der beizeiten ins Kloster oder Internat gesteckt wurde. Weiblichkeit beschränkte sich nicht auf Mutterschaft, ja die Aufgaben einer Mutter galten sogar als unvereinbar mit der Rolle einer geselligen Ehegattin – bis der Philosoph Jean-Jacques Rousseau in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit seinen moralisierenden Schriften die Frauen erfolgreich an ihre Mutter- und Stillpflichten erinnerte.

In Anknüpfung an das traditionelle Frauenbild in Frankreich plädiert die Autorin für grössere Toleranz gegenüber den verschiedenen weiblichen Lebensentwürfen, zu denen selbstverständlich auch gewollte Kinderlosigkeit zähle. Sie selbst allerdings lässt es an Verständnis für Frauen fehlen, die sich in erster Linie um ihre Kinder kümmern wollen. Dass Kinder für ihre Eltern auch eine Bereicherung sein können, erwähnt sie kaum. Wer der Erwerbsarbeit nicht allerhöchste Priorität einräumt, erscheint in ihrer Darstellung als konsumfeindlich, unemanzipiert oder hinterwäldlerisch. Mit spürbarer Lust an der Provokation wendet sich die streitbare Feministin gegen «Still-Ayatollahs» und Kinderpsychologen, die frühkindliche Bindung als Schlüssel für die künftige Persönlichkeitsentwicklung betrachten. Auch Biologen und Anthropologen, die Frauen mit Säugetieren vergleichen und angeblich auf ihre Hormone reduzieren, sind ihr ein Dorn im Auge.

Frauen im «Gebärstreik»

Dass die Geburtenrate in Europa und den USA immer weiter sinkt, während die Erwartungen und Anforderungen an Mütter steigen, lässt sich indes kaum bestreiten. Für die 66-jährige Autorin, die selbst drei Kinder grossgezogen hat und sich ehrlich als «mittelmässige Mutter» bezeichnet, steht fest: Familienpolitische Massnahmen, wie sie die skandinavischen Länder mit flexiblen Arbeitszeiten, Elterngeld und Vaterschaftsurlaub vorbildlich verfolgen, reichen nicht aus. Wenn Frauen zum Kinderkriegen ermuntert werden sollen, müssen wir uns von einem falschen, weil unrealistischen Mutterbild verabschieden. Andernfalls, so Badinter, würden gerade gut ausgebildete Frauen weiter in einen «Gebärstreik» treten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2010, 20:00 Uhr

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