«Die Schweiz ist kein sicherer Hafen mehr»»
Von Martin Ebel. Aktualisiert am 21.01.2010 8 Kommentare
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Das Buch
Maravan ist ein Tamile in Zürich, Asylbewerber und Küchenhilfe. Eigentlich aber ist er ein Künstler. Das zeigt sich, als er die schöne Andrea verführt: mit einem «Love Menu», das traditionelle ayurvedische Rezepte mit Verfahren der molekularen Küche kombiniert. Ein Liebesmahl, dem auch Andrea nicht widerstehen kann, obwohl sie sonst für Männer nichts übrig hat. Fortan kochen die beiden für Paare, bei denen nichts mehr läuft, aber auch für ältere Geschäftsleute und ihre Gespielinnen. Maravan, dem konservativen Hindu, ist bei den «unanständigen» Veranstaltungen nicht wohl, aber er braucht Geld: für eine kranke Tante in Sri Lanka und seinen Neffen, den er aus den Fängen der Tamil Tigers befreien will. Und dann ist da noch die scheue Landsfrau Sandana . . .
In Martin Suters neuem Roman wird viel und exotisch gekocht, Zubehör wie ein Rotationsverdampfer spielt eine tragende Rolle. Ein zweiter Handlungsstrang führt in die gerade heftig erschütterte Finanzwelt und in den Waffenhandel. Die Bösen sind böse und die Guten richtig gut, aber selbst sie entgehen nicht der Einsicht, in Gier, Gewinnsucht und Gewalt verstrickt zu sein. Es gibt eben kein richtiges Leben im Falschen, hätte Adorno dazu gesagt. Suter zeigt, wie man diese Erkenntnis erzählen kann. «Der Koch» ist gründlich recherchiert, exakt konstruiert, straff und temporeich erzählt. Suters Sprache, kurz und knackig, dient immer dem, was sie transportiert; sie stört nicht und hält nicht auf. Kurz: gutes Handwerk. Und wer die Wirkung des «Love Menu» nachprüfen will: Am Ende gibt es die Rezepte. (ebl)
Martin Suter: Der Koch. Roman. Diogenes, Zürich 2010. 312 S., ca. 39 Fr.
Am 3. Februar, um 20 Uhr, liest Martin Suter im Schauspielhaus (Pfauen) aus seinem neuen Roman.
Johannes Mario Simmel litt wie ein Hund darunter, dass er nur bei den Lesern Erfolg hatte, von den Kritikern aber als Autor von Trivialliteratur verachtet wurde. Martin Suter muss nicht leiden: Er hat die Leser und auch meist die Kritiker auf seiner Seite. Die Gunst der Zeit – heute sind die Grenzen zwischen U-(Unterhaltungs-) und E-(ernster)Literatur durchlässiger geworden. Auch literarisch ambitionierte Autoren wollen ihre Leser fesseln, und auch Unterhaltungsschriftsteller bemühen sich um einen eleganten Stil und eine tragfeste Konstruktion.
Martin Suter hält die Unterscheidung von U und E grundsätzlich für nicht sinnvoll: «Selbst bei Thomas Mann ist das Unterhaltungselement da, ganz bewusst sogar. Und bei E. T. A. Hoffmann kann man genau beobachten, wie er die Aufmerksamkeit des Lesers steuert.» Hoffmanns «Elixiere des Teufels», diese grandiose schwarzromantische Schauergeschichte, ist eines der grossen Leseerlebnisse von Martin Suter. Ein anderer Lieblingsautor ist der Engländer Somerset Maugham. An ihm mag er die Fähigkeit, «Bilder in mir abzurufen, die ich noch nie gesehen habe», und die Freiheit des Urteils – eben auch die Freiheit vom Urteil. So wie Somerset Maugham will auch Suter keine Moral predigen in seinen Romanen. Und seine Leser auch nicht belehren. «Es ist nicht so, dass ich eine Botschaft habe und einen Roman daraus mache. Ich schreibe einen Roman – und manchmal formuliert er eine Botschaft.»
Wie weit geht jemand für Geld?
So wie «Der Koch», sein jüngstes Werk, in dem es der tamilische Asylbewerber und Küchengehilfe Maravan mit Abgesandten der heimischen Befreiungstiger, mit Finanzjongleuren und mit Waffenhändlern zu tun bekommt. Der Katalysator des Geschehens ist Maravans besondere Gabe: Er zaubert Menüs mit unwiderstehlich erotisierender Wirkung. Ursprünglich zur Belebung erschlaffter Ehen gedacht, geraten Maravans Künste ins Visier der Edel-Sex-Szene, was dem konservativen Tamilen gar nicht recht ist.
Wie weit geht jemand für Geld? Geld, das er braucht, um seiner Familie das Überleben zu ermöglichen (wie Maravan), oder einfach mehr Geld, immer mehr Geld (in der Finanzwelt). Das ist nun durchaus eine moralische Frage; beantwortet wird sie nicht explizit, sondern durch Erzählung, vor allem durch die raffinierte Verknüpfung verschiedener Handlungsfäden.
Schriftliche Selbstgespräche
Darin ist Suter ein Virtuose. Im Gespräch verrät er einiges über seine Arbeitsweise. So führt er während der Konstruktionsphase regelrechte Selbstgespräche – schriftlich! Und die Erzählebenen markiert er am Computer mit unterschiedlichen Farben, um so mit einem Blick zu erkennen, ob der Erzählrhythmus stimmt. Der ist ihm besonders wichtig, und auch da, sagt er, war E. T. A. Hoffmann mit seiner Methode, die Spannung zu steigern und wieder zu lockern – «eine Art Hitchcock-Prinzip» –, ein guter Lehrmeister. Und die Sprache, wie feilt und poliert er die? So lange, bis sie nicht mehr auffällt, lautet die Antwort. Suter ist kein sprachverliebter Autor. Er will sich nicht «bei jedem Absatz vor einer Formulierung verbeugen». Aber es gibt «keinen Satz, den ich nicht dreimal gestrichen habe, ehe ich ihn stehen liess».
Ein Stück Gerechtigkeit schaffen
Was war die Initialzündung für den «Koch»? Suters Antwort ist einigermassen verblüffend: «Ich gehe mit verschiedenen Ideen um, und wenn sich bei einer ein Wohlbefinden einstellt, verfolge ich sie weiter und hoffe, das Gefühl trügt mich nicht.» Beim «Koch» war es die Idee, dass jemand «eine Art Zauberer» ist, dessen Gabe von anderen missbraucht wird. Und dann «kommt die Logik ins Spiel», dann «fügt sich eins ins andere». Ein tamilischer Flüchtling etwa ist nicht vorstellbar ohne seinen familiären Hintergrund, in den Jahren 2008/09 also nicht ohne den Bürgerkrieg auf Sri Lanka.
«Das Weltgeschehen kann ich nicht beeinflussen, aber das Geschehen in meiner Geschichte»: Der Schriftsteller hat die Chance, im Mikrokosmos seines Romans ein Stück jener Gerechtigkeit herzustellen, an der es draussen in der Welt dramatisch mangelt. Genau das hat sich Suter im «Koch» auch gestattet, was das Gerechtigkeitsbedürfnis des Lesers hochgradig befriedigen wird – wie allerdings, wird hier nicht verraten. Schon weil Suter heftig darum gebeten hat.
Besorgter Blick auf die Schweiz
Das Gespräch entwickelt sich nun weg vom «Koch»; allerdings nicht hin zum neuen Roman, den Suter bereits in Arbeit hat; über ungelegte Eier will er, wie die meisten Schriftsteller, nicht sprechen. Wir sprechen über die Schweiz, die der in Guatemala und auf Ibiza lebende Autor mit Besorgnis betrachtet. Er hat verfolgt, wie die Identität der Schweiz in den letzten zehn Jahren erschüttert wurde. Das Ergebnis der Minarett-Abstimmung hat ihn überrascht und schockiert.
Seine Überlegung, sich mit seiner Frau und der kleinen Tochter in naher Zukunft wieder in der Schweiz niederzulassen, hat er erst einmal zurückgestellt. Die Wahrscheinlichkeit terroristischer Angriffe ist nach dem Abstimmungsergebnis in seinen Augen gestiegen. Auch die Fremdenfeindlichkeit, die sich neuerdings sogar gegen Deutsche, die am wenigsten fremden Ausländer, richtet. Seine Adoptivtochter ist drei Jahre alt und als Guatemaltekin «sieht sie nicht aus wie Heidi»: Wird man sie das eventuell spüren lassen? Der Plan, «fürs Alter» zurückzukehren, bleibt. Aber «die Schweiz ist kein sicherer Hafen mehr».
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.01.2010, 06:44 Uhr
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8 Kommentare
Eigentlich sollte Herr Suter aus seiner mittelamerikanischen Warte mitgekriegt haben, dass das Leben unsicher ist. Eventuell hat er etwas vom Erdbeben in Haiti gelesen. Dort sind mehr Menschen in wenigen Sekunden gestorben, als Islamisten je in die Luft sprengen können. Vlt. hat er auch von den Auslassungen des weissen haitianischen Botschafters in Brasilien gehört. M.S. hat lustige Probleme... Antworten
Es ist ein Armutszeugnis, dass wir das zugelassen haben. Zu lange haben jedoch die vernetzten Denker das Steuer den Populisten überlassen und nicht wie zu Muschgs' und Frischs' Zeiten, klar auch öffentlich politisch Stellung bezogen. Diesen Mangel kreide ich den intellektuellen Kreisen schon lange an. Martin Suter war da eine löbliche Ausnahme, aber zu elegant und zurückhaltend 'rübergebracht'! Antworten
Der Mann hat recht und sieht die Dinge richtig! Wie viele andere auch sehe ich die Schweiz als extrem "eigenartig-paranoid" in Bezug auf fremdkulturelles und die krankhafte DE-Hasserei ist schon mehr als tragisch-peinlich, da besonders die DE's gar keine fremde Kultur haben bzw. Fremde sind! Antworten
M. Suter scheint (da im Ausland weilend?) die Schweiz etwas aus den Augen verloren zu haben. Ich denke nicht dass Schweizer fremdenfeindlicher sind als andere Landsleute. Auch kenne ich niemanden in meinem Umfeld, der nur Mädchen mag welche aussehen wie Heidi... Allerdings müssen sich Zuzüger auch in der Schweiz (in welchem Land nicht?) assimilieren um selber glücklich und geschätzt zu werden. Antworten
@ Walter Krauer: Tja, die Wirtschaftliche Bedeutung eines sicheren Hafens in der westlichen Welt nimmt ab, weil die westliche Welt selbst Macht abgibt. Die Wirtschaft Nr. 1 ist China, die USA und der gesamte Westen werden in 20 Jahren in der 2. Liga spielen. China wächst fast 11% während sich die USA und Europa in einer Rezession befinden... Antworten







Tom Müller
Dafür, dass Martin Suter E-Literatur schreibt, hat er ein ziemlich folkloristisches Bild von der Schweiz. Antworten