Die Selbsttötung des Michel Houellebecq
Von Martin Ebel. Aktualisiert am 29.03.2011 11 Kommentare
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Roman
Michel Houellebecq: «Karte und Gebiet», Dumont-Verlag
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Es ist ein kindlicher Traum, dem eigenen Begräbnis zuzusehen. Sich vorzustellen, wie man von all denen, die im Leben nicht immer nett zu einem waren, vermisst, bedauert und beweint wird. Mark Twain hatte in «Tom Sawyer» seinem Titelhelden dieses Vergnügen vergönnt. Michel Houellebecq verschafft es sich selber: Er macht sich erst zur Romanfigur und bringt diese dann, auf spektakulär unappetitliche Weise, um die Ecke. Ein perverser Chirurg verwandelt ihn mit einem Laserschneider in ein Mosaik aus Fleischteilen, die er auf dem Teppich drapiert, durchmischt mit den Resten des ebenfalls ermordeten Haushundes.
Es ist der dramatische Höhe- und Schlusspunkt einer ziemlich einmaligen Fiktionalisierung der eigenen Person, die zugleich Erhöhung und Erniedrigung darstellt und möglicherweise ein Gegengewicht bilden soll zu der Verwandlung der Person Michel Houellebecq in eine Medienfigur: den saufenden, seine Interviewerinnen anbaggernden oder beleidigenden Provokateur – eine Verwandlung, bei der er zumindest eine mittreibende Kraft war. Bei einem der ganz wenigen witzigen Momente des Romans greift der Autor auf sein eigenes MedienVerwirrspiel zurück. Da schwärmt «Houellebecq» seinem Besucher, dem Künstler Jed Martin, von thailändischen Bordellen vor, wo man es ohne Kondome macht. «Ich habe den Eindruck, dass Sie sich selbst persiflieren», kommentiert Jed Martin. «Ja, das stimmt», gibt der Roman-Houellebecq sofort zu.
Eine alte, kranke Schildkröte
Erhöhung und Erniedrigung: Houellebecq bescheinigt sich unentwegt, ein grossartiger Schriftsteller zu sein, und sei es durch die Brille der Nachwelt. Den Menschen Houellebecq dagegen schont er nicht: Der säuft, lässt sich gehen, «stinkt ein bisschen» und gleicht «einer alten, kranken Schildkröte». Er habe selten jemanden gesehen, bemerkt der ermittelnde Kommissar, «der ein so beschissenes Leben führte».
Ist das «fishing for compassion», Mitleidheischen – oder, wie eine deutsche Kritikerin vermutet hat, wollte Houellebecq mit seiner Selbsterniedrigung und Selbsttötung die Kritiker mundtot machen und sich den Weg zum Prix Goncourt, auf den er seit Jahren scharf war, freischiessen? Aber ach, Kritiker hat er, zumindest in Frankreich, so gut wie keine mehr. Die Lobeshymnen, mit denen «La carte et le territoir» überschüttet wurden, müssten einem Autor fast schon peinlich sein, und den Goncourt hat er tatsächlich bekommen.
Im deutschen Sprachraum war die Aufnahme seiner Werke zwar weniger hysterisch in Zustimmung und Ablehnung, aber immerhin einig darin, es mit dem wirkmächtigsten Schriftsteller Frankreichs zu tun zu haben. Was sein neuer Roman literarisch taugt, ist deshalb auch eine weniger interessante Frage als was er gewissermassen diagnostisch wert ist, welche Wahrheiten er bereithält über unsere Gegenwart.
Wie gehabt: Auch in «Karte und Gebiet» geht es nur um Geld, gibt es weder Liebe noch Freundschaft von Dauer, die Menschen beschäftigen sich mit Markenartikeln, nehmen Tiefkühlprodukte zu sich und geben sich überhaupt mit lauter Ersatzformen der Wirklichkeit zufrieden. Die engste Beziehung «Houellebecqs» ist die zu seinem Hund, bei Jed Martin, der zweiten Hauptfigur, ist es die zu seinem Heisswasserboiler.
Ausflug zu Dignitas
Es ist eine Welt im Stadium der Erschöpfung, deren Betrachtung kein Entsetzen hervorruft, nur noch eine grosse Müdigkeit. Jed Martin, als Künstler eine Parallelfigur zum Roman-Houellebecq, bemüht sich in verschiedenen Schaffensphasen, diese Welt einzufangen: Er fotografiert Michelin-Strassenkarten, die in einer Ausstellung mit Satellitenfotos desselben Gebiets konfrontiert werden (daher der Titel); er porträtiert Menschen, die traditionelle Berufe ausüben, dann Unternehmensführer und Prominente, die auch auftreten: Kenner der französischen Szene dürfen sich amüsieren über kleine Verfremdungen oder ärgern über schamlose Liebedienerei; Nichtfranzosen werden viele Passagen ratlos lassen.
Zürcher dürfen sich wenigstens amüsieren über einen Ausflug in die Sterbeszenerie der Dignitas; die grotesk überzogenen Beschreibungen haben bereits den Protest von Dignitas-Chef Minelli provoziert, der einschlägige Stellen geschwärzt haben wollte. Ohne Erfolg.
Schriftsteller, Künstler und der Kommissar, der den Mord aufklären muss, ähneln sich in ihrer absoluten Hoffnungsund Lustlosigkeit; alle drei ziehen sich irgendwann aufs Land zurück – nicht etwa, weil sie dort ein authentischeres Leben zu finden hoffen: Die Landbewohner sind «ungastlich, aggressiv und dumm»; nach und nach werden sie von Touristen aus China ersetzt, die Dörfer selbst zu geschleckten Kopien dessen, was sie einmal waren. Sondern aus einer seltsamen Nostalgie heraus. Zudem kann man auf dem Land leichter einsam sein.
«Friedlich, freudlos und endgültig neutral» soll das Leben sein, wünscht sich Jed Martin; in seiner letzten künstlerischen Phase wirft er einen «pflanzlichen Blick» auf die Welt. Der Mensch, repräsentiert von verwitterten PlaymobilFiguren, zerfällt, ebenso all die Dinge, die er hergestellt hat. «Die Vegetation trägt den endgültigen Sieg davon» lautet der letzte Satz dieses Romans.
Was ist daran lesenswert, wenn man nicht seinen zivilisationskritischen Masochismus befriedigen will? Schwer zu sagen. Der Glutkern persönlicher Verletzung, der etwa die «Elementarteilchen» passagenweise berührend machte, ist ausgebrannt; die genetischen Zukunftsvorstellungen, mit denen er in «Die Möglichkeit einer Insel» spielte, verschwunden. Was Houellebecq über Kunst und Künstler zu sagen hat, ist von erschütternder Banalität; jenseits des Marktes gibt es nur das Geschwafel verstiegener Kritikerprosa.
Plastikhafte Prosa
Schon klar, dass dieser Autor und seine Bewunderer nicht mehr daran glauben, mit schönen oder scharfen Sätzen die Wirklichkeit packen zu können. Aber muss man deshalb völlig kapitulieren vor den aufgeblasenen Pseudostilen der Werbung und der PR? Houellebecq persifliert und parodiert ja gerade nicht, er paraphrasiert und copypasted wie ein französischer Guttenberg (tatsächlich hat man ihm, was aber natürlich moralisch völlig irrelevant ist, Entlehnungen aus Wikipedia vorgeworfen).
Seine Prosa hat, von Anfang bis Ende, etwas Plastikhaftes. Er arbeitet mit Versatzstücken, Worthülsen, ausgelutschten Wendungen – nein, er arbeitet nicht einmal damit, sondern klebt sie einander zu einer lauwarmen, antriebslosen Prosa. Manchmal glaubt man eine literarische Entsprechung des Fotorealismus vor sich zu haben, manchmal die unscharfen Fotografien eines Gerhard Richter. Beides zusammen gabs allerdings noch nie, schon gar nicht in Prosa; und es funktioniert auch nicht. Überpräzise und nichtssagende Sätze; Allerweltsadjektive, durch steigernde Adverbien noch zusätzlich entwertet («sie war wirklich betörend»; «seines Wissens waren viele Regionen äusserst interessant»); dazu ein pseudosoziologischer Ton, der ständiges Besserwissen suggerieren will: Das nervt bei der Lektüre ebenso wie die unentwegten Exkurse in entlegene Bildungsgefilde, in denen man sich überhaupt nicht aufhalten will – schon weil man nicht weiss, was all das mit der Handlung, den Personen, dem Thema zu tun hat.
Houellebecq ist also ein Provokateur geblieben. Diesmal nicht mit Ausfällen gegen Frauen oder den Islam, sondern mit einem Buch der Trostlosigkeit, das auch noch trostlos geschrieben ist.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.03.2011, 11:22 Uhr
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11 Kommentare
Wenn der Verein Dignitas mit Namen genannt wird, dann ist es Verleumdung. Ohne Namen wären die schriftstellerischen Freiheiten ok. Hinter einem Verein stehen Menschen, Betroffene und die dürfen nicht einfach in den Dreck gezogen werden. Was würde umgekehrt passieren, wenn ein Buchautor über irgendeine andere Organisation (Greenpeace, Auns, Landeskirche) solch eklatante Lügen verbreiten würde? Antworten

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